Grabungen Steinleinsfurt

Sechser im Lotto für Archäologen

19.7.2021, 14:55 Uhr
Eine der bedeutendsten Grabungen Mittelfrankens - und die Archäologen sind erst am Anfang. In den kommenden Monaten wird mitten im Weltkulturerbe gegraben.

Eine der bedeutendsten Grabungen Mittelfrankens - und die Archäologen sind erst am Anfang. In den kommenden Monaten wird mitten im Weltkulturerbe gegraben. © ADA Archäologie, NN

Aus archäologischer Sicht ist das höchst spannend. Denn die Zeit großer Grabungskampagnen ist vorbei. Die Politik des Landesamts für Denkmalpflege: konservieren statt graben.

Die Archäologen rücken nur an, wenn die Zerstörung des Befunds droht. Also im Regelfall bei Baumaßnahmen, und die finden selten auf historisch spannenden Flächen statt. Denn der Bauherr muss die Grabungen zahlen. Und das kann teuer werden.

Was versteckt der Boden?

Dass im Kernbereich eines UNESCO-Weltkulturerbes gegraben wird, ist also selten. Dass es sich dabei um eine derart große Fläche handelt, ist noch seltener. Dass große Teile dieser Flächen noch weitgehend ungestört sind, ist, wie soll man sagen, "am seltensten". Nicht umsonst schaut die Provinzialrömische Forschung mit großem Interesse auf das, was in den kommenden Monaten in Weißenburg aus dem Boden kommt.

Die Voraussetzungen für Funde sind aus vielerlei Gründen optimal. Die Fachleute erwarten, dass sie am Ende mehrere Tonnen Material haben werden.

Die Voraussetzungen für Funde sind aus vielerlei Gründen optimal. Die Fachleute erwarten, dass sie am Ende mehrere Tonnen Material haben werden. © ADA Archäologie, NN

Denn immer noch sind viele Fragen offen, wie die römischen Militärstandorte samt ihrer Zivilsiedlungen am Limes ausgestattet und organisiert waren. Und Weißenburg war zwischen Aalen und Regensburg immerhin einer der bedeutendsten Stützpunkte des Imperiums am Limes.


Weißenburg und die Römer: Neue Untersuchungen


"Das ist für uns wie ein Sechser im Lotto", sagt Dr. Markus Arnolds. Der in Ettenstatt wohnende Archäologe ist mit seiner Weißenburger Firma ADA Archäologie für die Grabung zuständig. Nach knapp 2000 Jahren den Boden des römischen Weißenburgs freizulegen und nach den Spuren der fernen Vergangenheit suchen, ist das, was Kinder zu Archäologen werden lässt.

Die Realität der Archäologie ist allerdings weniger Indiana-Jones-haft, als sich das manch einer vorstellen mag. Daran ändert auch der Lederhut von Markus Arnolds wenig. Es geht bei dieser Wissenschaft weniger um glitzernde Schätze als mehr um Genauigkeit und Detailversessenheit. Am Ende kann es eine einzige Scherbe sein, wegen der man die Geschichte umschreiben muss. Oder eben eine Gürtelschnalle, aber dazu später mehr.

Ein echter Flickenteppich

Das Gelände im Steinleinsfurt präsentiert sich als eine Art Flickenteppich aus Löchern unterschiedlicher Tiefe. Als hätte ein lustloses Kind mit einer Schaufel im Sandkasten hantiert. Dort nur die Oberfläche angekratzt, dort tief in den Boden gestochen.

Die Wohnungsgenossenschaft Eigenheim will das Stadtviertel Steinleinsfurt, das vor rund 100 Jahren quasi ihre Keimzelle war, in den nächsten Jahrzehnten in ein modernes Wohnquartier umgestalten. Kürzlich wurde mit dem Abbruch begonnen.

Die Wohnungsgenossenschaft Eigenheim will das Stadtviertel Steinleinsfurt, das vor rund 100 Jahren quasi ihre Keimzelle war, in den nächsten Jahrzehnten in ein modernes Wohnquartier umgestalten. Kürzlich wurde mit dem Abbruch begonnen. © Robert Renner, NN

In den einzelnen Kratern verstreut arbeiten die Archäologen. Eine Frau zeichnet geduldig das Profil einer Erdschicht ab. Ein Federmäppchen – wie aus der Grundschule mit Buntstiften geladen neben ihr – lehnt sie im Lehm. Die Dokumentation ist entscheidend. Die Position jeder Scherbe muss vermerkt werden, jede Verfärbung im Boden, die auf einen Balken hinweist, der dort einmal stand, jede Mauer in ihrer Ausrichtung...

Die Sache mit der Gürtelschnalle

Erst aus dem Zusammenhang all dieser exakten Informationen lassen sich später Interpretationen entwickeln, wie es im römischen Weißenburg zugegangen sein könnte. Dabei geht es oft um die kleinen Dinge. Der größte Aufreger der bisherigen Grabung könnte etwa eine unscheinbare Gürtelschnalle sein, die aus der Erde Biricianas geborgen wurde.

