Samstag, 31.10.2020

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Falcons-Chef Junge: "Wir wollen ein Leuchtturm sein"

Der Trainer und Geschäftsführer spricht im Interview über die neue Saison - 17.10.2020 12:31 Uhr

Der Ort, auf dem die Hoffnungen ruhen und der in einer tristen Gegenwart eine bessere Zukunft verspricht: Ralph Junge vor der neuen Halle am Tillypark, die nächsten Frühling eingeweiht werden soll.

© Foto: Michael Matejka


Nach dem Ausstieg des Hauptgesellschafters 2016, dem Verlust der Halle 2018, dem verweigerten Aufstieg 2019, dieses Jahr eine Pandemie: Herr Junge, was gibt Ihnen die Hoffnung, dass Sie doch noch irgendwann einmal eine ganz normale Saison in Nürnberg erleben?

Junge: Langsam fange ich auch das Zweifeln an. . . Meine Hoffnung ist, dass es rein statistisch ja irgendwann mal passieren muss. (lacht)

Ihre Expertise als Krisenmanager ist inzwischen einigermaßen hoch. Wurden Sie schon mal angefragt für Manager- oder Führungskräfte-Seminare?

Junge: Ich wurde schon für Vorträge angefragt ja. Da ging es aber eher um Teambuilding.

Aber Sie könnten jederzeit auch über das Thema Krisenmanagement referieren.

Junge: Zumindest gibt es einige Erfahrungswerte.

Was wäre die wichtigste Botschaft Ihres Vortrags?

Junge: Positiv denken und Lösungen suchen. Und dann natürlich: Ruhe bewahren und sich Stück für Stück vorwärts hangeln. Bei all den Problemen, die wir hatten, hat eine überstürzte Lösung nie zum Ziel geführt. Auch wenn oft Zeitdruck da war.

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Trotz Corona-Ungewissheit: Die Falcons bereiten sich auf die neue Saison vor

Mitte Oktober soll es endlich wieder losgehen für die Nürnberg Falcons und die deutschen Basketballligen - so zumindest der Plan. Offene Fragen gibt es noch viele und etwas skeptisch ist man bei den Falcons noch, "heiß auf den Start" sind sie aber alle. Denn auch die Vorbereitung ist inzwischen gestartet und die Nürnberger Basketballer trainieren - und hoffen auf einen Saisonstart nach Plan.


Ruhe bewahren – das klingt so leicht, ist es aber vermutlich nicht, wenn eine Woche vor dem Saisonstart plötzlich die Halle im BBZ gesperrt wird oder der Standort finanziell vor dem Aus steht.

Junge: Es ist natürlich auch ein Lernprozess, der mit dem Alter und der Erfahrung kommt. Früher hätte ich das vielleicht auch nicht gekonnt; als man sofort die Welt zusammenbrechen hat sehen.

Mit Blick auf die aktuelle Situation: War es vielleicht besser, dass es 2019 nicht geklappt hat mit dem BBL-Aufstieg? Hätte der junge Erstligist Nürnberg die Turbulenzen der Corona-Krise verkraftet?

Junge: Das glaube ich nicht, dass es besser war. Natürlich würden wir wie alle in einer schwierigen Situation stecken, aber dafür hätten wir diesen Riesen-Schwung mitnehmen und eine andere Basis schaffen können, wie wir es jetzt, auch wegen Corona, nicht können. Zumal wir ja auch im Falle des Aufstiegs seriös und eher konservativ geplant hätten.

Der verpasste Aufstieg und der dazugehörige Rechtsstreit haben viel Geld gekostet, die Falcons haben Schulden gemacht. Wie steht der Klub finanziell da im Oktober 2020?

Junge: Naja, die eingangs genannten Szenarien haben natürlich alle nicht dazu beigetragen, dass wir groß Rücklagen bilden konnten. Und dass wir jetzt wegen Corona nicht richtig vorwärts planen können. Man weiß nicht: Kommen Zuschauer? Und wenn ja, wie viele? Wie viel wird durch staatliche Zuschüsse ausgeglichen? Das ist ein Ratespiel. Seit dem Beschluss der Liga zu spielen, sind große Kostenpunkte hinzugekommen. Somit bleibt es weiter ein wilder Ritt.


Die Falcons fliegen wieder - aber ohne Zuschauer


Wie kalkuliert man für so eine Saison bei all den Unsicherheiten?

Junge: Ich ärgere mich sehr, weil es meiner Meinung nach nicht seriös ist zu starten, ohne zu wissen, wie die Rahmenbedingungen lauten. Die Mehrheit der Klubs hat sich aber dafür ausgesprochen, also sitzen wir mit im Boot. Es gibt einen Minimalplan und einen für den Fall, dass es doch mehr Einnahmen gibt und irgendwo dazwischen bewegt man sich.

Sie hätten also lieber abgewartet anstatt wieder irgendwie präsent zu sein?

Junge: Naja, das präsent sein, ist schön, aber bringt ja nicht viel, wenn dann niemand in die Halle darf und der Spielplan durch Coronafälle wieder verworfen werden muss. Wir sind eben nicht wie beim Fußball von TV-Geldern abhängig, sondern von Sponsoren und Zuschauern. Und was passiert, wenn wir jetzt doch nicht spielen? Wir haben den ganzen Betrieb ja schon vor zwei Monaten hochgefahren, wir zahlen Gehälter und Wohnungen.

