In der "Sprinter-WG": Patrick Schneider will zu Olympia

Holger Peter

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26.2.2020, 17:08 Uhr
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© Foto: pps

Patrick Schneider isst gerne mal ein Schäufala. Doch auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Tokio im kommenden Sommer hat er vieles in seinem Sportlerleben umgekrempelt und im wahrsten Sinne "Ballast" abgeworfen. Seit er seine Ernährung umgestellt hat und weitgehend auf Fleisch verzichtet, hat er bereits vier Kilogramm abgenommen.

Trotzdem hat der 27-Jährige den Eindruck, eher kräftiger und leistungsfähiger zu sein als vorher. Und auch wenn ihm noch Wettkämpfe fehlen, die sein Gefühl untermauern könnten, sagt er mit Überzeugung: "Ich glaube, dass ich jetzt schneller bin. Ich habe ein besseres Körpergefühl, fühle mich leichter und spritziger. Es läuft sehr gut."

Im Oktober hatte der 400-Meter-Läufer vom LAC Quelle Fürth, der seine Jugend im Steigerwald verbracht und beim TSV Aschbach Fußball gespielt hat, beschlossen, neue Wege zu gehen. Denn die Saison 2019 war überhaupt nicht rund gelaufen. Sein großer Traum, sich für die Olympischen Sommerspiele 2020 zu qualifizieren, drohte wie eine Seifenblase zu platzen.

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So suchte er Anschluss an eine leistungsstarke Trainingsgruppe – und fand sie auf der Insel: Im englischen Birmingham schart Trainerfuchs Tony Hadley seit vielen Jahren Spitzensprinter um sich. Zuletzt hat er den 400-Meter-Europameister von 2014 und 2018, Matthew Hudson-Smith, groß herausgebracht.

Aktuell betreut er rund 15 Sportler, wobei die 400-Meter-Läufer eine Gruppe von vier bis fünf Mann sind. Der Schnellste von ihnen, zuletzt allerdings immer wieder von Verletzungen geplagt, ist der Sudanese Sadam Koumi, der eine Bestzeit von 45,4 Sekunden stehen hat. Patrick Schneider kann 45,82 vorweisen, der dritte Topmann Marc Koch 46,1.

 

Kochen, putzen, trainieren

 

Mit dem Landsmann aus Berlin teilt sich der Franke eine Wohnung. Gemeinsam erstellen sie Einkaufs- und Ernährungspläne, kochen und putzen. Aber vor allem stacheln sie sich im Training unaufhörlich an.

Schneider berichtet: "Das ist der größte Vorteil in Birmingham: diese Gruppe, die auf Augenhöhe ist. In Fürth gab es keinen, der unter 50 Sekunden laufen konnte, da fehlte mir im Training die Vergleichsmöglichkeit."

Natürlich mache auch das Konzept von Hadley einiges aus. Er schaffe eine sehr gute Balance zwischen Schnelligkeit und Ausdauer. "Die Einheiten machen alle Sinn, alles baut aufeinander auf. Er hält die Intensität ganzjährig hoch und hat einen unglaublichen Blick fürs Detail", schwärmt Schneider.

Ein Schwachpunkt des 27-Jährigen ist beispielsweise die mangelhafte Rumpfstabilität. So arbeitet sein Team zweimal wöchentlich mit einer einstigen Profi-Balletttänzerin zusammen, die in ihrem Studio Pilates anbietet. Schneider hofft darauf, dass diese Übungen ein Phänomen beseitigen, das ihn oft bessere Platzierungen und Zeiten kostete: "Auf der Zielgeraden war ich nicht mehr stabil, da ist der ganze Bewegungsapparat ins Rudern geraten."

So etwas soll im Olympiajahr möglichst nicht passieren, denn der Qualifikationsmodus ist heuer neu gestaltet worden. Nach wie vor gibt es eine Norm, die mit 44,90 Sekunden so streng ist, dass sie in den vergangenen Jahren stets nur rund 20 Sportler weltweit unterbieten konnten.

Aber zusätzlich gibt es erstmals eine Weltrangliste mit einem ausgeklügelten Punktesystem. Und diejenigen, die dort am besten platziert sind, füllen das Feld in Tokio bis auf 48 Teilnehmer auf. "Da sehe ich für mich schon eine Chance", sagt der LAC-Sportler.

