Freitag, 22.01.2021

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Ruhe im Bett: Zahnschiene soll Schnarchen unterbinden

Unterfränkischer Zahntechniker hat sich dem Kampf gegen nächtliche Sägearbeiten verschrieben - 22.04.2019 18:29 Uhr

Feinmechanische Präzisionsarbeit. Der Clou von Konrad Hofmanns Entwicklungen steckt in den verstellbaren Flossen, die den Unterkiefer fixieren und damit die Gefahr von Schlafapnoe reduzieren sollen.

22.04.2019 © Foto: André Ammer


Hinter vielen Erfindungen stecken persönliche Geschichten, im Fall von Konrad Hofmann war es ein tragischer Todesfall in der Familie. "Der Bruder meiner Frau litt an extremer Schlafapnoe und wurde deshalb nur 54 Jahre alt", erzählt der unterfränkische Zahntechniker. Eines Tages fand die Verwandtschaft Hofmanns Schwager tot auf dem Bett, gestorben an einem Hinterwand-Herzinfarkt. Beim nächtlichen Fernsehschauen war er wohl eingedöst und nicht mehr aufgewacht.

Hofmann machte sich Vorwürfe, dass er nicht stärker auf seinen Schwager eingewirkt hatte, diese nächtlichen Atemstillstände und ihre Folgen ernst zu nehmen und die Ratschläge seiner Ärzte zu beherzigen. "Unter anderem hat er ein Beatmungsgerät strikt abgelehnt", berichtet der 60-jährige Tüftler aus Thüngersheim bei Würzburg, der sich daraufhin intensiv der Entwicklung von sogenannten Unterkiefer-Protrusionsschienen widmete und mittlerweile mehrere Patente besitzt.

Schon so manche Ehe gerettet

Durch diese Schienen wird der Unterkiefer des Betroffenen leicht nach vorn geschoben, wodurch sich der Rachenraum vergrößert. Dadurch wird verhindert, dass Zungenmuskel und Gaumensegel zurückklappen und die Atmung beeinträchtigen. Der Schlaf der Schlafapnoe-Patienten wird wieder tiefer und erholsamer. Darüber hinaus beseitigen Hofmanns Entwicklungen die wesentlichen Auslösefaktoren für das Schnarchen.

"Wahrscheinlich haben unsere Zahnschienen auch schon so manche Ehe gerettet", scherzt der unterfränkische Unternehmer, der seit 18 Jahren ein Fachlabor für Schlafapnoe-Zahntechnik betreibt. Gelernt hatte Hofmann zunächst allerdings ganz etwas anderes, denn nach seinem Schulabschluss absolvierte er am Würzburger Fraunhofer-Institut für Silicatforschung eine Lehre zum Feinmechaniker.

"Das war eine tolle Zeit. Meine Ausbilder haben mich sehr gefördert", erinnert sich der 60-Jährige, der aber nach dem Abschluss seiner Lehre seine Faszination für die Zahntechnik entdeckte. Hofmann jobbte zeitweise als Lieferfahrer für ein Dentallabor und absolvierte nach seinem Wehrdienst eine zusätzliche Ausbildung in einer Zahntechnik-Firma.

Plötzlichen Kindstod verhindern

Seine Kenntnisse in Sachen Feinmechanik und Werkstoffkunde kamen ihm dabei sehr zugute. 1991 gründete Hofmann ein eigenes kieferorthopädisches Labor, das sich zu Beginn noch auf herkömmliche Produkte wie Zahnspangen oder Aufbissschienen konzentrierte.

Ab 2001, dem Sterbejahr seines Schwagers, beschäftigte er sich jedoch immer intensiver mit dem Schlafapnoe-Syndrom (SAS) und möglichen Gegenmaßnahmen, die deutlich unkomplizierter sein sollten als die sogenannten CPAP-Beatmungsgeräte. "Wenn sie den Alltag zu sehr einschränken, landen solche medizintechnischen Geräte früher oder später in der Abstellkammer", ist Hofmann überzeugt, der deshalb viel Hirnschmalz in den Tragekomfort seiner Zahnschienen investiert. Dafür nutzt er unter anderem die guten Kontakte zu einem Chemiker, der ihm spezielle Kunststoffe für eine harte Außenhülle und eine relativ weiche Innenseite dieser Schienen zur Verfügung stellt.

Der Clou von Hofmanns Entwicklung steckt in zwei kleinen Flossen, die den nach vorne gezogenen Unterkiefer fixieren. Diese Flossen sind austauschbar und können bezüglich der Materialstärke und der Position auf der Schiene angepasst und damit genau auf das Gebiss und den Kiefer des jeweiligen Patienten abgestimmt werden. Eine weitere Entwicklung des gelernten Feinmechanikers sind zusätzliche Verstellmöglichkeiten durch innen liegende Schraubengewinde.

Anfangs belächelt worden

Hofmann wurde von vielen Kollegen belächelt, als er vor 18 Jahren mit seiner zweiten Firma namens Orthosleep auf dem Markt auftauchte. "Schlafapnoe-Zahntechnik – was soll denn das sein?", hieß es, doch der Erfolg gab dem Unternehmensgründer recht. Zehn Zahntechniker sind mittlerweile in dem kleinen Betrieb in Thüngersheim beschäftigt und produzieren rund 4000 Unterkiefer-Protrusionsschienen pro Jahr. Auch Hofmanns Tochter Caroline und Sohn Andreas arbeiten in der Firma mit, und bald steht der Umzug in ein größeres Betriebsgebäude an.

Die Leitung der Firma hat Konrad Hofmann inzwischen allerdings abgegeben an das australische Unternehmen SomnoMed, das 16 Tochtergesellschaften auf der ganzen Welt hat und jährlich etwa 45 000 Schienen für Schnarcher, Zähneknirscher und Apnoe-Patienten fertigt. "Mir ist das einfach zu viel geworden. Ich bin Handwerker und kein Schreibtischtäter", erklärt der 60-Jährige.

Allein der bürokratische Aufwand für internationale Patentanmeldungen verschlinge unheimlich viel Zeit. "Ohne einen Patentanwalt kann man das nicht schaffen", sagt Hofmann, der nun wieder mehr Zeit für neue Entwicklungen hat. Zum Beispiel für einen integrierten Computerchip, der registriert, wann und wie lange die Schiene getragen wird und wie sich verschiedene körperliche Parameter des Trägers wie Kieferstellung oder Gewicht im Lauf der Zeit verändern.

Menschen blühen wieder auf

Vor allem aber macht Hofmann der Kontakt zu seinen Kunden Spaß. "Vielen Menschen sehe ich auf den ersten Blick an, zum Beispiel an ihrer Körperhaltung, wenn sie von Schlafapnoe betroffen sind", erzählt der Fachmann. Da sei es einfach schön, wenn man miterlebe, wie diese Menschen dank einer individuell angepassten Zahnschiene schlagartig aufblühen.

"Wir haben schon die tollsten Dinge bei uns erlebt", erzählt der unterfränkische Entwickler. Zum Beispiel jenen älteren Herrn, dessen Schiene innerhalb von vier Tagen fertig werden musste – koste es, was es wolle. Der Kunde wollte nämlich mit seiner neuen Lebensgefährtin erstmals in den Urlaub fahren und sie wohl nicht durch ein nächtliches Schnarchkonzert vergraulen.

 

André Ammer

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