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Stanislawski: Ein Club-Fan wird Club-Trainer

"Der Typ liebenswerter Diktator" soll mithelfen, den FCN neu aufzustellen - 22.05.2014 09:17 Uhr

„Ich hatte schon immer ein Faible für den Club“: Trainer Holger Stanislawski ist auf dem Weg nach Nürnberg.

21.05.2014 © dpa


In seinem Kinderzimmer, erzählte Stanislawski, hing ein kleines FCN-Wimpelchen; man habe „immer gern geguckt, was der Club macht, wie er sich präsentiert“. Wie sich der Club einem künftigen Trainer präsentiert, interessierte Stanislawski jetzt beruflich, und was der Club macht, liegt nun auch an ihm. Holger Stanislawski, 44 Jahre alt, verheiratet, gelernter Masseur, Ex-Profi und diplomierter Sportfachwirt, soll den 1.FC Nürnberg zurück in die Bundesliga führen. Unter den verbliebenen drei Trainer-Kandidaten hinterließ Stanislawski, Jahrgangsprimus des Fußballlehrer-Kurses 2008/09 und erklärter Freund eines offensiven Spiels, den besten Eindruck.

Grunsätzlich einig

Bestätigen wollte Nürnbergs Sportvorstand Martin Bader die Personalie gestern Abend nicht („Ich will aus Respekt vor allen Beteiligten keine Namen kommentieren“), aber offenbar ist man sich grundsätzlich einig. Scheitert die angestrebte Zusammenarbeit nicht an letzten, noch im Lauf dieser Woche zu klärenden Details, übernimmt der gebürtige Hamburger Holger Stanislawski die Mission Wiederaufstieg in Franken.

Er hat darin eine gewisse Übung: Mit dem FC St. Pauli, seinem Heimatklub, für den er elf Jahre als Profi spielte, stieg der Trainer Stanislawski erst in die zweite und drei Jahre später, 2010, in die erste Bundesliga auf. Nach dem Abstieg 2011 folgte ein beiderseits tränenreicher Abschied vom Millerntor; Stanislawski riskierte einen kleinen Kulturschock und wechselte vom Kiez-Klub zum Retortenverein TSG Hoffenheim, wo er ein Team aufbauen sollte, das auch ohne millionenschwere Neuzugänge funktioniert.

Schon nach sieben Monaten trennte man sich jedoch wieder – zehn Tage, nachdem Hoffenheims Mäzen, der Software-Milliardär Dietmar Hopp, geäußert hatte, er „hoffe, dass Stani in acht Jahren noch hier ist“. Sportlich war die Bilanz der Zusammenarbeit nicht schlecht ausgefallen – Hoffenheim lag auf Rang acht –, aber die Hoffnung, der Trainer Stanislawski würde dazu beitragen, dem Konstrukt Hoffenheim mehr Leben einhauchen, erfüllte sich eher kaum, man passte nicht zueinander.

Hundert Prozent Leidenschaft

Stanislawski übernahm im Sommer 2012 den gerade wieder einmal aus der Bundesliga abgestiegenen 1.FC Köln, der sich mit einem erheblich umgebauten Team auf den Rückweg nach oben zu machen gedachte. Köln scheiterte knapp, Stanislawski bat unmittelbar vor Saisonschluss um die Auflösung des Vertrages – überraschend und sehr zum Bedauern des FC, der sicher war, mit Stanislawski den Trainer für eine lange gemeinsame Zukunft gefunden zu haben.

Dass der Neuaufbau des Geißbock-Klubs jetzt, ein Jahr später, zurück in die Bundesliga führte, verdanke man auch dem Ex-Trainer, äußerte gerade erst Jörg Jakobs, der Leiter Lizenzfußball beim FC: „Stani hat in seiner Zeit in Köln alles für den Verein gegeben und den Job mit hundert Prozent Leidenschaft gemacht.“

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Holger Stanislawski, der eigentlich nie Cheftrainer werden wollte, hatte, als er es doch geworden war, immer einen hohen Anspruch an sich selbst, wenn er den, wie in Köln, nicht erfüllt zu haben glaubte, hielt er nicht an seinem Posten fest. Stanislawski ist ein ehrgeiziger Mann; der Biotop-Trainer beim FC St. Pauli, der geliebte Stani vom Kiez, wollte er nicht für Ewigkeiten bleiben. Der Gelegenheitsraucher mit legendärem Kaffeeverbrauch entkam den Schubladen. Im Auftreten freundlich, charmant und mit feinem Humor ausgestattet, wurde Stanislawski auch als Fußball-Pedant und Trainer-Streber geschildert.

"Gerne ein gutes Arbeitsklima"

„Mancher bezeichnet mich als sympathisch - sympathisch will ich aber nicht sein“, hat er dazu einmal gesagt, als Trainer sei er „der Typ liebenswerter Diktator“, er habe „gerne ein gutes Arbeitsklima – dann sind Spieler auch bereit, über Grenzen zu gehen, wenn es richtig hart wird“. Das könnte ihn in Nürnberg erwarten, wo der Umbau der Mannschaft weitergeht. Verteidiger Marvin Plattenhardt wechselt zu Hertha BSC nach Berlin; weil es Sportvorstand Bader gelungen war, den Vertrag noch vorzeitig zu verlängern, bleibt dem Club eine Ablöse von rund 600000 Euro. Stürmer Daniel Ginczek, der erstklassig bleiben will, gilt es vom Reiz der zweiten Liga zu überzeugen. Der Japaner Hiroshi Kiyotake wird bleiben, sollte nach der Weltmeisterschaft ein Millionen-Angebot ausbleiben, den Routiniers Per Nilsson, Markus Feulner und Makoto Hasebe liegen unterschriftsreife Verträge vor – bloß gibt es offensichtlich genug erstklassige Interessenten für viele Spieler dieser angeblich so unfähigen Absteigermannschaft.

Andererseits, sagt Bader, sei der Club „für viele interessante Spieler“ seinerseits interessant – trotz des Abstiegs. Und heimliche Club-Fans, das weiß man spätestens seit jenem April 2009, finden sich überall im Fußball-Land.

HANS BÖLLER (Nürnberger Nachrichten)

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