Para-Schwimmer aus Erlangen

Josia Topf: Der große Traum und wie es nach den Paralympics weiter geht

Katharina Taubeneder
Katharina Taubeneder

E-Mail zur Autorenseite

25.9.2021, 06:00 Uhr
Im Wasser in seinem Element: Josia Topf (vorne) über 200 Meter Freistil bei den Paralympics.

Im Wasser in seinem Element: Josia Topf (vorne) über 200 Meter Freistil bei den Paralympics. © JOEL MARKLUND, AFP

Josia Topf spricht immer darüber, was möglich ist. Und nie, was nicht möglich ist. Für einen jungen Menschen, der keine Arme, keine Knie und nur sehr kurze Beine hat, ist das beeindruckend. Denn viele würden meinen, das für den 18-Jährigen ja so einiges unmöglich ist. Sich alleine anziehen. Länger als ein paar Meter gehen. Oder alleine ins Training fahren. Schwimmen.

Seit frühester Kindheit aber hat Josia Topf sehr viel möglich gemacht und seine Grenzen immer weiter verschoben. Er gehört zu den besten Leistungsschwimmern der Stadt, unter den Para-Sportlern zu den besten der Welt. Und bald wird er auch alleine ins Training fahren.

Josia Topf macht gerade seinen Führerschein, wie so viele Abiturienten. Für den Erlanger aber bedeutet Autofahren mehr als nur ein weiterer Schritt zum Erwachsenwerden. Für Josia Topf bedeutet es Freiheit.

Spricht man mit Josia Topf, vergisst man schnell, dass man einen Menschen mit einer Behinderung vor sich hat, die ein Leben, wie wir es als normal bezeichnen würden, nie leben wird. Der Schwimmer erzählt von seinem Training, den sportlichen Leistungen, den Weltrekorden. Im Sommer war er bei den Paralympischen Spielen in Tokio. Nie spricht er über seine Krankheit, es geht ja nicht darum, was er alles nicht kann. Es geht immer nur darum, was er kann.

Um sich bewegen zu können, braucht Josia Topf einen speziellen Schuh - in Tokio sogar in Deutschland-Farben.

Um sich bewegen zu können, braucht Josia Topf einen speziellen Schuh - in Tokio sogar in Deutschland-Farben. © CHARLY TRIBALLEAU, AFP

Beim Autofahren ist das anders: "Das war lange mein Traum", sagt Josia Topf. "Aufgrund meiner Behinderung bin ich extrem eingeschränkt. Ich habe noch kein Fortbewegungsmittel gefunden, mit dem ich gut von A nach B komme, ohne dass ich groß auf Hilfe angewiesen bin." Mit einem Auto wäre das anders. Allerdings kann Josia Topf nicht einfach mit irgendeinem fahren. Selbst für seine Fahrstunden muss er in eine andere Stadt, in Aichelau macht der Erlanger gerade einen Intensivkurs. "Das gibt mir noch einmal einen Selbstbewusstseinsschub und ein Freiheitsgefühl", sagt er über seine ersten Erfahrungen hinter dem Steuer.

Einen Sponsor sucht Josia Topf noch

Der Führerschein alleine aber reicht nicht. In Erlangen braucht Topf auch ein Auto, das extra nach seinen Bedürfnissen ausgerichtet ist. Die Kosten für den Umbau liegen im fünfstelligen Bereich. "Wir versuchen momentan, die finanziellen Mittel dafür aufzutreiben", sagt Topf, der sich auch deshalb über Sponsoren freuen würde, die ihn unterstützen. Viele Möglichkeiten gebe es nicht.

Und das, obwohl mit dem jungen Erlanger vor nicht allzu langer Zeit ganz Deutschland vor den Fernsehern mitgefiebert hat. Bevor es zum Autofahren ging, hat sich Josia Topf seinen ersten Lebenstraum erfüllt. Der Schwimmer hat es zu den Paralympischen Spielen geschafft und dort mit erfahrenen Sportlern mitgehalten.

In allen vier Disziplinen hat sich der Erlanger fürs Finale qualifiziert. Über 50 Meter Freistil wurde er Fünfter (47.09 Sekunden), zweimal kam er auf Rang sechs (150 Meter Lagen 3:20.35 Minuten, 200 Meter Freistil 3:49.44 Minuten) und einmal auf Platz sieben (50 Meter Rücken 49.99 Sekunden). "Ich bin sehr froh darüber, weil ich gesehen habe, dass sich das Training ausgezahlt hat", sagt Topf. "Ich bin neue Bestzeiten geschwommen und habe meine Ziele erreicht."