 

Wenig Hilfe vom Verband

 

Bisher hatte der deutsche Leichtathletikverband (DLV) seine Normen meist so streng an der Endlaufchance ausgerichtet, dass die eigenen Athleten durchs Raster fielen, während schwächere Sportler anderer Nationen nominiert wurden.

Ein Hoffnungsschimmer für Schneider, der auf wenig Schützenhilfe vom DLV hoffen darf: Kurz nach der Bekanntgabe seines Umzugs nach Birmingham wurde er aus dem Nationalteam geworfen – genau wie WG-Mitbewohner Marc Koch: "Deutlich langsamere Konkurrenten sind im Kader geblieben, wir haben nicht einmal eine Begründung für diesen Schritt erhalten", erzählt der Sprinter. Und vermutet (wahrscheinlich nicht zu Unrecht), dass es da schon einen Zusammenhang mit dem Wechsel auf die Insel geben könnte.

Aber wenn die Zeiten der "Flüchtlinge" stimmen, käme der Verband nicht an ihnen vorbei, so Schneider. Er wird – nachdem er die Hallenwettkämpfe komplett ausgelassen und voll seinen Trainingsplan durchgezogen hat – mit seiner Gruppe ab 2. März zum Trainingslager im südfrikanischen Potchefstroom reisen und dort auch seine ersten beiden Wettkämpfe absolvieren. "Danach weiß ich in etwa, wo ich stehe und kann weiter planen", sagt er.

Im Kopf hat er schon die Alternativen. Am besten wäre natürlich, er wäre in Südafrika schon richtig schnell. Dann kann er auf Startplätze bei höherwertigen Meetings hoffen, die auch mehr Punkte für die Weltrangliste bringen. Ansonsten muss er sich anschließend "hochdienen". Auf jeden Fall möchte er in dieser Saison konstant Zeiten um die 45,50 anbieten.

Weil es heuer erstmals drei Wettbewerbe gibt, für die er sich qualifizieren kann, ist er zuversichtlich, in Japan dabei zu sein. Am realistischsten ist ein Start mit der neuen Mixed-Staffel – hier ist Deutschland in der Weltrangliste ziemlich gut platziert. Das Männer-Quartett muss noch zulegen, hat Ende Mai beim Pfingstsportfest in Rehlingen die Chance, seine Zeit deutlich zu verbessern. Und eine Woche später bei der Deutschen Meisterschaft in Braunschweig ist Patrick Schneider individuell gefragt – und da sind auch die beiden Birminghamer WG-Bewohner für kurze Zeit Gegner im Kampf ums Olympiaticket.

Bis dahin ziehen sie aber an einem Strang. Koch muss dabei etwa alle drei Wochen für eine Woche auf seinen Trainingspartner verzichten, der beruflich bedingt nach Herzogenaurach pendeln muss. Und ist sehr dankbar, dass "bei meinem Arbeitgeber Puma alle hinter mir stehen, vom Chef angefangen bis zu jedem Mitglied in der Abteilung". In Birmingham hat er sich ein kleines Büro geschaffen, betreibt dort Home Office. Und in der einen Woche in Franken werden Dinge abgearbeitet, die aus der Ferne eben nicht zu erledigen sind.

 

Der Brexit macht Arbeit

 

Also keine Vollprofi-Vorbereitung? Schneider: "Ich bin sehr froh, dass ich meine Arbeit auch noch habe, das sorgt für einen geordneten Tagesablauf, was ich brauche. Wir trainieren in der Gruppe nur einmal täglich, weil auch Tony Hadley noch einen normalen Beruf ausübt. Das sind weniger Einheiten als in Fürth, aber diese sind dafür intensiver. Da lassen sich Job und Sport optimal verbinden."

Der Brexit bescherte ihm zwar einige zusätzliche Behördengänge – der Arbeitsvertrag musste auf Puma England umgeschrieben, die deutsche Krankenversicherung gekündigt, eine britische abgeschlossen werden –, aber jetzt darf er bis Ende 2024 auf der Insel bleiben.

Ob der Aufenthalt so lange dauern wird, hängt aber davon ab, wie der Sommer 2020 verläuft. Und ob Patrick Schneider ein Ticket für Tokio ergattert.

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