Hochkarätig besetzte Konferenz

Schwabach: "Bildung als Immunsystem gegen Extremismus"

Günther Wilhelm
Günther Wilhelm

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25.10.2021, 06:04 Uhr
Bildungskonferenz in Schwabach: Moderatorin Ella Schindler (Verlag Nürnberger Presse) mit Professor Heiner Bielefeldt und dem Psychologen Ahmad Mansour.

Bildungskonferenz in Schwabach: Moderatorin Ella Schindler (Verlag Nürnberger Presse) mit Professor Heiner Bielefeldt und dem Psychologen Ahmad Mansour. © Günther Wilhelm, NN

OB Peter Reiß zeigt antisemitische Hassbriefe, die anonym ans Rathaus gingen.

OB Peter Reiß zeigt antisemitische Hassbriefe, die anonym ans Rathaus gingen. © Günther Wilhelm, NN

Peter Reiß hat Post mitgebracht. In seinem Grußwort zeigt Schwabachs Oberbürgermeister anonyme Schreiben mit Hassparolen. „Der Satz ,Juden sind Verbrecher’ ist da noch der harmloseste“, sagt Reiß. „Weltweit wachsen populistische und extreme Strömungen, auch antisemitische. Das feste Bollwerk dagegen ist die Demokratie. Wie aber bringen wir die Begeisterung dafür zu den jungen Frauen und Männern?“

Diese Frage stand im Zentrum der vierten Schwabacher Bildungskonferenz am Freitagnachmittag im Adam-Kraft-Gymnasium. „Bildung zu demokratischer Kompetenz“: Unter diesem Titel hatte Jessica Kardeis vom Bildungsbüro ein hochkarätig besetztes Programm zusammengestellt. Bekannt sind vor allem die drei Hauptredner.

Hochkarätig besetzt

Ludwig Spaenle: „Wir müssen die Kinder gegen Extremismus immun machen.“

Ludwig Spaenle: „Wir müssen die Kinder gegen Extremismus immun machen.“ © Günther Wilhelm, NN

Der ehemalige Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle ist Beauftragter der bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus.

Professor Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt hat an der Universität Erlangen-Nürnberg den Lehrstuhl für Menschenrechte inne und ist ehemaliger Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Religionsfreiheit.

Ein ausgewiesener Extremismus-Experte ist auch der Psychologe und Bestsellerautor Ahmad Mansour. Er bezeichnet sich selbst als „arabischen Israeli“ und besitzt auch einen deutschen Pass. Mansour wurde für seinen Einsatz für Toleranz vielfach geehrt, wird aber heftig angefeindet und sogar bedroht. Auch nach Schwabach kommt er nur mit Personenschützern.

„Verschwörungsgeraune“

Professor Heiner Bielefeldt fordert Erziehung zu Kritikfähigkeit und Toleranz. 

Professor Heiner Bielefeldt fordert Erziehung zu Kritikfähigkeit und Toleranz.  © Günther Wilhelm, NN

„Antisemitismus ist ein Indikator für den zivilisatorischen Zustand einer Gesellschaft“, betont Ludwig Spaenle. „Deshalb müssen wir die jungen Menschen fit und immun dagegen machen.“ Die Schule spiele dabei eine wichtige Rolle.

„Ich bin alles andere als fatalistisch. Junge Menschen lassen sich mobilisieren, wenn sie erkennen, was auf dem Spiel steht“, sagt Heiner Bielefeldt. Und auf dem Spiel stehe viel. „Es geht um das Ganze. Antisemitismus ist ein Anschlag auf die Grundlagen der rechtsstaatlichen Demokratie.“

Dabei gehe es nicht nur um Rechtsradikale und „ewig Gestrige“. Ein wichtiges Indiz sei das „Verschwörungsgeraune“, das „auch im linken Milieu“ auch in der Querdenkerszene verbreitet sei: „Auf Demos werden gelbe Sterne getragen, da fehlen mir die Worte“, so Bielefeldt. „Was für ein Ausmaß an Ignoranz und Menschenverachtung. Verschwörungsmythen zerstören den demokratischen Diskurs. Man kann sich nicht mehr sinnvoll verständigen.“

„Streitkultur erlernen“

Der bekannte deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour wird von Extremisten bedroht. Deshalb benötigt er Personenschutz, auch in Schwabach. 

Der bekannte deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour wird von Extremisten bedroht. Deshalb benötigt er Personenschutz, auch in Schwabach.  © Günther Wilhelm, NN

Für Ahmad Mansour folgt daraus: „Wir müssen die Schule zu einem Ort machen, wo Streitkultur gelernt wird.“ Gerade wenn es um emotionale Themen wie den Nahostkonflikt geht. „Dessen Betrachtung bekommt schnell antisemitische Züge. Auch bei Linken und Klimaaktivisten wegen ihrer Solidarität mit dem vermeintlichen Underdog, den Palästinensern.

