Eine emotionale Ehrenrunde

Abschied von den Ice Tigers: Bier, Tränen und ein großes Versprechen

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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10.4.2022, 16:10 Uhr
Das Versprechen: Tom Rowe kündigt die Meisterschaft an - in den kommenden drei Jahren. 

© Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa Das Versprechen: Tom Rowe kündigt die Meisterschaft an - in den kommenden drei Jahren. 

Ryan Stoa hat nicht mitspielen können. Zum Mittrainieren hat es gereicht, die Belastung eines Playoff-Spiels aber war zu viel, zu unkalkulierbar für seine verletzte Hand, seine verletzten Unterarm. Was genau den US-Amerikaner vor dem Saisonhöhepunkt ausgebremst hatte, hat man nicht erfahren. Jetzt ist auch egal, der Höhepunkt war intensiv, zog sich aber nicht einmal über 75 Stunden, weshalb Stoa am Freitagabend einen Kasten nach dem nächsten in die Kabine trug. Fränkische Schweiz, Hamburg, Oberfranken – wo das Bier herkam, war egal. Wichtig war, dass es vorrätig war, um dieses 1:3 und seine Folgen für einen kleinen Rausch zu vergessen.

Einer bleibt, der andere muss gehen: Blake Parlett (links) und Chris Brown.

Einer bleibt, der andere muss gehen: Blake Parlett (links) und Chris Brown. © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Dass die Ice Tigers ihre zwei Heimspiele in dieser ersten Playoff-Runde gegen die Düsseldorfer EG verloren hatte, dass sie in 188 Minuten Eishockey kein einziges Mal geführt hatten, dass sie trotzdem insgesamt mehr schossen, mehr Puckbesitz hatten, das hatte mit der Abwesenheit von Stoa nichts zu tun. Die DEG musste auf seine beiden begabtesten Verteidiger verzichten und trat am Sonntagabend trotzdem zum ersten Viertelfinalspiel gegen München an. „Natürlich habe ich gedacht, dass wir mehr verdient hätten“, sagte Blake Parlett vor der Kabine, während hinter ihm Stoa Biere trug, „aber man muss auch anerkennen, dass Düsseldorf das richtig gut gemacht hat.“

Respekt: Auch Daniel Schmölz (rechts) war immer wieder an Mirko Pantkowski gescheitert. 

Respekt: Auch Daniel Schmölz (rechts) war immer wieder an Mirko Pantkowski gescheitert.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Später wünschte sich Harold Kreis, dass aus dem best-of-3 gegen Nürnberg ein best-of-11 werde. Der Trainer der DEG war erst am Nachmittag in Nürnberg angekommen. Das 3:2 und das wilde 5:6 nach Verlängerung hatte Kreis aufgrund eines familiären Notfalls in Kanada verpasst. Dabei boten die Spiele nur selten spielerischen Genuss, sondern meist eine Abfolge von gegenseitigen Einschüchterungsversuchen und ständigen Schubsereien. Immer wieder lagen Spieler vermeintlich verletzt auf dem Eis, spielten aber ungerührt weiter, wenn die Schiedsrichter doch kein Foul gesehen hatten. Den Reiz bezog die Serie aus der Spannung. Erst in der vorletzten Minute war klar, dass die Ice Tigers diesmal nicht mehr zurückkommen würden. Mit dem Stock parierte Mirko Pantkowski Tyler Sheehys Versuch, den Düsseldorfer Torhüter doch noch zu überwinden. Nürnberg war gescheitert, aber immerhin spektakulär.

Gentlemen: Harold Kreis und Tom Rowe (links). 

Gentlemen: Harold Kreis und Tom Rowe (links).  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Es gibt im Sport die These, dass Teams erst gemeinsam leiden müssen, um erfolgreich zu sein. Vielleicht hat der erfahrene Tom Rowe den bitteren Abend deshalb lachend beendet – bevor und nachdem er gut 4000 Fans über das Arena-Mikrofon nicht weniger als einen Meistertitel bis 2025 versprochen hat. „Tom setzt Ziele, von denen ich selbst erschrocken bin“, merkte Wolfgang Gastner an, der die letzte Ehrenrunde mit NCP-Chef Peter Söll und Sportdirektor Stefan Ustorf vom Eis aus verfolgte. „Aber wie er das angeht, zeigt: Wenn wir es erreichen wollen, dann mit ihm.“ Und mit einer Mannschaft, die nur punktuell verändert wird.

Oliver Mebus bleibt wahrscheinlich ein Ice Tiger.

Oliver Mebus bleibt wahrscheinlich ein Ice Tiger. © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Mindestens ein weiteres Jahr in Nürnberg bleiben: der Torhüter Treutle, die Verteidiger Bodnarchuk, Parlett, Karrer, Weber und Welsh, die Angreifer Fleischer, Fox, Jahnke, Lobach, MacLeod, Reimer, Schmölz, Sheehy und Stoa. Dass sich Oliver Mebus und die Ice Tigers mündlich auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt haben, verriet Rowe ebenso wie die Verpflichtung des vielsprechenden Stürmers Danjo Leonhardt aus dem Nachwuchsprogramm von Red Bull München und den Abschied von Chris Brown.

Neu in Nürnberg: Danjo Leonhardt wird sein Talent ab Herbst als Ice Tiger vorführen. 

Neu in Nürnberg: Danjo Leonhardt wird sein Talent ab Herbst als Ice Tiger vorführen.  © IMAGO/GEPA pictures/ Gintare Karpaviciute

Vier Jahre hat der Texaner in Nürnberg gespielt. „Ein großartiger Typ, ein großartiger Spieler“, sagte Rowe. „Es ist hart für ihn und seine Frau. Aber Usti muss ein paar Veränderungen vornehmen. Das ist nicht leicht. Wir haben lange darüber geredet, aber letztlich wird Chris nicht zurückkommen.“ Auch Ilya Sharipov, der es als Treutles Ersatzmann nicht leicht hatte, war der Abschiedsschmerz anzusehen. Bevor er in die Kabine zum Bier verschwand, strich er noch einmal wehmütig über das Eis.

Berührende Szenen: Mit Tim Bender wollen die Ice Tigers noch reden, vielleicht hat sich der beliebte Verteidiger aber auch schon verabschieded.

Berührende Szenen: Mit Tim Bender wollen die Ice Tigers noch reden, vielleicht hat sich der beliebte Verteidiger aber auch schon verabschieded. © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Tim Bender ging die Ehrenrunde ebenfalls sichtlich nahe. Der Geschäftsführer machte dem extrovertierten Verteidiger und seinen Fans Hoffnung. „Da ist noch nichts in Stein gemeißelt“, sagte Gastner. „Wir werden in den nächsten Tagen miteinander sprechen. Aber dass Spieler enttäuscht sind, weil sie die Ice Tigers verlassen, das hat es auch noch nicht oft gegeben.“

"Musst da alles versuchen": Daniel Schmölz scheitert hier - an der Maske von Mirko Pantkowski.

"Musst da alles versuchen": Daniel Schmölz scheitert hier - an der Maske von Mirko Pantkowski. © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Parlett bleibt. Der Kanadier erklärte, warum die Stimmung in der Arena gar so wehmütig war. „Es ist schon schwer genug, in die Playoffs zu kommen. Wenn du dann ein Team hast, mit dem du etwas erreichen kannst, dann musst du das nutzen“, sagte Parlett – mit leerem Blick. „Wir wussten, dass wir diese eine Mannschaft gehabt hätten. Deshalb tut es gerade gar so weh. Aber vielleicht waren diese Spiele wichtig, um dazuzulernen.“