Das heißt, wenn die Saison an Weihnachten abgebrochen wird und die Falcons bis dahin überwiegend Geisterspiele absolviert haben, müssen Sie den Umzug in den Tillypark gar nicht mehr planen?

Junge: Dann wird es eng. Dann werden wir genau wie viele kulturelle Einrichtungen oder Unternehmen staatliche Unterstützung brauchen, um zu überleben.

Auch Junge unterstützt finanziell

Wie hat sich die Krise auf die Gehaltsstruktur bei den Falcons ausgewirkt?

Junge: Wir haben zwei Spieler weniger, die vergangene Saison ein bisschen mehr verdient haben, und wir haben insgesamt zwei Profis weniger im Team. Groß-Zahler waren wir ja aber ohnehin nicht. Wir würden gerne noch einen verpflichten, aber das geht im Moment nicht.

Sie sind Ihr eigener Chef. Wie viel Gehalt zahlt sich denn Ralph Junge aus?

Junge: Da geht es mir wahrscheinlich wie so vielen anderen Unternehmern. Der Gesellschafter kann sich ein Gehalt zahlen, wenn genügend Geld da ist. Und wenn nicht genügend da ist, muss man die Arschbacken zusammenkneifen.

Das heißt, Sie leben aktuell von Ihrem Ersparten.

Junge: Es ist definitiv so, dass da in den vergangenen Jahren Geld von mir reingeflossen ist, ja. Wenn man ein Unternehmen aufbaut, hat man ja meistens einen gewissen Eigeninvest und durch die angesprochenen Probleme gab es noch nicht die Möglichkeit, sich den zurückzuholen.

"Wozu mache ich dieses ganze Gschmarri?"

Was haben Sie über sich gelernt, als die Welt im Frühling ein bisschen stillstand?

Junge: Das, was wahrscheinlich viele gelernt haben: Dass man nicht vergessen sollte, sich gewisse Freizeit- und Erholungsmomente zu gönnen. Und dann merkt man, wie schön es sein kann, einfach nur ein Buch zu lesen oder einen Spaziergang mit der Familie zu machen. Man wurde geerdet und hat wieder gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen, die besonders wertvoll sind.

In den vergangenen Wochen war dafür vermutlich wieder kein Platz mehr.

Junge: Nein, da war man wieder von früh bis spät unterwegs, auch um Hygienekonzepte zu konzipieren, sich über Kurzarbeit zu informieren und abzuklären, wie eine staatliche Förderung aussehen könnte, wenn weniger oder keine Zuschauer kommen dürfen. Der Steuerberater ist in diesen Tagen dann der Mensch, den man am häufigsten sieht.

Center Jonathan Maier hat gesagt, dass er während der Zwangspause gemerkt hat, wie wichtig ihm Basketball ist, und dass er bereit ist, viele Einbußen in Kauf zu nehmen, solange er seinen Sport ausüben kann. Wie viel würde Ralph Junge für Basketball entbehren?

Junge: Ach, mir macht es Spaß zu arbeiten, ich zähle nicht die Stunden. Natürlich gibt es auch Momente, in denen man sich denkt, wozu mache ich dieses ganze Gschmarri?

"Immer noch Feuer und Flamme"

Aber wo liegt die Schmerzgrenze?

Junge: Die Schmerzgrenze... Naja, irgendwann muss es halt auch mal funktionieren, muss es nach vorne gehen. Es kann nicht jedes Jahr die nächste Breitseite kommen. Umgekehrt ist die Frage: Was sind die Alternativen? Natürlich gibt es auch ein Leben ohne Basketball, aber dafür sehe ich hier noch zu viel Potenzial.

Die Breitseiten haben Sie nicht in Ihrem Optimismus erschüttert?

Junge: Wir haben in den vergangenen Jahren ja auch viele Dinge erreicht, die dem Nürnberger Basketball eine neue Perspektive gegeben haben. Wir wollen nicht nur sportlich vorankommen, sondern auch ein Leuchtturm sein für die Region; im sozialen Bereich, für den Nachwuchs, als Markenbotschafter der Stadt. Da haben wir noch gar nicht richtig angefangen und deswegen bin ich immer noch Feuer und Flamme.

Blicken wir aufs Sportliche: Corona hat die Vereine in der 2. Basketball-Bundesliga sehr unterschiedlich getroffen. Wo werden die Falcons am Ende landen?

Junge: Das ist sehr schwierig vorauszusagen. Es hängt viel davon ab, ob die Mannschaft gesund bleibt. In Kirchheim gab es jetzt die ersten Corona-Fälle. Wenn man zwei Wochen in Quarantäne muss, ist das ein Wettbewerbsnachteil. Wir haben eine gute Truppe, aber wenn zwei, drei Spieler ausfallen, dann wird es schwer.

Mit Duane Wilson ist der Topscorer weg. Wie verändert sich dadurch das Spiel?

Junge: Es muss auf mehrere Schultern verteilt werden. Was ohnehin gut ist, weil dann eine größere Bereitschaft da ist, für einander zu kämpfen. Dafür werden wir mehr Engagement in der Defense haben. (lächelt)

Im Frühling ist die Arena am Tillypark fertig, es gibt einen Impfstoff und die Hallen sind wieder voll: Das perfekte Szenario, an dem man sich festklammern kann?

Junge: Der Umzug in den Tillypark vor 4000 Zuschauern, genau. Das ist die schöne Vision.

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