Die Kunst, Krisen zu meistern

Resilienz: Von den Bäumen lernen

Petra Bittner
Petra Bittner

Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung

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31.10.2021, 06:45 Uhr
Bekanntes Gefühl? Manchmal wird einem alles zu viel... - Resiliente Menschen gehen herausfordernde Situationen mit Struktur und einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft an. Gute Nachricht: Das lässt sich lernen, sagt ein Relienz-Coach aus Wendelstein.

© Nicolas Armer/dpa, NN Bekanntes Gefühl? Manchmal wird einem alles zu viel... - Resiliente Menschen gehen herausfordernde Situationen mit Struktur und einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft an. Gute Nachricht: Das lässt sich lernen, sagt ein Relienz-Coach aus Wendelstein.

Herr Osterkamp, nach der Wahl ist vor der Wahl. Merkt man auch daran, dass gescheiterte Kandidaten wie Armin Laschet (CDU) nun wieder demontiert werden, Martin Schulz von der SPD ging es nicht besser. Als bekennendes Weichei frage ich mich da immer: Wie halten die Betroffenen das bloß aus? Sie auch?

Es gibt natürlich eine Diskrepanz zwischen dem inneren Gemütszustand und dem Auftreten nach außen. Personen des öffentlichen Lebens haben gelernt, ihre Befindlichkeiten vor anderen zu verbergen – und schaffen das meistens auch ganz gut.

Aber nicht nur Politiker müssen mit Niederlagen umgehen. Das beginnt bei jedem von uns schon im Kleinstkindalter: Als Baby fällt man x-mal auf den Hosenboden, bevor man auf zwei Beinen laufen kann. Niederlagen sind also nicht das Ende der Welt. Es geht darum, mit Herausforderungen umzugehen.

Den Unterschied in Ihrem Beispiel macht vor allem das Publikum. Bei Politikern schauen viele Beobachter ganz genau hin: „Was macht der da?“

Tja, was macht der da? Ralph Edelhäußer, Ex-Bürgermeister der Kreisstadt, sitzt jetzt als Bundestagsabgeordneter in Berlin. Sicher weht dort ein anderer Wind, als im Rother Rathaus. Sie haben in Ihrer Tätigkeit als Coach viel mit führungsaffinen Zeitgenossen zu tun. Wie gehen die mit Kritik um, wie packen sie Herausforderungen und Krisen an? Kurz: Was machen sie anders?

Diese Menschen haben oft eine hohe „Selbstwirksamkeitserwartung“. Das heißt: Sie sind der Überzeugung, bestimmte Kompetenzen zu besitzen, um etwas schaffen zu können.

Ein zweiter Faktor ist ihre „Kontrollüberzeugung“. Das bedeutet, dass sie der Überzeugung sind, eine Herausforderung zu meistern, weil sie sich Ziele setzen, weil sie delegieren oder auf ein Team zurückgreifen können. Weil sie also über ein entsprechendes Instrumentarium verfügen und wissen, wie man es nutzt.

Eine Frage der Gene?

Mit solchen Kompetenzen wird man nicht geboren. Sie zu entwickeln, ist ein dynamischer Prozess, den unterschiedliche Erfahrungen prägen. Auch da ist die Kindheit wegweisend: Wer aus einem eher zögerlichen, pessimistisch eingestellten Elternhaus stammt, hat es sicher schwerer, einen stabilen Glauben an seine eigenen Fähigkeiten aufzubauen, als jemand, der von vornherein positiv geprägt wird.

Bringen wir eine Begrifflichkeit ins Spiel, die gerade sehr prominent ist: „Resilienz“. Sie scheint der Schlüssel zur Bewältigung komplexer Herausforderungen zu sein. Die Vokabel wird inzwischen aber recht willkürlich verwendet, wie mir scheint. Im Radio war neulich von der „Resilienz eines Nationalparks“ die Rede. Ich denke, wir brauchen erstmal Klarheit im Hinblick auf diesen verwässerten Ausdruck!

Ja, ein Wort wie ein Mythos! Aber dieser Begriff ist tatsächlich nichts Einheitliches, er verbindet vielmehr eine Vielzahl von Modellen, die aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen.

Das Grundprinzip lässt sich wohl am besten mit einem Beispiel aus der Natur erklären: Kennen Sie Latschenkiefern? Die wachsen in Gebirgsregionen, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt sind. Oft werden die Zweige vom Schnee regelrecht niedergezwungen, doch im Frühjahr richten sie sich wieder auf.

