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Mittwoch, 11.12.2019

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Reimen gegen den Weltschmerz

Gedichtband - 25.11.2019 19:16 Uhr

Aus Sicht des Dichters liefert unser Alltag reichlich Anlass für Stimmungseintrübung. Berufsstress und Zukunftsängste machen manchen mürbe. Unter dem Titel "Melancholie" heißt es: "Meine Freunde haben sich rar gemacht. . . konservieren ihre letzte Hoffnung in Alkohol, basteln im Hobbykeller heimlich an einer Karriere, haben keine Zeit zu verlieren oder ziehen sich dankbar zurück in die zweifelhafte Geborgenheit psychiatrischer Anstalten."

Das Gesamtgesellschaftliche im wiedervereinten Deutschland bietet in Siegfried Schüllers Darstellung ebenfalls ein wenig erfreuliches Bild. Seine "Wendeland-Saga" endet: "Gealdit, belidlt, geklotzt und bekleckert, ama-zont, verharzt und wundgeschleckert, vereint verkohlt und geschrödert, vermerkelt, umrautet, begauckt. Doch wie man es wendet: Wir sind wieder mehr. Wir sind das Woll! Ob es volkt oder nicht."

Leben auf dem Land

Freilich ist da das Geschlechtliche, durch welches das Weh der Welt zeitweilig beträchtlich gelindert werden kann. Schüller bedichtet "Was bleibt": "Da liege ich so still an dir, schon seit Äonen schweigend, ein nur für dich beredter Stein. Wenn ich den Ort an deiner Seite auch bald verlassen werde, so weiß ich doch, hier bleibt ein kleiner Knutschfleck auf der Haut der Erde."

"Oh ihr Affenahnen! Wärt ihr doch auf euren Bäumen geblieben", dichtet Siegfried Schüller. Da die Menschheitsgeschichte leider anders verlaufen ist, kehrte der Autor vor diversen Jahren Nürnberg den Rücken, um künftig auf dem Land (nahe Neumarkt in der Oberpfalz) zu leben. Das war seine kleine Flucht in ein vermeintliches Idyll. Sein Ziel war es, der Natur näher zu sein.

Doch wer einmal vom Baum der Erkenntnis gekostet hat, wird den Zweifel nicht mehr los: "Blumen und Blüten bedicht ich nicht mehr und überlasse das Schwärmen den Bienen. Aber beim Blick auf die Landschaften frag ich mich schon, was uns wohl noch alles blüht." Dass der Verse schmiedende Skeptiker aus der Großstadt in seiner neuen dörflichen Heimat nicht immer nur auf Verständnis stößt, ist kaum überraschend. Im Gedicht "Schädling" heißt es: "Am Rande des Dorfes der Gemeinschaft mit den holzgeschnitzten Regeln existiere ich geachtet wie der Borkenkäfer."

Siegfried Schüller: Im Supermarkt der geheimsten Gefühle, Verlag BoD, 196 Seiten, 19 Euro.

BERND ZACHOW

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