Ex-Ice-Tiger Colin Fraser: "Es war entsetzlich"

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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24.5.2020, 14:26 Uhr

"Nürnberg war großartig. Ich habe es geliebt." Colin Fraser (hier links neben Alexander Oblinger) aber hatte keine Lust mehr, Eishockey zu kämpfen. © Matthias Winter/Zink

17 Spiele, kein Tor, fünf Vorlagen. Einzig die 69 Strafminuten lassen darauf schließen, dass Colin Fraser doch ein außergewöhnlicher Spieler war. Als es interessant wurde, verließ der Kanadier die Ice Tigers allerdings bereits wieder. Im November 2015 beendete der zweieinhalbmalige Stanley-Cup-Sieger seinen Ausflug nach Europa und im Alter von 31 Jahren zugleich seine Karriere. Und bis zum letzten Playoff-Spiel gegen Wolfsburg blieb die Frage, wie die Saison hätte enden können, wenn Fraser geblieben wäre.

Fraser stellte sich diese Frage offenbar nicht. Im populären Eishockey-Podcast "Spittin‘ Chiclets" äußerte er sich jedoch noch einmal zu der kurzen Zeit in Nürnberg und zu den Gründen für sein abruptes Karriere-Ende: "Ich war erst 31, aber ich hatte meine Leidenschaft verloren. Ich hatte in der NHL gespielt, ein Jahr in der AHL und drei Monate in Deutschland und es nicht einmal bis Weihnachten geschafft. Es war nicht so, dass ich das körperlich nicht mehr geschafft hätte. Aber ich war ein Schleifer (original: grinder), immer mit vollem Einsatz. Und ich dachte, in Deutschland könnte ich ein Power-Play-Spezialist werden, tatsächlich aber war ich immer noch ein Schleifer. Genug war genug."

Prügeln, nur um aufzufallen

Nürnberg selbst lobte Fraser überschwänglich: "Eine wunderschöne Stadt. Aber ich wollte einfach kein Eishockey mehr spielen." Zumindest nicht mehr das Eishockey, das Fraser zu einem der interessanten Spieler in der National Hockey League gemacht hatte. Fraser galt nicht als außergewöhnliches Talent, aber schon in jungen Jahren als Führungsfigur, als ein Typ, den jede erfolgreiche Mannschaft braucht, weil er sich für keine Aufgabe zu schade ist. Fraser war unangenehm, weil er niemals lockerließ, weil er keine Angst hatte und sich, wenn auch meist nur verbal, mit jedem anlegte. Den Ex-Profis Ryan Whitney und Paul Bissonnette, den Gastgebern von "Spittin‘ Chiclets", erzählte er, dass er bewusst Faustkämpfe mit den körperlich nicht allzu überlegenen Schleifern des gegnerischen Teams suchte, nur um überhaupt aufzufallen.

In Nordamerika werden derlei Tugenden noch immer verherrlicht. Fraser stand selten mehr als elf Minuten auf dem Eis, insbesondere prominente Teamkameraden aber liebten ihn und hoben seinen Wert für die Mannschaft immer wieder heraus. Belohnt wurde er dafür gleich zweimal mit dem ultimativen Preis im Eishockey: dem Stanley Cup. Fraser gewann die Trophäe 2010 mit den Chicago Blackhawks und 2012 mit Los Angeles Kings. 2014 war er noch Teil der Kings-Mannschaft, am Ende aber fehlten im acht Saisonspiele oder ein Einsatz in der Finalserie, um ein drittes Mal auf dem Stanley Cup verewigt zu werden.

Nach 21 Toren in 398 Spielen, nach unzähligen Bandenzweikämpfen und geblockten Schüssen hatte Fraser keine Lust mehr. Er wollte Eishockey nicht mehr kämpfen, er wollte Eishockey spielen, Tore schießen, und er glaubte, dass ihm das in Deutschland gelingen würde. Rob Wilson aber fand in den ersten Saisonspielen keinen Platz für Fraser, obwohl gerade der kanadische Coach um den wahren Wert Frasers wusste. An der Seite von David Steckel oder Leo Pföderl blieb Fraser nahezu wirkungslos. Einmal musste er als überzähliger Importspieler zusehen, ansonsten fand er sich als Kämpfer und Provokateur in der vierten Reihe wieder. Wie in der NHL. Genug war genug.

