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Therapie nach Ingolstadt: Das Buch zur FCN-Rettung

Der Autor im Interview mit NZ-Sportredakteur Uli Digmayer - 28.11.2020 13:35 Uhr

Die Fußspitze, die den FCN vor dem Absturz bewahrte: Fabian Schleusener traf kurz vor Schluss in Ingolstadt zum 1:3.

26.11.2020 © Foto: Daniel Marr/Zink


Herr Fritsch, es gibt nur wenige Fußballspiele, über die gleich ein ganzes Buch geschrieben wurde. Eines davon ist das 7:1 der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien, das Sie als Journalist vor Ort miterleben durften. Nun widmen Sie dem dramatischen Relegationsrückspiel des 1. FC Nürnberg gegen den FC Ingolstadt ein eigenes Werk. Was hat denn den nachhaltigeren Eindruck hinterlassen?

Oliver Fritsch: In sportlicher und historischer Sicht vielleicht doch das in Belo Horizonte. Aber das Besondere an Fußballspielen ist ja das, was sie mit den Leuten machen, die da mitfiebern. Ingolstadt war für mich das intensivste Fußballerlebnis, das ich je hatte. Und ich habe als Journalist weiß Gott nicht wenige Spiele gesehen, ich habe selbst gekickt und bin von Kindheit an Fußballfan. Jetzt mit 48 dachte ich, man steht über allem, nichts kann einen mehr groß tangieren. Aber dieses Spiel, in diesem Kontext... Natürlich hat das auch damit zu tun, dass meine Frau für den Club arbeitet und ich jetzt hier lebe. Ich weiß, wie sehr die Leute an diesem Verein hängen, Menschen, die ich sehr mag - unsere Nachbarn etwa, oder der Pfarrer, der uns getraut hat. Es hat mich einfach mit in diesen Strudel gerissen. Allein diese Dramaturgie. Erst letztes Jahr der so blutarm verlaufene Abstieg. Dann diese enttäuschende Saison, die aber trotzdem noch hätte zum Guten gewendet werden können. Mit dem 6:0 in Wiesbaden schien der Club ja auf Kurs. Dann das Hinspiel, als man dachte: Okay, Ingolstadt kann gar nichts. Ich habe lange keine so schlechte Leistung mehr gesehen. Im Rückspiel fragte ich mich zur Pause: Worauf warten die eigentlich? Und dann zack, zack, zack, drei Freistöße, drei Tore. Unfassbar.

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Sie haben das Spiel mit Ihrer Frau und anderen Vereinsangestellten in einem Vip-Raum im Max-Morlock-Stadion verfolgt und vergleichen die Szenerie sehr anschaulich mit einem Irrenhaus.

Fritsch: Die Beschreibung ist an dieser Stelle bewusst übertrieben, aber nur leicht. Es war schon eine enorme Hysterie im Raum. Die Leute sind rausgerannt, kauerten auf dem Boden, haben geschrien. Katharina hat geweint, wie ich es bei ihr lange nicht gesehen habe. Dann die Erlösung mit dem letzten Angriff: Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu begreifen. Noch Tage später waren wir völlig fertig. Das hatte ich so noch nicht erlebt.

Am Ende haben Sie sich sogar selbst dabei ertappt, wie Sie vor dem Bildschirm Boxbewegungen in Richtung des Ingolstädters Stefan Kutschke gemacht haben. War das vielleicht auch eine Art Wiedergeburt des distanzierten Journalisten als emotionaler Fußballfan?

Fritsch: Ja, das ist gut formuliert. Natürlich will ich, dass der Club nicht absteigt und am besten in der Bundesliga spielt. Ich kann aber auch damit leben, wenn er Zehnter wird in der zweiten Liga. Davon hängt mein Glück nicht ab. In dem Moment war es ein Wiederaufflackern dieser Leidenschaft, und ich bin erleichtert, dass es das noch gibt. Ich bin ja auch oft bei der Nationalmannschaft dabei, deren Fan ich früher war - damals, als es noch nicht "Schland" hieß. Mir ist auch heute noch wichtig, dass Deutschland gut spielt. Aber ich sehe das längst nicht mehr so emotional.