„Wie damit umgehen? Differenziert und zugleich klar: „Man kann gegen die Siedlungspolitik sein, aber man darf nicht das Existenzrecht Israels infrage stellen.“ Der Nahostkonflikt solle deshalb „schon in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer“ eine größere Rolle spielen, um pädagogische Angebote machen zu können, rät Ahmad Mansour, denn: „Das wichtigste Immunsystem gegen Extremismus ist es, Menschen zu befähigen, kritisch zu hinterfragen.“

Faktencheck gegen „Fake News“

„Aufklärung ist extrem zeitaufwändig, aber extrem wichtig“, sagt die Journalistin Christine Thurner vom Verlag Nürnberger Presse über Fake News.

„Aufklärung ist extrem zeitaufwändig, aber extrem wichtig“, sagt die Journalistin Christine Thurner vom Verlag Nürnberger Presse über Fake News. © Günther Wilhelm, NN

Genau das aber ist im Zeitalter von „Fake News“ schwieriger denn je. „Das kann doch nicht wahr sein?! Wie wir nicht (mehr) so schnell auf Fake News hereinfallen“: So lautete deshalb der Titel eines der Fachforen mit der Journalistin Christine Thurner. Sie gehört zum Leitungsteam des Newsdesks von Nürnberger Nachrichten, Nürnberger Zeitung und nordbayern.de.

Fake News seien keine Fehler, wie sie auch seriösen Medien unterlaufen und die dann korrigiert werden. „Fake News sind absichtlich falsche Nachrichten für politische oder kommerzielle Zwecke“, betont Christine Thurner. „Die hat es schon immer gegeben.“ Doch durch die Verbreitung im Internet seien sie zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, wie die Corona-Debatte zeige. „Fake News haben das Ziel, Gesellschaften zu spalten“, sagt Christine Thurner.

Die Methoden sind vielfältig. Ein Beispiel ist die Meldung „Baerbock will Haustiere abschaffen“: „Das ist frei erfunden“, so Thurner. Doch es gibt auch subtilere Formen der Manipulation: „Sieben Tote nach Corona-Impfung im Altenheim“, lautete eine weitere Schlagzeile auf einer Internetseite. „Es gab sieben Tote. Doch der Zusammenhang mit der Impfung ist nicht da, der wird aber suggeriert“, erklärt Christine Thurner. „Die Schlagzeile ist also nicht falsch, aber auch nicht richtig.“

Die Journalistin Ella Schindler vom Verlag Nürnberger Presse moderierte die Bildungskonferenz.

Die Journalistin Ella Schindler vom Verlag Nürnberger Presse moderierte die Bildungskonferenz. © Günther Wilhelm, NN

Was tun? Fragen stellen: „Wer ist der Urheber mit welchen Interessen? Ist eine Meldung bewusst reißerisch aufgemacht? Was sagen andere Quellen“, listet Christine Thurner einige auf. Und ganz zentral: der Faktencheck. Ein solches Korrektiv sei zum Beispiel der „Faktenfuchs“ von BR24.

Doch auch Christine Thurner selbst beantwortet Fragen von Leserinnen und Lesern: „Aufklärung ist oft extrem zeitaufwändig, aber auch extrem wichtig.“

Führung für Schulklassen

Katrin Thürnagel (links) vom Jüdisches Museum Franken führte durch Schwabachs ehemaliges jüdisches Viertel mit dem Lehrhaus. Solche Führungen sind auch für Schulklassen möglich.  

Katrin Thürnagel (links) vom Jüdisches Museum Franken führte durch Schwabachs ehemaliges jüdisches Viertel mit dem Lehrhaus. Solche Führungen sind auch für Schulklassen möglich.   © Günther Wilhelm, NN

Aufklärung ist auch das große Ziel des Jüdischen Museums Frankens. Wie man jüdische Geschichte vor Ort für Schülerinnen und Schüler veranschaulichen kann, dies zeigte im Vorfeld der Konferenz eine Führung durch Schwabachs ehemaliges jüdisches Viertel rund um die „Alte Synagoge“ und das Laubhütten-Museum.

Das Jüdische Museum mit Hauptsitz in Fürth und den Außenstellen in Schnaittach und Schwabach bietet auch Führungen für Schulklassen an. „Bisher gibt es die vor allem in Fürth und Schnaittach, in Schwabach leider kaum. Da ist noch ganz großer Nachholbedarf“, erklärte Museumspädagogin Katrin Thürnagel.

Kontakt: Katrin Thürnagel, Telefon (0911) 95098817.

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