Freitag, 17.01.2020

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Weißenburg: Steinleinsfurt wird völlig umgebaut

Die fast 100 Jahre alten Häuser sind zu marode für eine Sanierung - 07.12.2019 05:58 Uhr

Typisch Steinleinsfurt: So oder so ähnlich sehen die Gebäude in weiten Teilen des Quartiers aus. Sie sind zum Teil fast 100 Jahre alt und sollen nach den Plänen der Wohnungsgenossenschaft Eigenheim in den nächsten Jahren durch Neubauten ersetzt werden. © Foto: Robert Renner


Eigenheim – Weißenburgs größter Vermieter mit über 840 Wohnungen – hat ehrgeizige Pläne. Steinleinsfurt, quasi die Keimzelle der Wohnungsgenossenschaft, soll komplett umgestaltet und zu einem modernen Wohnquartier werden. Das größte städtebauliche Vorhaben seit Langem wurde jetzt im Stadtrat öffentlich vorgestellt.

So voll hat man den Sitzungssaal im Gotischen Rathaus lange nicht mehr gesehen. Sämtliche Besucherbänke waren besetzt und städtische Mitarbeiter sowie Stadträte mussten Stühle aus dem Fraktionszimmer holen, um für Sitzmöglichkeiten zu sorgen. Etliche Steinleinsfurter waren gekommen, um die Umbaupläne für ihr Stadtviertel zu sehen.

Und nicht alle waren begeistert, schließlich wohnen sie mitunter seit Jahrzehnten dort und fürchten nun um ihre vertrauten vier Wände, denn von den Mietshäusern in Steinleinsfurt werden nur wenige stehen bleiben. Sie sollen dem Konzept zufolge abschnittsweise in den kommenden drei bis vier Jahrzehnten durch Neubauten ersetzt werden.

Dabei soll die Bebauung verdichtet werden, und es sollen größere Gebäude entstehen, sodass am Ende über 200 Wohnungen zur Verfügung stehen. Derzeit ist es rund die Hälfte. Genossenschaftsvorstand Thomas Hanke spricht von einem "wichtigen Baustein für unsere Weiterentwicklung". Und die sei notwendig, denn: "Wir sind ein Unternehmen und wirtschaftlich gegenüber unseren Mitglieder verpflichtet."

In der Stadtratssitzung machte er zugleich deutlich, dass auf die derzeitigen Mieter Rücksicht genommen werde. Kündigungen seien nicht zu umgehen, wenn Häuser abgebrochen würden, aber Eigenheim habe einen großen Wohnungsbestand, sodass Ersatzwohnungen angeboten werden könnten. Auch sei die Genossenschaft bereit, weitere Hilfestellungen, beispielsweise bei Umzügen, zu geben. Zudem hätten die Bewohner aufgrund der langjährigen Mietverhältnisse lange Kündigungsfristen.

"Wir wollen niemanden vertreiben, und wir werden mit den Menschen sprechen", versicherte Hanke. Und auch Oberbürgermeister Jürgen Schröppel machte deutlich: "Es wird hier niemand obdachlos. Die Mieter werden eingebunden." Das ist auch den Stadträten ein Anliegen. Elisabeth Pecoraro (SPD) beispielsweise ist es wichtig, "den Menschen die Angst zu nehmen", denn viele ältere Bewohner "treibt das um, wenn ihr Haus abgerissen wird".

Hanke verwies darauf, dass die 2016 und 2019 geschaffenen Wohnungen Am alten Sportplatz einen "sehr, sehr großen Zuspruch" erfahren haben. Das gebe ihm und allen Beteiligten die Hoffnung, "dass wir in Steinleinsfurt Ähnliches schaffen können".

Stadtplaner Reiner Bittner vom gleichnamigen Architekturbüro in Stopfenheim machte deutlich, dass dies das Ergebnis eines Planungs- und Diskussionsprozesses sind, in den die Bauverwaltung ebenso einbezogen war und ist wie das Tiefbauamt und die Stadtwerke. Auch das Landesamt für Denkmalpflege sei angefragt worden, weil bekanntlich unter Steinleinsfurt weite Teile der einstigen römischen Zivilsiedlung lägen. Kämen entsprechende Funde zutage, könne es auch sein, dass umgeplant werden müsse, sagte Hanke.

