Experte erklärt

Elfmeterschießen vor dem Spiel: So will Günther Koch den Fußball revolutionieren

13.7.2021, 06:00 Uhr

"Mir tun diese Leute so leid, vor allem Saka – der ist 19!" Mit der Regeländerung von Günther Koch wäre Bukayo Saka eine große Niederlage erspart geblieben.  © PAUL ELLIS, AFP

Herr Koch, was ist Ihnen beim EM-Finale vor und während des Elfmeterschießens durch den Kopf gegangen?
Günther Koch: Meiner Frau habe ich schon vor dem Elfmeterschießen gesagt, dass die jungen Spieler von England das nicht schaffen können und die mir jetzt schon leid tun. Da waren noch zehn Minuten der Verlängerung zu spielen. Dann habe ich mir gedacht: welch ein Drama! Fußball ist ein Mannschaftssport, und da sollte man keine Sündenböcke raussuchen, die dann ein Leben lang gebrandmarkt sind und mit gespieltem Bedauern getröstet werden. Sondern das sollte sportlich unter Mannschaften entschieden werden.

Sie haben angeregt, das Elfmeterschießen künftig nicht mehr der Verlängerung, sondern vor dem Spiel auszutragen - wie stellen Sie sich das vor?
Koch: Ich bin der Meinung, bei K.o.-Spielen, wenn ein Sieger ermittelt werden muss, muss es eine Form geben, aber nicht das Elfmeterschießen. Ich möchte das Elfmeterschießen am Anfang des Spiels, damit kein Verhinderungsfußball-Geplänkel stattfindet. Und wenn schon eine Entscheidung, weil es ein K.o.-Spiel ist – ich sage nicht in der Bundesliga, da kann es ruhig Unentschieden geben –, dann möchte ich ein Athletik- und Intelligenz-Fußball-Mannschafts-Schauspiel sehen.

"Dann gibt es eine Verlängerung mit Acht-gegen-acht, und dann in den zweiten Hälfte der Verlängerung mit Sechs-gegen-sechs." Der Fußball von Günther Koch würde anders aussehen - wahrscheinlich noch aufregender.  © Sportfoto Zink / DaMa

Beim Elfmeterschießen vorher geht es fünf gegen fünf, wer gewinnt, führt 1:0?
Koch: Irrtum. Ich lasse Huber gegen Meier schießen. Meier trifft, Huber nicht – Mannschaft Meier führt 1:0. Ich lasse Huber gegen Meier, Müller gegen Schuster und Dreckskerl gegen Sonnenkönig spielen, und es steht immer noch unentschieden, dann wird eben viermal oder fünfmal geschossen, bis einer für seine Mannschaft einen Vorsprung herausschießt. Das wird ein Riesenspektakel, und keiner geht nach Hause, ohne dass er ein Tor gesehen hat.

Und wenn es am Ende des Spiels unentschieden trotzdem steht?
Koch: Dann gibt es eine Verlängerung mit Acht-gegen-acht, und dann in den zweiten Hälfte der Verlängerung mit Sechs-gegen-sechs. Da ist dann so viel Platz, da fällt ein Tor.

Und wenn nicht?
Koch: Dann gibt es ein Shoot-out als Notlösung, wie im Eishockey – von der Mittellinie läuft einer allein aufs Tor, und dann ist die andere Mannschaft dran. Aber das ist eine Notlösung. Bei Acht-gegen-acht und dann Sechs-gegen-sechs – entweder spiele ich so lange, bis ein Tor fällt, da weiß ich selber noch nicht, was ich will, so ähnlich wie Golden Goal, oder ich mache ein Shoot-out.

Der Effekt wäre, dass es kein vorsichtiger Verhinderungsfußball ist?
Koch: Und der Zuschauer für dumm verkauft wird und dafür gesorgt ist, dass die Sponsoren oft genug im Fernsehen gezeigt werden. Das hat alles einen sehr schlechten Beigeschmack. Der Modus verhindert, dass Langeweile aufkommt. Und da ist noch ein anderer Punkt: Mir tun diese Leute so leid, vor allem Saka – der ist 19! Wie gesagt, Fußball ist ein Mannschaftssport. Aber jetzt werden einzelne herausgepickt und gnadenlos fertig gemacht, beschimpft – man sieht es ja jetzt am Shitstorm. Ich will glückliche Menschen haben und nicht Leute für ihr Leben lang als Versager abstempeln. Jeder wird mit den Namen Saka, Sancho und Rashford und Gareth Southgate mit Versagen in Verbindung bringen. Das ist nicht der Sinn des Fußballs. Nein, nein, nein!

5 Kommentare