Training fördert die Lust

Urologe erklärt: Wie man mit Sport Zeit gewinnt gegen die Impotenz

Martin Schano
Martin Schano

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20.7.2021, 06:03 Uhr
Wer regelmäßig, aber nicht übertrieben Sport treibt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, im Alter noch Sex haben zu können. Dieses Paar wirft sich bei einer gemeinsamen Joggingrunde am Strand verliebte Blicke zu.

Wer regelmäßig, aber nicht übertrieben Sport treibt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, im Alter noch Sex haben zu können. Dieses Paar wirft sich bei einer gemeinsamen Joggingrunde am Strand verliebte Blicke zu. © imago images/Jacques Alexandre

Herr Pahernik, als Urologe wissen Sie es bestimmt ganz genau: Welche Sportler haben am meisten Sex?

Sascha Pahernik: Eine Antwort ist schwierig, weil das einfach von zu vielen Faktoren abhängt: Psychologie, Alter, Persönlichkeit, Gesundheitszustand, soziale Aspekte – und natürlich auch vom Partner.


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Also ist im Umkehrschluss keine Sportart besonders förderlich für das Sexualleben.

Pahernik: So würde ich das sagen.

Gibt es Sportarten, deren Ausübung sogar schlecht für die Libido sein kann? Wie ist das mit Bodybuildern und Triathleten?

Pahernik: Was man sagen kann, ist: Wenn man es mit dem Training übertreibt, einen Sport in extremster Form macht, dann hat das einen negativen Einfluss auf die Libido und auf das Sexualverhalten, weil die Hormonachse beeinträchtigt ist. Bei Männern hängt die Libido ganz wesentlich vom männlichen Hormon Testosteron ab. Im Umkehrschluss heißt das, wenn Männer kein Testosteron produzieren können, kommt es auch zu einem Libido- und Potenzverlust.

Prof. Dr. med. Sascha Pahernik ist Ärztlicher Leiter der Urologie im Klinikum Nürnberg. Zusätzlich leitet er den Lehrstuhl für Urologie an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Nürnberg – hier ist er auch als Dekan für Forschung zuständig. Der 1968 in München geborene Urologie-Facharzt forscht schwerpunktmäßig zur Diagnostik und Behandlung von Nieren- und Prostatakrebs sowie zu innovativen Laser- und Roboterverfahren.

Prof. Dr. med. Sascha Pahernik ist Ärztlicher Leiter der Urologie im Klinikum Nürnberg. Zusätzlich leitet er den Lehrstuhl für Urologie an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität Nürnberg – hier ist er auch als Dekan für Forschung zuständig. Der 1968 in München geborene Urologie-Facharzt forscht schwerpunktmäßig zur Diagnostik und Behandlung von Nieren- und Prostatakrebs sowie zu innovativen Laser- und Roboterverfahren. © Foto: Jasmin Szabo

Wer ist davon betroffen?

Pahernik: Dies ist beispielsweise bei Patienten mit Prostatakrebs der Fall, bei denen wir das Hormon bewusst ausschalten. Eine regelmäßige sportliche Aktivität in moderater Form ist günstig für die Testosteron-Produktion. Aber Vorsicht: Wenn man es übertreibt und exzessiv trainiert, kann das negativen Einfluss aufs Testosteron haben, weil die Hormonachse überbeansprucht ist.

Kann ich auch zu viel Testosteron produzieren?

Pahernik: Normalerweise kann man das nicht. Die Botschaft ist: Moderate sportliche Aktivität ist gut für die Libido und die Potenz.

Wie definiert die Medizin ein moderates Maß? Das kann für den einen tägliches Joggen sein, für den anderen zweimal die Woche Gymnastik.

Pahernik: Man sagt: drei- bis fünfmal die Woche nicht mehr als eine Stunde Training.

Triathlon ist "eher zu viel"

Jegliches Training von Fußball bis Yoga?

Pahernik: Ja, vor allem kürzere Einheiten, nicht so langer Ausdauersport. Ein Triathlet ist beispielsweise acht bis zehn Stunden unter Vollbelastung unterwegs. Das ist eher zu viel.

Wie ist das mit Kraftsport und Muskelaufbau? Ist das kritisch zu sehen in diesem Zusammenhang?

Pahernik: Auch hier gilt: Kurze Einheiten sind positiv zu sehen.

In uns angelegt ist aber auch die Ansicht, dass ein Mann mit dicken Muskeln und breiten Schultern gleichzeitig potent sein muss. Trügt uns unser Eindruck?

Pahernik: Als Urologe komme ich von der anderen Richtung. In der täglichen Praxis beschäftigen wir uns eher mit Situationen, in denen die Libido und die erektile Funktion beeinträchtigt sind. Man kann nicht sagen: Wer Krafttraining macht, ist automatisch sexuell aktiver. Das hängt von zu vielen anderen Faktoren ab wie Selbstwahrnehmung, Psychologie, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Allgemeinzustand, Erkrankungen, Alter und sozialen Faktoren.

Alles Kopfsache also?

Pahernik: Ja, auch.

Die Gleichung lautet also: Sport kann den Kopf beeinflussen und der Kopf ist wichtig fürs Sexualleben...

Pahernik: Ganz genau.

Wie funktioniert eine Erektion?

