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"Der Sport ist zu brav": Amateurvereine bangen um Existenz

Lockdown trifft Breitensport-Klubs unterschiedlich hart - 03.11.2020 06:02 Uhr

Ein Bild aus dem Frühjahr, das immer noch – oder besser: schon wieder – aktuell ist: Die Sportanlagen des TV 48 Erlangen müssen vorerst wegen Corona geschlossen bleiben.

02.11.2020


Die Luftreinigungsmaschine kam drei Tage, bevor Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder den Amateursport erneut in die Zwangspause schickten. Eigentlich hatte man beim TV 48 Erlangen knapp 3000 Euro angelegt, um im vereinseigenen Studio weiter Kurse anbieten zu können. "Die Anlage ist medizinisch getestet und sollte auch Viren und Keime abtöten", sagt der Vorsitzende Jörg Bergner: "Wir wollten den Leuten die Angst nehmen."

Doch alle Bemühungen der vielen Sportvereine im ganzen Land – der TV hat laut Bergner mehrere Tausend Euro, viel Zeit und Personalaufwand in das Umsetzen der Hygienekonzepte gesteckt – schlugen sich in den Plänen der Politik nicht nieder. "Jetzt warten wir einmal, wann wir die Anlage ausprobieren können", sagt Bergner. Es ist sarkastisch gemeint – lachen kann der TV-Vorsitzende aber eigentlich nicht mehr.

Der zweite Lockdown gilt bis Ende November, vorläufig zumindest. "Die Unsicherheit, ob es bei diesen vier Wochen bleiben wird oder nicht, führt im Verein zu massiven Sorgen um die Existenz", sagt Bergner. Der TV ist einer der großen Breitensport-Vereine in Erlangen, das Angebot reicht von Turnen über Rugby bis Rollstuhlsport. Neben den Abteilungen gibt es ein umfangreiches Kursprogramm. Der TV beschäftigt mehr als 20 hauptamtliche Mitarbeiter und betreibt neben einem eigenen Fitness-Studio drei Sportanlagen in der Stadt. Das alles liegt nun still.

Gespart, wo es ging

Gespart hat der Verein schon, wo es nur ging. Kurzfristig sichert ihm das wohl das Überleben – aber auf lange Sicht? "Wir haben durch erhebliche Einbußen von einem Drittel dieses Jahr mit einer riesigen Kraftanstrengung wohl überstanden. Aber für das nächste Jahr könnte es düster aussehen, weil es noch schwerer wird als heuer", glaubt Bergner.

Dem Amateursport und seinen Vereinen fehle es an einer schlagkräftigen Lobby, findet der TV-Vorsitzende: "Die Vereine sind viel zu ruhig. Die Gastro geht auf die Barrikaden, die Künstler protestieren. Nur der Sport duckt sich weg und ist zu brav"

"Wäre nicht beherrschbar"

Dass der Freistaat von einem kompletten Lockdown abrückt und zumindest Individualsport unter bestimmten Umständen erlaubt, hilft Bergner nicht weiter. Der Turnverein wird seine Sportanlagen geschlossen halten. "Aus Gründen der Aufsichtspflicht und der Sicherheit. Bei der Größe unserer vier Sportanlagen wäre das nicht beherrschbar", so der Vorsitzende.

So wie den TV 48 trifft auch den Turnerbund eine Erlanger Spezialsituation: Durch die hohe Zahl an Studenten und Siemens-Mitarbeitern ist die Fluktuation sowieso schon groß. Zwischen 15 und 20 Prozent der Mitglieder, schätzt TB-Präsident Matthias Thurek, treten jährlich aus, weil sie ihr Studium beendet haben oder den Arbeitsplatz wechseln. In normalen Jahren treten aber auch ebenso viele Menschen in den Turnerbund ein. Doch was, wenn diese Eintritte wegfallen, weil niemand während eines Lockdowns in den Sportverein will?

"Risiko, das man schwer greifen kann"

"Wenn Ende des Jahres ein paar hundert Mitglieder fehlen, wird es schon sehr schmerzlich. Das ist das Risiko, das man schwer greifen kann, weil man nicht weiß, wie die Mitglieder sich verhalten", sagt Thurek. Die langfristigen Auswirkungen werden erst Ende des Jahres sichtbar werden, glaubt er. "Dann machen wir Kassensturz." Schon der erste Lockdown habe manche Abteilungen durch abgesagte Großveranstaltungen und fehlende Einnahmen finanziell getroffen. "Natürlich trifft uns auch dieser", sagt Thurek, wobei es schlimmer hätte kommen können. Seine Tennishalle darf der TB nun offen lassen. "Das hilft uns sehr", sagt Thurek, dem die Differenzierung wichtig ist: "Politik und Verbände können sehr wohl steuern und müssen nicht automatisch alles schließen."

"Wäre eine Vollkatastrophe"

Thurek ist auch Vorsitzender des Erlanger Sportverbandes. Und blickt als solcher nicht ohne Sorge auf die Lage: "Wenn bestehende Strukturen wie Sportvereine wegfallen würden, wäre das gesellschaftspolitisch für die Stadt eine Vollkatastrophe. Das muss vermieden werden."

Die Turnerschaft Herzogenaurach mit ihren Abteilungen, die teils zum Breiten-, teils zum Leistungssport zählen, hat die schlimme Zeit eigentlich schon hinter sich. Die im Sommer abgesagten Veranstaltungen von Kirchweih und Altstadtfest haben für fehlende Einnahmen gesorgt. Der neue Lockdown ist da noch nicht existenzbedrohend. "Sollte es bei der Light-Variante für ein paar Wochen bleiben", schiebt Gerd Ankermann aus dem Vorstand nach.

Auch Sponsoren gingen verloren

Einzelne Sponsoren und etwa fünf Prozent der Mitglieder – 100 von 2000 – hat die Turnerschaft in der Krise verloren. "Langfristig wird sich das auch bei den Einnahmen bemerkbar machen", sagt Ankermann. "Es ist herausfordernd. Wir werden aber alles tun, um die Mitglieder nach der Krise wieder zurückzuholen."

Den ESC Höchstadt erwischt es mitten in der Hauptsaison: Hallenbad und Eishalle hatten noch nicht lange geöffnet. "Wir hatten gerade begonnen, den Trainingsbetrieb wieder aufzubauen", sagt Schatzmeister Sebastian Johna. Finanziell seien die Folgen nach wie vor nicht absehbar. "Wir sind ein Familienverein, der von der Solidarität der Mitglieder lebt", sagt er. Noch sei sie sehr hoch.

Frustrierend? Nicht nur

Der gesamte Verein habe daran gearbeitet, das Hygienekonzept zu erstellen. Dass trotzdem wieder Pause ist? "Frustrierend, weil man für die Katz gearbeitet hat. Nicht frustrierend, weil die Arbeit mit den Mitgliedern auch eine Art Vereinsleben war. Zwischenmenschlich hatte das nicht nur negative Seiten", findet Johna.

Die Hälfte der Mitglieder sind Kinder und Jugendliche – an den nun teilweise wieder erlaubten Individualsport ist da nicht zu denken. Auf lange Sicht wird das Konsequenzen haben, fürchtet Johna: "Der Breitensport hatte zuletzt wieder Zulauf. Ich persönlich befürchte aber, dass vieles, was Gesellschaft und Politik in den vergangenen Jahren erreicht haben, wieder verloren geht."

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