Oliver Fritsch ist Gründer der Fußball-Presseschau indirekter-freistoss.de sowie von hartplatzhelden.de, einem Video- und Kolumnenportal für den Amateurfußball. Seit 2008 schreibt der 48-jährige Wetzlarer für das Sportressort von Die Zeit und Zeit Online. Er ist verheiratet mit Katharina Fritsch (geb. Wildermuth), die beim 1. FC Nürnberg die Abteilungen CSR und Unternehmenskommunikation leitet.

26.11.2020 © Foto: Nele Heitmeyer


Gibt es einen speziellen Moment an diesem Abend, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Fritsch: Mein Highlight war ein Typ, den ich selbst gar nicht kannte. Um ihn herum sind die Leute auf- und abgesprungen, haben geschrien. Und er saß auf einem Bierkasten, starrte mit großen Augen auf die Leinwand und hatte erst einen Finger im Mund, irgendwann die ganze Faust. Zumindest bis zu den Knöcheln. Als sei ihm ein Gespenst begegnet. Diese Pose war so comichaft, dass ich sie immer noch vor Augen habe.

Im Vorwort schreiben Sie, dass dieser Erfolg keine Freude und Leichtigkeit ausgelöst hat. "Es fühlte sich an wie ein Purgatorium, ein Fegefeuer, das noch lange nachbrennen sollte." War das Schreiben darüber auch eine Art Therapie, um das Geschehen verarbeiten zu können?

Fritsch: Unbedingt. Schon die Gespräche mit meinem Co-Autor Roland Wittner hatten etwas Therapeutisches. Dann war da auch ein gewisser Trotz: Mir fiel auf, dass man dieses Spiel in Berlin oder Hamburg gar nicht so richtig mitbekommen hatte. Und ich dachte mir: Hier findet das Spiel des Jahres statt, wir sterben 1000 Tode, und ihr ignoriert das einfach. Schon in der Nacht danach wusste ich: Über dieses Spiel werde ich ein Buch schreiben.

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Mussten Sie Manfred Rothenberger, in dessen Verlag Starfruit Publications das Buch erscheint, lange überreden?

Fritsch: Überhaupt nicht. Er ist ja ein glühender Club-Fan und hat bereits das Buch meiner Frau über den Pokalsieg 2007 herausgebracht, da passte das gut in die Reihe. Ich habe ihm gesagt: Diese Relegation ist sogar noch viel mehr der Club als der Pokalsieg. Ich habe von Fans gehört, dass sie noch wochenlang ausgelaugt waren. Für viele war es tatsächlich eine Art Nahtoderfahrung.

Für einen älteren Fan aus Unterfranken ist es dabei nicht geblieben, er verstarb tags darauf an Herzversagen - vermutlich eine Folge des Spiels...

Fritsch: Ja, da könnte man den Buchtitel auch für etwas makaber halten. Aber das ist eben die Kraft dieses Volkssports, an dem so viel hängt, dass es auch Spuren hinterlässt. Es ist doch mehr als nur ein Spiel.

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26.11.2020 © Foto: Daniel Marr/Starfruit Publications


Die Basis des Buchs bildet ein fast schon philosophischer Dialog mit einem alten Studienfreund und Fußballerkumpel, dem heute in Frankfurt lebenden Nürnberger Roland Wittner. Es geht dabei auch generell um das Leben und Leiden mit dem Club, um die fränkische Mentalität. Wie viel Franke steckt denn schon im Hessen Oliver Fritsch?

Fritsch: Ich bin hier, glaube ich, noch Tourist. Was die Schnittmenge zwischen Franken und Hessen betrifft, gibt es schon Parallelen. Wir machen auch nicht viel Aufheben um uns. Immer vom Schlimmsten auszugehen, das ist in Hessen allerdings nicht so ausgeprägt. Und der Franke ist wohl noch ein bisschen eigenbrötlerischer, wobei ich das gar nicht abwertend meine. Vielleicht ist das Buch ja eine weitere Annäherung an Franken. Ich fühle mich gut beheimatet, bin aber noch nicht komplett verstoffwechselt.

Sie sind kein Freund des "modernen", kommerzorientierten Fußballs. Taugt so ein Spiel nicht auch als Beweis, dass diese ursprüngliche, archaische Kraft des Fußballs nicht kaputt zu kriegen ist?

