Jakob Hetz bei der EM

Ein Robin Hood aus der Fränkischen Schweiz

11.9.2021, 08:21 Uhr
Jakob Hetz hat den Bogen raus.

Jakob Hetz hat den Bogen raus. © Pia Hermann, NN

Seine Beine stehen fest auf dem unebenen Untergrund des Waldes. Jakob Hetz hebt den Bogen an, streckt den linken Arm durch und zieht die Sehne mit dem Pfeil bis zu seinem Kinn zurück. Er konzentriert sich auf das Ziel vor ihm. Er schätzt die Distanz auf etwa 20 Meter. Aber er muss berücksichtigen, dass die Zielscheibe auf einer kleinen Anhöhe steht. Die Blätter der Bäume rascheln. Das Ziel steht in der Sonne, er selbst im Schatten. Ungünstige Lichtverhältnisse. Seine Finger lösen sich von der Bogensehne. Der Pfeil rast lost und trifft. Mit seinem Fernglas überprüft er die Position des Geschosses. Er steckt in der goldenen Mitte.

Jakob Hetz ist Bogenschütze im Bogenclub SpVgg Reuth. Mit etwa sechs Jahren hat er dort angefangen. Zuerst hatte er immer nur seinem großen Bruder zugeschaut, ehe es hieß: „Mach doch mit.“ Heute ist der Ebermannstädter 25 Jahre alt und Bayerischer Meister sowie Deutscher Vizemeister der Feldbogenschützen mit dem Recurvebogen, auch olympischer Bogen genannt.

Außerdem ist der Sportler momentan als Teil des Nationalkader bis 12. September im kroatischen Poreč zur Europameisterschaft im Feldbogenschießen. Wenn er gerade keinen Bogen in der Hand hat, schreibt Hetz seine Masterarbeit in „Entwicklung und Management im Automobil- und Maschinenbau“ an der Hochschule Coburg.

Mit dem Bogen in freier Wildbahn

Das Feldbogenschießen ist eine der drei bekanntesten Disziplinen im Bogensport neben dem Schießen in der Halle und dem sogenannten WA-Schießen, bei dem die Schützen mit insgesamt 72 Pfeilen auf ein 70 Meter entferntes Ziel schießen. Der Bogenschütze muss beim Feldbogenschießen einen Feldparcours meist in einem Wald mit 24 Scheiben durchlaufen. „Es gibt bekannte und unbekannte Ziele“, erklärt Hetz. „Das heißt Ziele, bei denen man weiß, wie weit sie weg sind oder eben nicht. Man muss auch das Gelände einschätzen können. Zum Beispiel kann man denken, man steht gerade, aber eigentlich steht man schief.“

Auf jedes Ziel werden drei Pfeile geschossen. Die Höchstringzahl pro Pfeil entspricht sechs Ringen. Ringe nicht Punkte. Für einen echten Bogenschützen ein wichtiger Unterschied. Hetz tut zwar so, als würde es ihm selbst nicht viel ausmachen, verbessert aber trotzdem: „Ich habe ein paar penible Kollegen, die da immer drauf bestehen.“

Wie trainiert ein Meisterschütze?

Hetz schießt nicht nur auf dem Feld. Tatsächlich schießt er öfter auf dem Platz. Er entscheidet „je nachdem, was besser läuft“. In der näheren Umgebung gibt es für den Sportler auch leider nicht viele Möglichkeiten in einem professionellen Feldparcours zu üben. „Es gibt eigentlich nur den Parcours in Gößweinstein von ‚Leinen los!‘. Ich habe mit ein paar Kollegen geholfen, den aufzubauen“, erzählt er.

Aber der Bogenschütze versichert, der Mangel an Parcours sei nicht schlimm. Meistens trainiert er sowieso auf dem Platz. „Da schafft man mehr Pfeile. Auf dem Feld muss man nämlich viel mehr laufen und entsprechend weniger Pfeile schießt man.“

In der Regel übt er etwa zwei bis fünf Mal je circa zwei Stunden pro Woche. Das Einzige, was sich vor der Europameisterschaft daran geändert hat: „Wenn es sonst geregnet hat, bin ich nicht gegangen. Wenn jetzt schlechtes Wetter war, bin ich halt doch mal raus. Tatsächlich bin ich bisher aber nicht nass geworden.“

Nicht aufgeregt

Ist er aufgeregt vor der Europameisterschaft? Auf diese Frage hin zuckt Hetz nur mit den Schultern: „Eigentlich nicht.“ Nach gut zwanzig Jahren und zahlreichen Wettbewerben ist der Bogenschütze schlichtweg abgehärtet.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass der Sportler versucht hat, sich für den Nationalkader zu qualifizieren. Jedoch hatte er es bisher nur für das WA-Schießen probiert. Der Entschluss, dem Feldbogenschießen eine Chance zu geben, ist erst spontan vergangenen Winter durch den Anstoß eines Vereinsmitglieds entstanden. Der Ebser erinnert sich lächelnd an dessen Worte: „Ja, du kannst doch Bogenschießen, also mach das doch!“

Daraufhin hat Hetz im Juli am Ranglistenturnier für die Europameisterschaften im Feld teilgenommen. Gleich im ersten Anlauf hat er sich den ersten Platz gesichert. „Es gab tatsächlich nur einen anderen mit der gleichen Ringzahl, aber ich hatte mehr Goldene“, berichtet der Sportler. Mit „Goldene“ meint er eine größere Zahl an Mitteltreffern. Seine Reuther Sportkameraden drücken die Daumen, dass er auch in Poreč weiterhin so viel Erfolg hat.

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