Josia Topf aber ist viel zu ehrgeizig, als dass ihm das reichen würde. "Ein bisschen enttäuscht bin ich, weil ich mir mehr gewünscht hätte. Über 50 Meter Rücken hätte es besser laufen müssen und über 50 Meter Freistil habe ich mich aus dem Tritt bringen lassen, dabei hätte ich einfach mein Ding machen müssen." Der junge Schwimmer aber wurde auf seiner Bahn unruhig, kam aus dem Rhythmus. "Ich bin sicher, dass ich unter 46 Sekunden schwimmen kann, vielleicht sogar 45,5. Deshalb trainieren wir fleißig weiter."

Das Gemeinschaftsgefühl im deutschen Team: So feuerten die anderen Sportler Josia Topf an.

Das Gemeinschaftsgefühl im deutschen Team: So feuerten die anderen Sportler Josia Topf an. © imago images/Joachim Sielski, imago images/Joachim Sielski

Neben den sportlichen Leistungen geht es auch in der Frage um die Klassifizierung weiter. Im Para-Sport sorgt diese immer wieder für Diskussionen, weil Athleten, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Behinderungen in ein System eingeordnet werden, das lange nicht so individuell ist wie die Sportler selbst. Eigentlich soll das alles fairer machen. Josia Topf - und er war nicht der Erste - aber fühlte sich durch seine Einordnung benachteiligt.

Bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften war Topf noch in der Startklasse 2 sehr erfolgreich, bei den Paralympics sollte er wenige Wochen später in der Klasse 3 antreten. Hier musste er gegen Sportler mit einer deutlich geringeren Beeinträchtigung schwimmen. Viel dagegen ausrichten konnte Topf nicht, deshalb wollte er sich in Tokio eigentlich nicht damit beschäftigen.

"Es ist ein sehr emotionales Thema"

"Es ist ein sehr emotionales Thema", sagt Topf. In einem Fernsehinterview aber platzte es doch aus ihrem heraus. "Das war gut, weil ich dadurch darauf aufmerksam machen konnte", sagt der Erlanger im Nachhinein. Während der Wettkämpfe aber versuchte er nicht daran zu denken. "Ich habe mir bewusst nicht die Zeiten aus der Startklasse 2 angeschaut, sondern habe mich ganz intensiv auf mich und mein Team konzentriert." Das "Gesamtkonzept Paralympics" wollte Topf so gut es ging genießen.

Die allermeiste Zeit tat er das auch. "In 100 Jahren werde ich mich noch daran erinnern, es waren die schönsten Momente in meinem Leben", sagt Topf über seine aufregende Zeit in Tokio. "Ich war tierisch glücklich und habe den ganzen Tag gelächelt." Das Leben im olympischen Dorf, die Feiern mit den anderen deutschen Medaillengewinnern, die Begegnungen mit den freundlichen Japanern - der Erlanger hatte nach seiner Rückreise einiges zu verarbeiten.

"Ich musste danach viel schlafen und habe immer wieder davon geträumt", sagt Topf. "Die Speicherkarte meines Handys ist explodiert, so viele Fotos habe ich in Tokio gemacht. Doch denke mir, dass ich noch mehr hätte festhalten sollen, es war ein riesengroßes Erlebnis." Bei der Abreise habe er deshalb auch Wehmut gespürt, vor allem aber habe er sich auf zu Hause gefreut. Seine Mutter Wiebke war als Betreuerin mit vor Ort. "Doch ich habe es vermisst, meinen Papa in den Arm zu nehmen oder meinen Hund zu streicheln."

Aus "Tokio 2021" wurde "Paris 2024"

Jetzt sind die Paralympischen Spiele Vergangenheit. Die WhatsApp-Gruppe, die Josia Topf mit seinen Trainern hat, heißt längst nicht mehr "Tokio 2021" sondern "Paris 2024". In drei Jahren ist es bereits wieder soweit. Aktuell macht Josia Topf noch Pause, sein Körper gewöhnt sich nur langsam an drei Wochen ohne Leistungsschwimmen. Sobald er seinen Führerschein hat, wird Topf aber wieder trainieren.

"Ich freue mich darauf", sagt er. Dabei denkt er an den "coolen Moment" auf dem Startblock, an seine Bestzeiten und Erfolge. Josia Topf denkt aber auch an sein Leben außerhalb des Wassers. "Ich trainiere für mich selbst, jeden Fortschritt im Training spüre ich auch im Alltag." Und da ist noch einiges möglich.

Keine Kommentare