Diese Elastizität, die dem Baum hilft, nicht zu brechen, ist Resilienz. Es geht darum, Widrigkeiten anzunehmen und den Blick zuversichtlich in die Zukunft zu richten.

Manche Zeitgenossen sind aber resilienter als andere. Warum?

Es existiert kein Schema wie: „Wenn ich diese oder jene Charaktereigenschaft habe, bin ich automatisch resilienter“, nein. Einer effektiven Resilienzstrategie liegt der Tenor zugrunde, individuelle Bewältigungsmuster anwenden zu können und sie im Kontext der Umstände richtig zu kombinieren.

Ganz wichtig sind dabei Achtsamkeit und Akzeptanz. Mit Achtsamkeit ist gemeint, den eigenen Körper zu spüren und sich zu fragen: „Wo bin ich gerade, was bereitet mir hier Stress?“

Denn wer bewusst wahrnimmt, was aktuell einfach nicht zu ändern ist – wer die Umstände also akzeptiert - der bleibt auch offen in seiner Handlungsfähigkeit.

Der Schwenk auf unsere Corona-gebeutelte Gesellschaft bietet sich an: Uns ging es bislang gut. Wir lebten in Frieden, hatten kaum Einschränkungen. Wissen wir auch deshalb nicht so recht mit der Krise umzugehen, weil wir nie gelernt haben, wie so was läuft? Steile These, ich weiß ...

Höre ich aber oft: „Es gab schon immer Kriege und Krisen – die Leute haben trotzdem überlebt...“ Ja klar, die Frage ist nur: Wie?! Viele hatten mit dem Erlebten bis an ihr Lebensende zu kämpfen.

Die Parallele zur Gegenwart ist die: Das Stresslevel bleibt permanent hoch, man entspannt nicht mehr - also das genaue Gegenteil zum ,Säbelzahntiger-Effekt'. Sobald das Tier nämlich erlegt war, sank der Stress bei unseren Vorfahren wieder.

Experte in Sachen Resilienz: Hans-Peter Osterkamp aus Wendelstein.

Experte in Sachen Resilienz: Hans-Peter Osterkamp aus Wendelstein. © privat, NN

Und heute? Da haben wir ständig Angst - vor Ansteckung, vor dem Verlust unseres Arbeitsplatzes, vor dem Klimawandel...

Wichtig sind in so einer Situation Kommunikation und Austausch. Mit Freunden, Nachbarn, Familienmitgliedern. All das hat Corona ausgebremst. Wir werden immer mehr zu einer Gesellschaft der Einzelkämpfer. Der digitale Wandel tut ein Übriges und fördert kaum noch die Qualität, eher die Quantität des Miteinanders. Man zählt heute Follower statt Umarmungen – im Hinblick auf die Resilienz nicht gerade förderlich.

Aber durch ein Coaching kann man Widerstandsfähigkeit lernen, ja?

Jeder Einzelne kann dabei erkennen: Welche Verhaltensmuster habe ich zur Verfügung, um auf Herausforderungen einzugehen? Nicht die ständige Selbstoptimierung, sondern der Perspektivwechsel und die persönliche Entwicklung sind Schlüssel, um adäquat zu reagieren.

Was ich festgestellt habe: Die Leute wissen häufig genau, was sie nicht wollen. Dabei sollte es im Leben darum gehen, Ziele und Lösungen zu definieren - was man will, wo man hin möchte und wie man dorthin kommt. Herausforderung sind ja per se nichts Schlechtes.

Im Coaching werden auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie man mit Achtsamkeit und Akzeptanz arbeitet. Da können wir im Übrigen ebenfalls von den Bäumen lernen: Wer festen Halt hat und gut verwurzelt ist, andererseits aber flexibel bleibt, übersteht sie leichter - die unerwarteten Stürme des Lebens...

Hans-Peter Osterkamp (54) ist gebürtiger Nürnberger und lebt seit über zwei Jahrzehnten in Wendelstein. Der langjährige Managementberater und Personalrat, der sich seit 2014 zum Coach, Supervisor und zertifizierten Resilienztrainer ausbilden ließ, hat sich vor allem auf die Themen Stressbewältigung, Kommunikation, Motivation und Ehrenamt spezialisiert. An der Rother Kreisklinik war er schon öfter als Dozent zu Gast.

www.osterkamp-coaching.de

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