Für Eigenheim bietet sich ihm zufolge die Investition in Steinleinsfurt förmlich an. Es handelt sich um ein sehr ruhiges Wohnviertel. Die Gebäude sind relativ alt, müssten modernisiert und saniert werden. Das gesamte Quartier hat ein hohes Potenzial zur Nachverdichtung, weil viele Freiflächen vorhanden sind.

Und: Alle Häuser stehen auf genossenschaftlichem Grund. "Wenn man so etwas hat, muss man es weiterentwickeln, noch dazu wenn man als Eigentümer selbst für den baulichen Lärmschutz sorgen kann", machte Stadtplaner Bittner in einem Pressegespräch deutlich.

Stadtplanerisch aber sei die Sache eine Herausforderung. Einerseits müsse, um den Lärmschutz für das Viertel sicherzustellen, entlang der Gunzenhausener Straße eine Riegelbebauung geschaffen werden, andererseits gelte es die villenartige Situation entlang der Einfallstraße aufzugreifen. Daher sollen Gebäudeköpfe mit untergeordneten Zwischenbauten entlang der Gunzenhausener Straße entstehen.

Bewohnergerecht gestalten

Nächster Punkt: "Die Verkehrssituation ist haarsträubend", sagt Bittner nicht zuletzt mit Blick auf die vielen in den engen Straßen parkenden Autos. Und die Zufahrt sowie das Parken an den Römischen Thermen sind alles andere als gut gelöst. "Die Situation vor den Thermen erschließt sich keinem Auswärtigen", macht der Planer deutlich, der das Quartier trotzdem aber nicht "verkehrs-, sondern bewohnergerecht" gestalten will.

Wenn so eine umfassende Neugestaltungsmöglichkeit gegeben werde, müsse ferner ein Energiekonzept miterarbeitet werden. Danach hatte auch Grünen-Stadtrat Maximilian Hetzner, der die Planungen insgesamt "sehr ansprechend findet", gefragt, und Vorstand Hanke erläuterte, dass Eigenheim dazu "in guten Gesprächen mit den Stadtwerken" ist.

Mit Blick auf das Thema Natur- und Ressourcenschutz bat Andre
Bengel (SPD), Regenwasserzisternen nicht zu vergessen. Und trotz der sinnvollen Nachverdichtung sollte Platz gelassen werden, "damit die Leute garteln können". Das Thema Selbstversorgung sei wieder im Kommen, ist Bengel überzeugt.

Klaus Drotziger (CSU) lobte die "gute Lösung für den Verkehr" und verwies auf die Lage des Sanierungsgebiets zwischen den römischen "Hotspots" Kastell und Therme, die bei dieser Gelegenheit besser verbunden werden könnten. Die Achse zwischen beiden könnte tatsächlich "ganz anders gestaltet werden", pflichtete Hanke ihm bei.

"Ein bisschen Bauchschmerzen" hat hingegen Erkan Dinar (Die Linke). Er geht davon aus, dass die Mietpreise steigen werden, "und zwar deutlich". Eine Erhöhung sei unumgänglich, machte Hanke deutlich. Doch Eigenheim sei ein "sehr sozialverträglicher Vermieter". Die Durchschnittsmiete pro Quadratmeter liege bei seiner Genossenschaft derzeit bei 4,88 Euro. Auf eine Prognose zu den künftigen Mieten in Steinleinsfurt wollte sich der Vorstand nicht einlassen.

Die Stimmung in der großen Mehrheit des Stadtrats beschreibt wohl die Aussage von Heinz Gruber am besten: "Respekt, da habt Ihr Euch was vorgenommen", meinte er an die Adresse der Eigenheim-Verantwortlichen. Der Stadtrat werde das Vorhaben "wohlwollend begleiten". Der Freie Wähler: "Wir wissen, was wir an Eigenheim haben."

ROBERT RENNER

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