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Basketballer Doreth zu Äußerungsverbot: "Das ist kompletter Irrsinn"

Der Nürnberger über das Verbot der Liga, sich gegen Rassismus zu positionieren - 03.06.2020 17:45 Uhr

Engagierter Klassensprecher: Basketball kann der Nürnberger Bastian Doreth derzeit nicht spielen, dafür kümmert er sich um den Austausch zwischen der Liga und seinen Kollegen. © Fotograf Peter Kolb, NN


Viele hätten sich nach dem Tod von George Floyd gerne gegen Rassismus positioniert, BBL-Chef Stefan Holz untersagte aber "politische Äußerungen" – und verursacht dadurch nicht nur bei Doreth ein Kopfschütteln.

Herr Doreth, Sie hätten eigentlich frei, haben sich in den vergangenen Wochen aber als Klassensprecher betätigt. War Ihnen langweilig?

Doreth: Das ist ein Privileg, dass einem die Mitspieler da Vertrauen schenken. Es ist ja keine tagesfüllende Aufgabe, aber tatsächlich nicht so schlecht, wenn man im Moment eine Aufgabe hat.

Wie sah der Austausch mit der Liga konkret aus?

Doreth: Bis die Staatsregierung dann das Hygienekonzept abgesegnet hat, war ich etwa alle zwei Tage im Austausch. An einem Tag hatte ich Kontakt mit den Spielern, dann wieder mit der Liga. Es war ein vernünftiger Austausch.

"Wir waren nicht in der besten Verhandlungsposition"

Gehen Ihre Kollegen nun beruhigter in das Quarantäne-Turnier? Es gab ja große Sorgen bezüglich der kurzen Vorbereitung und möglicher Verletzungen.

Doreth: Beruhigter schon, auch wenn wir es nicht geschafft haben, bestimmte Dinge umzusetzen. Das muss man so klar sagen. Allerdings haben wir auch kein Recht dazu, es gibt keine Gewerkschaft, wir waren nicht in der besten Verhandlungsposition. Aber immerhin haben die Spieler dann Informationen direkt bekommen und nicht über die Medien. Und die Liga hat gespürt, dass die Spieler nicht zu allem "Ja und Amen" sagen, sondern dass sie sich Gedanken machen, was ja ein gutes Zeichen ist.


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Was hätten Sie gerne umgesetzt?

Doreth: Es ging zum Beispiel um eine Zusatzversicherung. Was ist wenn Langzeitschäden bleiben, wenn man mit dem Coronavirus spielt? Was ist mit dem erhöhten Verletzungsrisiko, das nur zum Teil durch die Berufsgenossenschaft abgesichert ist. Außerdem hätten die Spieler gerne mal mit Dr. Holz persönlich eine Videokonferenz gehabt, aber dieser Wunsch blieb uns verwehrt. Die Rahmenbedingungen vor Ort werden aber, glaube ich, sehr gut sein.

Sind Sie inzwischen traurig, nicht dabei zu sein? Zwei Wochen mit den Kollegen abhängen, Playstation spielen und alle zwei Tage sogar Basketball – das wäre für einen zweifachen Vater doch auch mal ganz nett gewesen?

Doreth: Ich beneide schon den ein oder anderen dafür, dass er jetzt wieder Basketball spielen darf, aber ich hätte das nur gemacht, wenn mein Verein dabei gewesen wäre. Es gab Anfragen anderer Vereine, aber mal abgesehen davon, dass ich zu Hause gebraucht werde, bin und war ich nie ein Fan von diesem Söldnertum.

"Umso wichtiger ist es, dass Sportler ihre Reichweite nutzen"

Wenige Tage vor dem Turnier bewegt viele Menschen und vor allem auch viele Ihrer Kollegen die Ereignisse in den USA nach der Ermordung von George Floyd. Zunächst einmal: Wie sehr bewegt es Sie selbst?

Doreth: Natürlich bewegt es mich und meine Familie sehr. Es ist erschreckend zu sehen, wie aktuell das Thema Rassismus immer wieder ist und spricht dafür, dass man da noch mehr tun und seine Stimme erheben muss. Umso wichtiger ist es, dass Sportler da ihre Reichweite nutzen.

Das würden viele Kollegen jetzt auch gerne beim Finalturnier, dürfen es aber nicht. Liga-Chef Stefan Holz sagt: "Wir treiben Sport und es gibt keine politischen Äußerungen in jedwede Richtung, da öffnen wir nicht die Tür."

Doreth: Es ist ihnen ja nicht untersagt, sich abseits des Feldes zu äußern, aber in meinen Augen ist es ein sehr schwaches Signal der Liga. Man hätte die Chance gehabt, sich auch mal von anderen Sportarten abzugrenzen. Wir haben in den vergangenen Wochen eine gute Kommunikation aufgebaut, warum nutzt die Liga das nicht? Ich hoffe, dass es von den Spielern nicht so hingenommen wird. Die Liga verlangt, dass die Spieler sich solidarisch zeigen und auf Gehalt verzichten sollen. Und bei diesem Thema, bei dem man sich auch unbedingt solidarisch zeigen sollte, ist es nicht erwünscht. Das ist kompletter Irrsinn. Ganz abgesehen davon: Gegen Rassismus zu sein, ist keine politische Äußerung.

"Wir werden genau hinschauen"

Ihr Kollege Per Günther aus Ulm hat getwittert, dass er die ersten 10.000 Euro übernimmt, sollten sich Spieler äußern und dafür mit Strafen belegt werden.

Doreth: Zunächst einmal: Per ist ein absoluter Wahnsinnstyp. Dass im Fußball eine Kommission prüft, ob es für die Gesten und Botschaften einiger Spieler Strafen gibt, ist doch vollkommen wahnsinnig. Die Liga sollte stolz sein, dass sie solche Spieler hat. Sollte es das auch beim Basketball geben, hoffe ich, dass das die Vereine übernehmen. Das wäre auch ein Akt der Solidarität. Wir werden auf jeden Fall genau hinschauen, was da in den kommenden Wochen passiert.

Rechnen Sie diesbezüglich noch mit einem Anruf aus Köln?

Doreth: Nein. Wir hatten in den vergangenen Tagen überlegt, aktiv auf die Liga zuzugehen. Man hätte ja auch etwas gemeinsam machen können, aber das hat sich wohl erledigt.


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