Am Samstag gegen Kiel

"Unheimlich viel Potenzial": Kleeblatt-Trainer Marc Schneider im großen Interview

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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14.7.2022, 05:55 Uhr
Zufrieden mit der Entwicklung des Kleeblatts: Marc Schneider mit seinen Trainerkollegen Rainer Widmayer und Stefan Kleineheismann.

© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink Zufrieden mit der Entwicklung des Kleeblatts: Marc Schneider mit seinen Trainerkollegen Rainer Widmayer und Stefan Kleineheismann.

Marc Schneider, in wenigen Tagen steht Ihr erstes Pflichtspiel als Cheftrainer des Kleeblatts an. Was verspüren Sie beim Gedanken an den Samstag? Vorfreude? Demut? Ein bisschen auch Nervosität?

Ein bisschen von allem. Ich verspüre schon eine große Vorfreude, was ich den Jungs auch gesagt habe. Jetzt läuft die Woche vor dem Saisonbeginn, auf den wir hingearbeitet und auch hingefiebert haben.

Etwas Nervosität ist aber auch dabei?

Das kommt wahrscheinlich kurz vor dem Spiel. Momentan geht es einfach noch darum, die Mannschaft bestmöglich vorzubereiten für Samstag. Wenn wir dann aber ins Stadion fahren und die Menschen sehen, kommt hoffentlich schon das Kribbeln.

"Es geht darum, dass wir uns verbessern"

Sie waren in diesen fünfeinhalb Wochen immer wieder auch nicht zufrieden mit gewissen Dingen. Sind Sie mittlerweile zufriedener?

Es geht nicht darum, dass ich per se nicht zufrieden bin, überhaupt nicht. Es gab einfach Punkte, an denen wir arbeiten und die wir besser machen wollten. Selbst in den vermeintlich schwächeren Szenen gab es auch gute Sachen. Die Spieler können das auch einschätzen, sie kennen mich mittlerweile und wissen, wie ich es meine. Es geht ja immer darum, dass wir uns verbessern und auch an kleinen Dingen arbeiten.

Sie haben diese "kleinen Dinge" immer wieder angesprochen. Denkt man sich da als Trainer manchmal: Mensch, so schwer kann das doch nicht sein?

Wenn es so einfach wäre, müsste ich es nur einmal sagen und alles funktioniert. (lacht) Die kleinen Sachen richtig zu machen ist meistens das schwierigste. Gewisse Spieler haben gewisse Angewohnheiten, die ich aufbrechen möchte, damit sie es anders machen. Sie sollen aber immer wissen, warum wir etwas so oder so machen.

Können Sie das kurz erklären?

Wir hatten kürzlich eine Video-Sitzung mit den Innenverteidigern, bei der ich nach Feedback gefragt habe. Da kam genau das, über das wir fünf Wochen lang gesprochen haben. Sie können alles inzwischen gut einschätzen und analysieren. Man sieht die Schritte, die wir gegangen sind. Das freut mich unheimlich.

Sie haben vor allem kritisiert, dass einige Spieler den Ball zu lange halten. Gibt es inzwischen einen Passus im Strafenkatalog, wenn jemand das Spiel weiterhin verschleppt?

(lacht) Den könnte ich einbauen. Nein, im Ernst: Auch da geht es darum, den Sinn zu sehen. Man bekommt zum Beispiel weniger Schläge. Die Spieler sehen, dass es besser wird und dass alle davon profitieren. Sie machen es also und wissen auch, warum.

Ich habe Sie bislang immer als sehr freundlichen, offenen und warmherzigen Menschen erlebt. Können Sie eigentlich auch böse sein?

In gewissen Situationen durchaus, aber immer auf einem gewissen Niveau. Die Jungs merken schon, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir wünsche. Es geht immer um Wertschätzung. Auch wenn Fehler passieren. Es geht ja niemand auf den Platz und macht absichtlich Fehler. Im Fußball gibt oft diese Kultur, dass man nur keine Fehler machen darf, das haben mir auch einige Spieler anfangs als Feedback gegeben. Die Jungs dürfen Fehler machen - das Problem ist nur, wenn sie immer denselben machen. Dann haben wir ein Problem.

