Fußball-EM

Adidas und DFB: Darum ist die Nationalelf in Franken

9.6.2021, 06:00 Uhr
Drei Funktionsgebäude, 15 Wohneinheiten, ein Swimmingpool im Innenhof: Hier wohnt seit gestern die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Drei Funktionsgebäude, 15 Wohneinheiten, ein Swimmingpool im Innenhof: Hier wohnt seit gestern die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. © Foto: Adidas/DFB/dpa

Es wäre wohl so oder so Herzogenaurach geworden. Als Sepp Herberger 1950 persönlich vorbeischaute in dem damals noch sehr beschaulichen Städtchen, ging es eigentlich nur um die Frage, ob die deutsche Fußball-Nationalmannschaft künftig von Puma oder von Adidas ausgestattet werden würde. Die Brüder Adolf, genannt Adi, und Rudolf hatten die gemeinsame Firma, die "Gebrüder Dassler Schuhfabrik", zwei Jahre zuvor aufgeteilt.


EM-Quartier in Herzogenaurach: Hier zieht das DFB-Team ein


Herbergers Besuch folgte einem konkreten Plan: Der "Chef", wie sie ihn ehrfürchtig nannten, wollte neben den handgefertigten Tretern künftig auch noch Geld sehen. Erst für sich, später auch für seine Spieler. "Unser Chef wollte sich darauf nicht einlassen und verkrachte sich mit dem Bundestrainer", erzählte einst das Puma-Urgestein Helmut Fischer. Also lief Herberger ein paar Straßen weiter. Und stieß mit seinem Bonus-Wunsch auf offene Ohren.

Die Beziehung hält jetzt schon seit fast 70 Jahren, musste 2016 aber eine mittelschwere Krise überstehen. Auch damals ging’s um Kohle, allerdings um deutlich mehr als beim ersten Mal. Der US-Rivale Nike buhlte mit astronomischen Summen um die Gunst des viermaligen Weltmeisters, der, wie man hört, aus verhandlungstaktischen Erwägungen beinahe schwach geworden wäre. Der Deutsche Fußball-Bund pokerte, wollte sich aber eigentlich gar nicht trennen vom lieb gewonnenen, vertrauten Partner. Fast wie in einer Ehe.

Durch die Hintertür haben es die Amerikaner trotzdem geschafft; seit 2006 können die Profis selbst entscheiden, welche Schuhmarke sie in der Landesauswahl tragen möchten. Die Mehrheit trägt nicht mehr Adidas. Antonio Rüdiger, Leroy Sane, Joshua Kimmich, Kai Havertz oder Jamal Musiala, also vor allem die jungen Wilden, stehen bei Nike unter Vertrag. Routiniers wie Ilkay Gündogan, Mats Hummels, Thomas Müller, Toni Kroos oder Manuel Neuer halten Adidas die Treue.

"Der DFB und Adidas gehören einfach zusammen"

Sie kennen und sie schätzen sich. "Der DFB und Adidas gehören einfach zusammen", meinte denn auch der Vorstandsvorsitzende Kasper Rorsted, als der Vertrag zwischen den Herzogenaurachern und dem mitgliederstärksten Sportverband im September 2018 erneut vorzeitig und um weitere vier Jahre bis 2026 verlängert wurde. Zu nochmals verbesserten Konditionen. Einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag soll Adidas per annum überweisen, um mit "Die Mannschaft" werben zu dürfen.

 

 "Den Stars einmal bis auf wenige Zentimeter nahe sein": 2005 ließ die Mannschaft noch Fannähe zu – auch zum damals 18 Jahre jungen Bastian Schweinsteiger (links). © Foto Matthias Kronau

Von Mittwoch an und bis zum letzten Auftritt bei der am Freitag beginnenden Europameisterschaft ist das sogar mal wieder ziemlich exklusiv und sogar vor der eigenen Haustür möglich: Gestern am frühen Abend weihte die DFB-Delegation ihre Unterkunft auf dem weitläufigen Firmengelände des Ausrüsters ein. Seit dem Bezug der "World of Sports" vor 23 Jahren, einem ehemaligen Kasernenareal im Osten der Stadt, hat Adidas etwa eine Milliarde Euro in den Ausbau gesteckt. Und seit 2019 zusätzlich eine nicht unerhebliche Summe, um die Nationalmannschaft während des Turniers bei sich zu haben.

Kein Strand, aber viele Bäume

Im "Home Ground" getauften Quartier im Westen des Unternehmens-Campus sollen keine Wünsche offenbleiben. "Wir glauben, dass das Camp einmalig ist", schwärmte Adidas-Chef Rorsted unlängst anlässlich eines Medienworkshops. Eine Art Campo Bahia im Landkreis Erlangen-Höchstadt, nur ohne Strand und Meer, dafür aber mit sehr vielen Bäumen ringsum. Anders als bei der WM 2006, als sich der DFB mitten in Berlin einnistete. Seit den beiden anderen Heim-Turnieren 1974 (WM) und 1988 (EM) ist auch die doch eher dröge Sportschule Malente in Schleswig-Holstein ein Begriff.

Nach dem knapp eineinhalbwöchigen Trainingslager im österreichischen Seefeld sind Deutschlands beste Fußballer jetzt also mal wieder in der Region zu Gast und "in unmittelbarer Nähe des Spielorts München", wie der DFB auf seiner Webseite schreibt. 184 Kilometer sind es genau zu den drei Vorrundenpartien gegen Frankreich (15. Juni), Portugal (19. Juni) und Ungarn (23. Juni) in der Fröttmaninger Arena – die aus Umweltschutzgründen mit dem Bus zurückgelegt werden, wie Adidas-Pressesprecher Oliver Brüggen versichert.

