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Verzicht und mehr! Verrückte Handballzeiten in Erlangen

Gehaltsfragen, Etatanpassungen, Ungewissheit: HCE kämpft hart mit der Corona-Krise - 14.07.2020 06:00 Uhr

„Wir müssen alle enger zusammenrücken“: HCE-Geschäftsführer René Selke (li.), mit Sponsor Alexander Fackelmann und Spieler Florian von Gruchalla.

© Oliver Gold/Zink


Erst ein paar Tage schwitzt die Bundesliga-Mannschaft des HC Erlangen wieder gemeinsam in der Halle. Ungewohnt ist es noch, hört man, nach dieser langen, coronabedingten Pause.

Während die Spieler zwangsweise kein Handball mehr spielen durften, die Saison abgebrochen wurde und einige, wie Nikolai Link etwa, sogar die Brettspiele gegen die Langeweile wieder aus dem Keller holten, herrscht seit Anbeginn der Krise für René Selke nach wie vor Hochbetrieb. Der Geschäftsführer des HC Erlangen ist damit beschäftigt, buchstäblich seinen Laden zusammenzuhalten. Denn kaum jemand ist so abhängig von der freien Wirtschaft, von Sponsoren und Geldgebern, wie eine Profi-Sportmannschaft. "Haben Unternehmen wirtschaftliche Probleme, merken wir das sehr schnell", sagt Selke. Verträge werden dann nicht verlängert, gekürzt oder, im schlimmsten Fall, nicht mehr erfüllt.

Hilfe von allen Seiten

Letzteres hat es beim HC Erlangen nun glücklicherweise noch nicht gegeben, doch aber "spüren wir, dass Corona natürlich auch unsere Sponsoren teils hart trifft. Umso dankbarer sind wir, dass so viele die Anstrengungen in dieser schwierigen Zeit weiter auf sich nehmen, um unser erfolgreiches Fortbestehen zu ermöglichen", so René Selke.

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Dieses Engagement aber kann nicht nur von einer Seite kommen, findet der Geschäftsführer. Daher hat er sich schon frühzeitig mit seiner Mannschaft zusammengesetzt und die Situation diskutiert. Alles, was Selke vor Corona errechnet und geplant hatte, ist schließlich heute nicht mehr einhaltbar. "Der Etat", so Selke – er dürfte schätzungsweise bei rund fünf Millionen und damit im unteren Drittel im Vergleich mit allen übrigen Bundesligisten liegen – "verändert sich nun deutlich."

Wo sich auf der Sponsorenseite Einnahmen reduzieren – ein größerer Geldgeber aus dem Automotive-Bereich musste zum Beispiel seine Trikotwerbung kündigen – muss der HC Erlangen gleichzeitig Ausgaben zurückfahren, um weiter solide wirtschaften zu können. "Es war der Mannschaft schnell klar, dass sie auch ihren Beitrag leisten muss", sagt der Geschäftsführer.

Nach mehreren persönlichen Gesprächen, einer Mannschaftssitzung sowie einem gemeinschaftlichen Treffen war schnell eine Lösung erreicht: "Das Team hat großartig Charakter in dieser schwierigen Zeit bewiesen und sich bereit erklärt, auf einen nicht unwesentlichen Teil des Gehalts zu verzichten", so Selke.

Zwar – das war der Mannschaft wichtig – leistet hier jeder Spieler einen Teil, jedoch sind die Beträge, wie Selke sagt, "sozialverträglich" verteilt. Bedeutet: Der Verzicht von Spielern mit kleineren Verträgen ist geringer als der der Topverdiener. Nach Informationen dieses Medienhauses liegt der Gesamtverzicht wohl in etwa bei 25 Prozent der Gesamtsumme. Selke bestätigt diese Zahl weder, noch dementiert er sie: "Wichtig ist, dass alle unsere Spieler – auch die Neuzugänge – wissen, dass sie uns damit enorm helfen. Und es zeigt deutlich, dass wir eine charakterlich tolle Truppe haben."

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Diese möchte aber sportlich weiterhin genauso hoch hinaus wie vor Corona – und da vielleicht sogar von der außergewöhnlichen Situation profitieren, um die traditionell weiter vorn in der Tabelle positionierten Klubs anzugreifen. Diese Vereine kämpfen mitunter mindestens genauso mit den Auswirkungen der Krise: Zuletzt erst hat der TSV Hannover-Burgdorf seinen Startplatz im Europapokal freiwillig zurückgegeben – aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, um mögliche Gesundheitsgefahren zu reduzieren, wie es vom Vorjahresvierten heißt.

So weit muss der HC Erlangen nicht gehen. Auch die Zuschauersituation könnte am Ende – dank der großen Kapazität der Arena am Kurt-Leucht-Weg – glimpflich für den HCE ausgehen. "Es muss sich niemand Sorgen um uns machen", beruhigt Selke, "wenngleich wir natürlich über jeden Euro froh sind, den wir gerade bekommen können." Es sind verrückte Zeiten – trotz erster Normalität, die für die Spieler wieder zurückgekehrt ist.

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