Was die Spieler ja auch wissen.

Um zu lernen musst du Fehler machen. Da bricht keine Welt zusammen. Es geht immer um die Reaktion auf Fehler. Alles, was geschehen ist, können wir nicht mehr verändern. Man muss aber im Hier und Jetzt sein, es geht immer um die nächste Aktion, darum, es dann besser zu machen.

"Es ist eine große Ehre..."

Sie haben zuletzt erzählt, dass Sie sehr überrascht waren, als sich Rachid Azzouzi im Sommer bei Ihnen gemeldet hat. Warum?

Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass die Spielvereinigung mich anruft, weil es auf dem Markt sicher einige andere Trainer gegeben hat. Es hat mich unheimlich gefreut, ich war einfach positiv überrascht. Natürlich habe ich es mir zugetraut, sonst hätte ich den Job auch nicht angenommen. Ich bin überzeugt, dass ich der richtige Mann am richtigen Ort bin, aber es ist natürlich auch eine große Ehre, dass mich ein Verein wie dieser auswählt.

Sie wurden mit dem kleinen FC Thun Vierter in der Schweiz und haben es sogar in den Europapokal geschafft. So kurz ist ihr Lebenslauf jetzt auch nicht.

Wir haben es auch gut gemacht mit einem verhältnismäßig kleinen Budget. Daran sieht man, was man erreichen kann, wenn die Strukturen stimmen, wenn es in der Mannschaft stimmt, wenn man etwas entwickeln kann, wenn man auch eine gewisse Zeit bekommt und gemeinsam durch schwierige Zeiten geht. Das durfte ich in Thun. Ich hoffe, dass wir es hier in Fürth ähnlich machen können, denn dann bin ich überzeugt, dass wir unheimlich viel Potenzial haben.

Sind die Voraussetzungen vergleichbar? Oder ist der FC Thun nochmal deutlich kleiner?

Die Dimension ist eine andere. Von den Werten und der Philosophie ist es aber sehr vergleichbar. Das macht es für mich so attraktiv.

Sie haben gerade gesagt, es sei vieles möglich. Der "kicker" hat Sie zuletzt sogar auf den Aufstieg angesprochen. Als Trainer redet man über dieses Thema aber nicht gerne...

Das macht für mich auch keinen Sinn. Wenn man über Ziele spricht: Wir wollen auf den Platz gehen, um das Spiel gewinnen - und nicht nur, um es nicht zu verlieren. Das ist der entscheidende Punkt. Es geht immer um die Haltung. Wenn wir unsere Leistung konstant bringen, bin ich der Meinung, dass wir sehr große Chancen haben, die Spiele zu gewinnen. Wir wollen uns nicht kleiner machen als wir sind.

Sie haben zuletzt immer vom "richtigen Weg" gesprochen, auf dem sich die Mannschaft befindet. Jeder Weg braucht aber auch ein klar definiertes Ziel, sonst verläuft man sich womöglich. Was ist das Ziel des Kleeblatts - abseits vom "Spiele gewinnen"?

Es geht um die Entwicklung. Wenn man die Spiele verfolgt und analysiert, sieht man vom ersten Spiel an unheimlich große Fortschritte. Damit wollen wir nicht aufhören. Jeder Schritt ist der Grundstein für den nächsten. Wenn die Entwicklung stimmt, stimmen auch die Resultate und jeder ist glücklich.

Abschließend, Herr Schneider: Wenn man Sie so reden hört und auch beim Training und den Spielen beobachtet, wirkt es so, als wären Sie sehr zufrieden mit der Entscheidung, neuer Trainer des Kleeblatts zu werden.

Ich bin sehr, sehr zufrieden mit der Wahl. Ich wünschte mir nichts anderes im Moment.

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