"Tough as nails": Brandon Prust spricht durchaus respektvoll von David Wolf. Über die Schiedsrichter in der DEL äußerte er sich hingegen nicht allzu freundlich. © Thomas Hahn/Zink

Fraser ist nicht der erste ehemalige Profi der Ice Tigers, der bei "Spittin‘ Chiclets" zu Gast war. Brandon Prust, ein ähnlicher Spielertyp, der allerdings weitaus mehr seiner Faustkämpfe gewonnen hatte als Fraser, wechselte ein Jahr später nach Nürnberg, äußerte sich ebenfalls wohlwollend über den Klub und die Stadt. An den Mannheimer David Wolf hatte er ebenfalls gute Erinnerungen: "Da war dieser Typ, David Wolf, [tough as nails,] der die Liga seit Jahren terrorisiert hatte. Wir hatten 4:1 geführt, als er auf mich zukam und mich fragte, ob ich ihren Torhüter berührt hätte. Ich sagte nein, aber wenn er wollte, könnten wir loslegen. Wir ließen also die Handschuhe fallen und ich habe die Scheiße aus ihm herausgeprügelt." Die Schilderung dieser Szene aus einem Heimspiel gegen Mannheim erzählt sehr viel über das Selbstverständnis Prusts, aber eben auch, warum der Lautstärkepegel in der Arena Nürnberger Versicherung verlässlich steigt, wenn der Faustkampf auf dem Videowürfel zu sehen ist.

"Er fällt um wie ein Sack Kartoffeln"

Nun ist „Spittin‘ Chiclets“ kein vornehmer Podcast, der sich journalistischen Grundsätzen verpflichtet fühlt. Whitney und Bissonnette sind vor allem deshalb bei Spielern und Fans so beliebt, weil sie es geschafft haben, die Atmosphäre einer Eishockey-Kabine in einen Podcast zu überführen. Man sollte es also nicht zu ernst nehmen, dass Prust erzählte, dass er davon träumte, Schiedsrichter umzubringen. "Es war so schlimm. Im ersten Spiel der Playoffs, Dave Steckel war mein Mittelstürmer, sagte er zu mir: Wir kümmern uns im ersten Drittel nicht um Pucks, wir gehen nur auf den Körper. Im ersten Wechsel ist der Puck in der Rundung, der Verteidiger verliert ihn, ich checke ihn, er fällt um wie ein Sack Kartoffeln. Der Schiedsrichter hebt den Arm, Stecks rauscht heran, checkt ihn noch einmal, der fällt wieder, die nächste Strafe. 3:5-Unterzahl, sie treffen zweimal. Und für uns haben die Playoffs mit einem 0:2 angefangen. Keine dieser Strafen wäre in Nordamerika gepfiffen worden."

Tatsächlich beeinflusste diese Szene die Playoffs für die Ice Tigers, die daraufhin nachhaltig irritiert wirkten. Prust legte sich mit Coach Wilson an, der ihm deutlich sagte, dass solche Fouls in Deutschland gepfiffen werden. Fraser aber erzählte, dass Wilson selbst den Schiedsrichtern nicht recht traute: "Wir hatten einen nordamerikanischen Coach, Rob Wilson, ein großartiger Coach. Er wollte, dass wir hart spielen, aber nur 40 Minuten lang. Vor dem dritten Drittel hat er nur gesagt: Keiner checkt irgendeinen, euch ist es nicht mehr erlaubt, irgendjemanden zu checken. Er hatte Angst, dass sie alles pfeifen, auch saubere Checks." Sein Urteil über die Schiedsrichterleistungen in der Deutschen Eishockey Liga: "Es war entsetzlich."

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