In eigener Sache

Warum und wie wir über die WM in Katar berichten

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

E-Mail zur Autorenseite

17.11.2022, 22:29 Uhr
Die Meinung in diesem Nürnberger Fanblock ist offensichtlich eindeutig. Wir jedoch können die WM in Katar weder boykottieren noch ignorieren. Umso wichtiger ist, dass wir über dieses Turnier sorgfältig und distanziert informieren.  

© Sportfoto Zink / Daniel Marr, NN Die Meinung in diesem Nürnberger Fanblock ist offensichtlich eindeutig. Wir jedoch können die WM in Katar weder boykottieren noch ignorieren. Umso wichtiger ist, dass wir über dieses Turnier sorgfältig und distanziert informieren.  

Man steht ihnen gleich im ersten Raum gegenüber: Fritz Walter, Horst Eckel und natürlich Max Morlock (in der ursprünglichen Version stand hier der Name "Merkel", was wirklich ein unfassbar dämlicher Fehler ist - peinlich berührt: der Autor). Ums Eck stellt Herbert Zimmermann fest, dass Rahn aus dem Hintergrund schießen müsste – und wie 1954 versammeln sich die Menschen vor einem kleinen Fernseher. Tofik Bachramov erklärt nicht wirklich überzeugend, warum der Ball am 30. Juli 1966 im Wembley-Stadion hinter der Torlinie auf den Rasen gesprungen sein muss. Das Jahrhundertspiel im Aztekenstadion, Beckenbauer alleine im Stadio Olimpico, dann flankt André Schürrle und Mario Götze zeigt der Welt für einen Moment, dass er besser ist als Lionel Messi.

Im Deutschen Fußballmuseum von Dortmund werden diese deutschen WM-Geschichten eindrucksvoll erzählt. Sie alle entstammen dem kollektiven Gedächtnis unseres Landes, sie versetzen uns zurück ins Gedränge vor dem Volksempfänger, aufs orangefarbene Sofa zwischen Tanten und Onkels, an den Küchentisch mit Opa, in die Fanmeile mit Freunden, vielleicht sogar ins Stadion. In den Fußballmuseen von Uruguay, Frankreich, Italien oder England geht es den Menschen nicht anders. Fußballweltmeisterschaften haben eine unheimliche Macht. In diesen Tagen aber schlendert man wehmütig an den Torwarthandschuhen, den Lederbällen und Trainingsanzügen vorbei, hört der Projektion von Sepp Herberger mit einem Kloß im Hals zu, weil man weiß, dass es diesmal anders sein wird – egal, ob die deutsche Mannschaft wie vor vier Jahren bereits in der Gruppenphase scheitern oder ob Götze am 18. Dezember erneut das Siegtor schießen wird.

Jeden Tag ein Grund

Mit der Vergabe der WM 2022 nach Katar hat der Weltverband Fifa Millionen Fußballfans auf der Welt um ein unbeschwertes Vergnügen gebracht. Kann man als Fernsehzuschauer ausblenden, wie die Arbeiter in Katar behandelt worden sind, wie Frauen und Homosexuelle behandelt werden? Kann man die Lügen des Ausrichters und der Fifa ignorieren, die offenkundige Korruption und das Achselzucken jener, die davon profitieren? Das muss und wird jeder einzelne für sich selbst beantworten müssen. Wir mussten für uns als Redaktion bereits beantworten, ob wir über dieses vergiftete Großereignis berichten wollen. Die Antwort war eindeutig. Ja, wir müssen sogar. Das Interesse an dieser WM ist groß, wenngleich es dabei nur selten um Fußball geht. Wir werden also berichten – wenngleich anders, als Sie das von bisherigen Weltmeisterschaften gewohnt waren.

Wir werden sichtbar weniger und spürbar distanzierter berichten. Ein schönes Beispiel dafür ist der wunderbare Prolog von Sebastian Gloser. Jeden Tag wird trotzdem kaum jemand selbst einen so starken und zugleich erschütternden Text lesen wollen. Wir nehmen es uns aber heraus, jeden Tag einen Grund zu veröffentlichen, warum diese WM niemals in Katar hätte stattfinden dürfen. Und natürlich werden wir Spielberichte und alles Wissenswerte rund um die deutsche Mannschaft bieten - nur eben aus Distanz. Und damit ist sind nicht die 4.386,83 Kilometer Luftlinie zwischen Nürnberg und Doha gemeint. Die Vorfreude darauf, so ehrlich müssen wir an dieser Stelle sein, könnte aber geringer nicht sein.

1 Kommentar