Ein Schnallendorn könnte Weißenburg ein halbes Jahrhundert älter machen. Er datiert aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Da aber hätten die Römer noch gar nicht hier sein dürfen.

Ein Schnallendorn könnte Weißenburg ein halbes Jahrhundert älter machen. Er datiert aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Da aber hätten die Römer noch gar nicht hier sein dürfen. © ADA Archäologie, NN

Eine von Arnolds Archäologinnen konnte sie auf die erste Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus datieren. Nur: Zu diesem Zeitpunkt dürften nach gängiger Lehrmeinung eigentlich noch gar keine Römer in Weißenburg sein. Ist das römische Weißenburg ein halbes Jahrhundert älter als gedacht? "Das kann man noch nicht sagen, aber es wäre möglich", sagt Archäologe Arnolds.

Noch ist die Gürtelschnalle nur ein Indiz. "Es könnte sich auch um ein Altstück handeln, das erst später mitgebracht wurde", erklärt der Fachmann. Aber 50 Jahre wäre doch eine beachtliche Nutzungsdauer für eine Gürtelschnalle.


Archäologen finden römisches Steinhaus in Weißenburg


Die weiteren Grabungen und Funde werden zeigen, ob diesem Indiz weitere folgen. Derzeit ist man erst auf einem Drittel der Fläche aktiv und dort noch lange nicht fertig. Trotzdem hat man schon 400 Kilogramm Fundmaterial gesammelt. Überwiegend römische Keramik, aber auch Münzen und Dinge des Alltags. Bis zum Ende der Grabungen auf dem Gesamtgelände werden zwei bis drei Tonnen Fundmaterial zusammengekommen sein, schätzt Arnolds.

Denn eines hat sich schon gezeigt: "Die Erhaltungsbedingungen hier sind perfekt und die Funddichte ist groß." Das liegt daran, dass große Teile der Flächen Kleingärten waren, die man zur Eigenversorgung der Bewohner der Wohnhäuser aus den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts eingerichtet hatte. Da der Aushub der Baumaßnahmen auf den späteren Gartenflächen landete, stieß kein Kleingärtner mit Schaufel und Spaten in die römischen Schichten vor, die nun weitgehend unberührt auf Arnolds und seine Kollegen warten.

Jeder Stein, jede Scherbe muss dokumentiert werden. Mitunter auch in akribischen Zeichnungen. So sollen die Funde auch später noch interpretierbar bleiben

Jeder Stein, jede Scherbe muss dokumentiert werden. Mitunter auch in akribischen Zeichnungen. So sollen die Funde auch später noch interpretierbar bleiben © Jan Stephan, NN

Schaut man auf den historischen Stadtplan Biricianas, befindet man sich im Steinleinsfurt an dieser Stelle in einer Nebenstraße des Ortskerns von Biriciana. Übersetzt auf das moderne Weißenburg. Nicht die Luitpoldstraße, aber schon mindestens die Judengasse.

Bisher hat man die Gebäude gefunden, die man erwartet hatte. Die Grundrisse langer Streifenhäuser, die mit ihren zehn bis zwölf Meter breiten Frontseiten auf die Straße ausgerichtet waren, und die bis zu 40 Meter lang waren. In ihnen waren zur Straße hin meist Läden, Werkstätten oder Tavernen untergebracht, es folgten Lagerräume und der Wohnbereich. Nach hinten schlossen sich Freiflächen mit privaten Latrinen und Kleingärten zur Selbstversorgung an. Nicht viel anders, als man das rund 1900 Jahre später auch wieder plante.

Wird es spektakulär?

Die Frage ist nun, was die kommenden Monate bringen werden. "Wir werden sicher auf eine Straße stoßen", ist sich Arnolds sicher. "Aber auch eine Mansio, also ein Rasthaus, wäre vorstellbar, oder vielleicht ein Tempel..." Auch ein Forum, eine Markthalle oder ein Amphitheater liegen im Bereich des Möglichen, wenn auch Unwahrscheinlichen.

Zehn Archäologen sind derzeit auf dem Gelände im Steinleinsfurt eingesetzt. Darunter auch Wissenschaftler aus Polen.

Zehn Archäologen sind derzeit auf dem Gelände im Steinleinsfurt eingesetzt. Darunter auch Wissenschaftler aus Polen. © Jan Stephan, NN

Und, wer weiß, vielleicht taucht etwas ähnlich Spektakuläres auf wie der Weißenburger Römerschatz. So gut wie jetzt standen die Chancen für solche Entdeckungen jedenfalls noch nie. Ein bisschen Indiana Jones hat die Archäologie dann eben doch zu bieten. Vor allem in der Fantasie auf das, was in den nächsten Monaten noch kommen könnte.

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