An Nürnberg düst der Tross somit nur vorbei. Anders als das eine oder andere Mal seit Beginn der 90er Jahre, als sich die Auswahl in Herzogenaurach auf Länderspiele im umgebauten und vorübergehend richtig modernen Stadion am Max-Morlock-Platz vorbereitete. Anfangs wohnte die Nationalmannschaft im Herzogs Park, ab 2008 im Novina-Hotel neben der "World of Sports". Jetzt musste es wahrscheinlich etwas abgeschiedener sein, vielleicht auch etwas luxuriöser.

60 Gäste finden im nachhaltig und überwiegend mit einheimischen Hölzern errichteten "Home Ground", der später betriebsintern oder von Vereinen genutzt werden kann, ein Zimmer. 15 Wohneinheiten, drei Funktionsgebäude, ein Swimmingpool im Innenhof. Ringsum viele Bäume, aber natürlich weit und breit kein Strand und kein Meer wie bei der Urlaubscharakter-WM 2014 in Brasilien.

Einen zeitnahen Lagerkoller befürchten die Organisatoren trotzdem nicht, obwohl es den Kontakt zur Außenwelt in Corona-Zeiten praktisch nicht geben wird. Die prominenten Erstnutzer des Neubaus leben wie seit längerem schon in einer Blase. Keine Autogrammstunden, keine öffentlichen Trainingseinheiten wie etwa während des Confederations Cup 2005, als diese Zeitung schrieb: "Es wird geschoben und gedrückt, den Stars einmal bis auf wenige Zentimeter nahe zu sein, einen Blick, ein paar Worte zu erhaschen, stachelt viele an." Zuschauen dürfen auf dem Adi-Dassler-Sportplatz diesmal lediglich akkreditierte und natürlich getestete Journalisten, und das auch nur für ein paar Minuten.

Das Geheimnis der Gumminocken

Bei einem Lehrgang 1995 übte die Auswahl noch auf dem Platz der Berufsschule; 2000, vor dem Länderspiel gegen Tschechien, sogar in Hammerbach, stets aufmerksam begleitet von Adidas. Der enorme Aufwand soll sich auch heuer rentieren für den Sportartikelhersteller. Die Nationalmannschaft kommt ja nicht, "weil Herzogenaurach so ein hübsches Städtchen ist, sondern weil Adidas diese Magnetfunktion besitzt", sagt Bürgermeister German Hacker.

So wie bereits 1953, als Firmengründer Adi Dassler den damaligen Nationalspielern vor Ort die Gumminockensohle erklärte; auf tiefem Boden ermöglichten ein Jahr später seine Schraubstollen das "Wunder von Bern". Deutschlands beste Fußballer und ihre Trainer und Betreuer kamen immer wieder mal vorbei, in den 60er Jahren, Anfang der 70er Jahre mit Helmut Schön oder Franz Beckenbauer auch gerne ins damalige Kneippkurhaus nach Zirndorf. Dass sie jetzt wieder den Namen Herzogenaurachs global aufhübschen, ist für Hacker und seine "kleine Weltstadt mit großem Herz" nach wie vor nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk.

Auf Plakaten und Billboards grüßen Bürgerinnen und Bürger Herzogenaurachs, von der Stadtjugendkapelle bis zur Feuerwehr, die berühmten Gäste auf Zeit, freilich mit einem Jahr Verspätung; die Kampagne gönnt sich gleich zwei Hashtags, #herzoheißtwillkommen und #willkommeninherzo, weil in Zeiten einer Pandemie eben nicht viel mehr drin ist als digitaler oder gedruckter Stolz.

Zu verdanken haben sie den je nach Turnierverlauf bis zu fünf Wochen bleibenden DFB-Besuch einer offiziell spontanen Idee von Adidas-CEO Rorstedt. Und nicht etwa einer in Zeitungen und Online-Portalen veröffentlichten Kleinanzeige. "Erfolgshungrige Fußballmannschaft zum Anfassen sucht Quartier im Herzen Europas für Turnier-Vorbereitung", hieß es da, "Sportmöglichkeiten, Natur und Verpflegung erwünscht".

Danke, Sepp Herberger!

Aus Spaß wurde der "Home Ground". Auch die Münchner Innenstadt oder Garmisch-Partenkirchen standen in der engeren Quartier-Auswahl, hatten dank Adidas aber letztlich keine Chance gegen Herzogenaurach. Kaum auszudenken, wenn es vielleicht doch Nike geworden wäre; deren World Headquarters liegen in Beaverton nahe Portland, die Westküste ist nicht weit. Als Basislager während einer paneuropäische Fußball-Meisterschaft gäbe es wahrscheinlich wenig ungeeignetere Orte.

Die konkurrierende Kleinstadt im Landkreis Erlangen-Höchstadt wirkt da schon deutlich geeigneter, ja fast ideal. Bei großen Turnieren wie dem jetzt, "ist ein gutes Quartier schon die halbe Miete", wusste schon Sepp Herberger. Der bereits 1950 in seinen Gesprächen mit Adi Dassler so etwas wie ein Fundament für den "Home Ground" gelegt hatte.

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