Kann ein drückender Rennradsattel schädlich sein?

Pahernik: Wie funktioniert die Erektion? Es ist ein Thema der Durchblutung. Wir haben zwei Schwellkörper, die sich mit Blut füllen. Dadurch wird der Penis erigiert. Angesteuert wird das Ganze von den Nerven, zentral, vom Kopf, wie Sie sagen. Beim Fahrradfahren beispielsweise gibt es die Hypothese, dass man genau auf der Dammregion sitzt, wo die Prostata mit den wichtigen Strukturen für die Erektion sitzt, also die Durchblutung und die Nerven. Wenn man die Durchblutung und die Nerven stundenlang abdrückt, können die Durchblutung beeinträchtigt und die Nerven irritiert werden. Dies wäre eine Erklärung für Erektionsstörungen. Irritationen der Nerven können sich auch als Taubheitsgefühl im Dammbereich ausdrücken, als erstes klinisches Zeichen. Dann sollte man das Training reduzieren. Auf der anderen Seite hält Rennradfahren körperlich fit. Das wiederum ist für die Erektion förderlich. Es ist eine Frage der Dosis.

Kann man sich vielleicht sogar "aufwärmen" für ein gelungenes Sexualerlebnis?

Pahernik: Es ist in der Tat so. Ich würde es aber nicht aufwärmen nennen. Beckenbodentraining steigert die Durchblutung und damit – so die Hypothese – auch die erektile Funktion. Aber die Vorstellung "ich mache jetzt Beckenbodentraining und dann geht’s los" ist Unsinn. Wer regelmäßig das Beckenboden trainiert, bewirkt einen förderlichen Effekt auf die Libido.

Gilt das auch für Frauen?

Pahernik: Beckenbodengymnastik bei Frauen hat eine andere Zielrichtung. Etwa bei Frauen, die in Stresssituationen oder Überlastungen Urin verlieren. Durch das Beckenbodentraining wird der Halteapparat des Beckens gestärkt und der ungewollte Urinverlust bei Belastung behandelt. Das ist ein ganz anderes Thema. Doch generell gilt auch für Frauen: Körperliche Aktivität und speziell Beckenbodentraining sollte auch für das sexuelle Empfinden positiv sein.

Im Alter nimmt die Lust auf Sex ab, irgendwann wird man impotent, das ist der natürliche Verlauf. Kann man das mit Sport hinauszögern?

Pahernik: Das ist ein zentrales Thema: Wir werden immer älter – wie erhalte ich meine funktionelle Integrität? Wie erhalte ich meine Lebensqualität auch im hohen Alter? Da spielt vieles eine Rolle, unter anderem auch die erektile Funktion, die von verschiedenen Faktoren abhängt. Ein Faktor ist die Hormonproduktion. Man weiß, dass sie im Alter sukzessive abfällt. Aber auch Erkrankungen und Medikamente haben Auswirkungen auf die Libido. Sport ist in diesem Zusammenhang wichtig, um die Lebensqualität möglichst lange aufrecht zu erhalten. Man kann damit gewissen Entwicklungen entgegensteuern. Körperlich aktiv zu sein, ist gut für die Gefäße, fürs Herz und für den Kreislauf. Es ist auch gut für den ganzen Allgemeinzustand und die Fitness. Zudem können Störungen im Stoffwechsel wie Diabetes und Übergewicht beeinflusst werden, die alle nicht förderlich sind für die sexuelle Leistung.

Die gute Botschaft: Zeitgewinn

Das ist eine gute Botschaft: Man kann Zeit gewinnen.

Pahernik: So kann man es auch formulieren. Im Prinzip ist es eine Selbstverständlichkeit.

Und trotzdem ist es so schwierig für viele.

Pahernik: Richtig. Für Mann und Frau gilt: Eine gesunde Lebensweise verbessert den körperlichen Zustand und die Wahrscheinlichkeit für Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden und Stoffwechselerkrankungen sinkt.

Mussten Sie als Urologe sportlichen Patienten schon mal sagen: Mach bitte langsamer.

Pahernik: Nein. Die meisten meiner Patienten sind Männer, die im Alter Probleme mit der erektilen Funktion haben. Aktive Sportler gehen mit ihren Problemen nicht einfach so zum Urologen. Das hat verschiedene Gründe, weil es möglicherweise für viele ein delikates Thema ist. Sportmediziner sind eher die Adressaten für Sportler.

Würden Sie sich wünschen, dass Sie mehr Besuch von Sportlern bekommen? Das ist ja eine generelle Bitte Ihres Fachbereichs: Geht häufiger und früher zum Urologen!

Pahernik: Das ist sicher eine wichtige Botschaft. Es ist wirklich oft so, dass man mit minimalem Aufwand eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität erreichen kann, zum Beispiel mit einer Umstellung des Lebensstils. Sicher gibt es Themen, über die einige nicht so gerne sprechen. Doch man kann sich auch einfach nur Rat holen.

Auf dieses Interview meldete sich die Impotenz Selbsthilfe Interessengemeinschaft aus Berlin und bat um die Verlinkung der Internetpräsenz seines Vereins: https://impotenz-selbsthilfe.org/ bietet zurzeit die größte Datenbank an Kliniken, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Betroffene der Erektilen Dysfunktion.

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