Fritsch: Auf jeden Fall. Sie ist unabhängig von PR-Konstrukten und hängt noch nicht einmal von der Anwesenheit von Fans ab oder der Qualität des Spiels, das ja unter aller Kanone war. Der Club ist natürlich noch ein großer Verein, aber überregional eher uninteressant, wenn er in der zweiten Liga kickt. Und Ingolstadt juckt überhaupt niemanden. Trotzdem riss es einen mit. Alles drumherum ist nur Beiwerk. Das Spiel an sich ist es, das alle in seinen Bann ziehen kann.

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90 Minuten an der Seitenlinie sind für einen Trainer alles andere als entspannt. Für Interims-Clubtrainer Michael Wiesinger waren die zirka 97 Minuten im zweiten Relegationsspiel seines 1. FC Nürnberg gegen den FC Ingolstadt eine emotionale Achterbahnfahrt, die wirklich in aller letzter Sekunde den nicht mehr für möglich gehaltenen Treffer von Fabian Schleusener und den damit verbundenen Last-Minute-Klassenerhalt beinhalten.


Sie haben Gespräche geführt mit direkt und indirekt Beteiligten - etwa Christian Mathenia und Fabian Schleusener, Trainer Michael Wiesinger, den Jungs von "Beglubbt TV", Georg Margreitters Frau Rosalie, Ihrer Frau. Wen hat dieses Drama denn am meisten mitgenommen?

Fritsch: Mathenia hat schon einen tiefen Einblick in seine Seele gegeben. Wenn man da etwas nachgebohrt hätte, wären wohl noch krassere Aussagen gekommen. Eines meiner Lieblingskapitel ist auf jeden Fall das mit dem Karikaturisten Achim Greser, der das Geschehen so pointiert, ulkig und sehr fränkisch reflektiert.

Folge 64: Wiesinger und die 96. Minute

Wie schwer war es denn, Ingolstadts tragischen Helden Marcel Gaus zu einem Gespräch zu überreden?

Fritsch: Eigentlich gar nicht schwer. Er sagt ja selbst über sich, dass er auf dem Platz manchmal nicht unbedingt sympathisch wirkt. Aber dass er da mitgemacht und offen geredet hat, finde ich imponierend. Das Buch ist ja in erster Linie für Club-Fans gedacht. Ich hoffe, dass er dadurch ein paar Likes bekommt. Wenn es Corona erlaubt, werde ich mich mit ihm auch nochmal persönlich treffen.

Stefan Kutschke hatte keine Lust?

Fritsch: Er wäre auch eine Option gewesen, oder Trainer Tomas Oral. Gaus fand ich aber sportlich am interessantesten, weil er die drei Tore vorbereitet und dann beim 1:3 am Ball vorbeirutscht. Ich habe übrigens auch noch mit Schiedsrichter Christian Dingert gesprochen, etwa über die umstrittene Nachspielzeit, die ich völlig legitim fand. Er wollte sich leider nicht öffentlich äußern.


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Viele hatten sich von diesem Spiel einen positiven Effekt für die neue Saison erhofft, weil so ein emotionales Erlebnis eine Mannschaft ja auch zusammenschweißen kann. Typisch Club, dass man es offenbar wieder nicht schafft, daraus etwas Gutes entstehen zu lassen?

Fritsch: Ich weiß nicht, ob es typisch Club ist. Bei vielen Gesprächspartnern war herauszuhören, dass sie das Gefühl hatten: Wir standen am Abgrund, aber es ist nochmal gut gegangen. Jetzt haben wir das hinter uns, es kann nur noch aufwärts gehen. Ich selbst hätte auch gedacht, dass es ein paar Siege mehr gibt (das Gespräch wurde vor dem 4:1 in Osnabrück geführt, Anm. d. Red.). Vielleicht haben doch diejenigen recht, die sagen: Es war wohl doch kein Zufall, dass der Club letzte Saison Sechzehnter wurde. Viel mehr ist nicht drin mit dieser Mannschaft, auch nicht in der Konstellation mit dem neuen Trainer.

Sie waren im Frühjahr als einer der ersten Menschen in Deutschland an Covid-
19 erkrankt. Wenn Sie irgendwann auf dieses Jahr 2020 zurückblicken, was wird Ihnen vor allem in Erinnerung bleiben?

Fritsch: Über meine Corona-Erkrankung habe ich einen Text geschrieben, über dieses Spiel ein ganzes Buch. Wenn ich mich also festlegen muss, dann nehme ich die Relegation. Gegen so etwas werde ich nie immun sein, da gibt es keine Impfung.


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