Was macht ein Fanprojekt in Zeiten der Geisterspiele?

13.11.2020, 16:05 Uhr
Das Fanprojekt-Graffito: „Nie wieder Faschismus“ steht über dem Namen des Fürther Meisterspielers Julius Hirsch in der Nähe der nach ihm benannten Halle.

Das Fanprojekt-Graffito: „Nie wieder Faschismus“ steht über dem Namen des Fürther Meisterspielers Julius Hirsch in der Nähe der nach ihm benannten Halle. © Foto: Fanprojekt Fürth

Herr Curi, was macht ein Fanprojekt ohne Fans?

Die Fans hören ja nicht auf zu existieren, weil Corona ist. Aber ich verstehe schon, worauf Sie hinauswollen. Es ist schwierig, ohne Zweifel. Unser offener Treff war immerhin nur während des ersten Lockdowns zu. Derzeit läuft alles mit Einschränkungen weiter und wird von jugendlichen Fußballfans weiterhin genutzt.

Was hat das mit den jungen Fans gemacht, als die Geisterspiele eingeführt worden sind? Hat eine Entfremdung stattgefunden?

Ich weiß nicht, ob man das Entfremdung nennen kann. Es gibt natürlich eine große Diskussion um das Business Fußball. Und dass die Fußballklubs nach gefühlt einer Woche Lockdown geschrien haben, dass sie pleite gehen, war und ist natürlich ein Thema.

Gehen Sie als Fanprojekt auf dieses Thema ein?

Wir bieten den Raum dafür, darüber zu reden, und wir begrüßen die Diskussion darüber. Wir helfen, indem wir Links zum Thema teilen. Normalerweise würden wir jetzt Buchautoren oder Journalisten zu Podiumsdiskussionen einladen, doch das ist momentan schwierig. Die letzte Veranstaltung war Mitte September mit dem Journalisten und Buchautor Christoph Ruf zum Thema Polizeigewalt.

Sie sprechen es selbst an: Im November soll jeder Kontakte reduzieren, Sie bieten einen Treffpunkt an – ist das nicht kontraproduktiv?

Diesen Besuch im Ronhof wird der Bub wohl nicht so schnell vergessen, wenn auch im negativen Sinn: Gegen Osnabrück im September mussten die wenigen Fans auf den Rängen Abstand zueinander halten.

Diesen Besuch im Ronhof wird der Bub wohl nicht so schnell vergessen, wenn auch im negativen Sinn: Gegen Osnabrück im September mussten die wenigen Fans auf den Rängen Abstand zueinander halten. © Foto: Wolfgang Zink

Wir sind eine Einrichtung der Jugendhilfe, ein Ort, wo sich junge Menschen geschützt treffen und Beratung holen können. Jugendzentren an sich, wo man ohne Konsumzwang zusammen sein darf, sind gerade jetzt immens wichtig. Die Hygieneauflagen einzuhalten, ist bei uns absolut machbar, deswegen machen wir’s. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Jugendliche sich nicht treffen würden.

Wenn Ihre Zielgruppe so kritisch ist – schaut sie die Geisterspiele dann überhaupt im Fernsehen an?

Beim ersten Lockdown kam es zu einer totalen Ablehnung der Geisterspiele. Viele waren fassungslos, dass der Fußball durchdrücken wollte, weiterzuspielen. Also waren viele konsequent und ignorierten die TV-Übertragungen. Mit Beginn der neuen Saison hat sich das aber geändert, jetzt schauen sich einige die Spiele doch im Fernsehen an. Aber auch, als der Ronhof wieder offen war, sind nicht alle hingegangen, obwohl sie Dauerkarten hatten.

Wirklich konsequent wäre es, sich vom Profifußball abzuwenden . . .

Wir beobachten, dass sich Fürther Fans nicht abwenden, sondern lieber an Initiativen wie "Unser Fußball" beteiligen, die darüber nachdenken: Wie könnte man das Fußball-Business anders gestalten?

Welchen Auftrag hatten die drei Fanprojekt-Mitarbeiter, als sie für kurze Zeit wieder in den Ronhof durften?

Die Hygieneauflagen haben verhindert, dass du mit Leuten zusammenkommst, die Stimmung war auch nicht so wie vorher. Gelebte Fankultur hat da nur äußerst eingeschränkt stattgefunden. Wir sahen unseren Auftrag eher im Aufsuchen von Fantreffs und der Beziehungspflege. Das Spektrum der Orte geht da übers Stadion hinaus hin zu Kneipen und anderen Treffpunkten. Darüber hinaus haben wir die Spiele auch in unseren Räumen mit Hygienekonzept gezeigt.

Beim Blick auf Ihre Website fanprojektfuerth/wordpress.com fällt auf: Sie bieten mehr als nur Tür aufsperren und Apfelschorle hinstellen...

Martin Curi (45) ist in Freising geboren und seither viel herumgekommen. Aufgewachsen unter anderem im Landkreis Roth, arbeitete er 16 Jahre an der Universität von Rio de Janeiro als Dozent für Anthropologie. Der Sozialpädagoge promovierte dort auch in diesem Fach. Seit 2018 leitet er das Fanprojekt Fürth, da er sich neben seiner ersten Liebe Bayern München auch immer schon fürs Kleeblatt interessierte.

Martin Curi (45) ist in Freising geboren und seither viel herumgekommen. Aufgewachsen unter anderem im Landkreis Roth, arbeitete er 16 Jahre an der Universität von Rio de Janeiro als Dozent für Anthropologie. Der Sozialpädagoge promovierte dort auch in diesem Fach. Seit 2018 leitet er das Fanprojekt Fürth, da er sich neben seiner ersten Liebe Bayern München auch immer schon fürs Kleeblatt interessierte. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Wir machen noch ganz andere Dinge. Allein während der Pandemie haben wir gemeinsam mit den Fans die Alternative Tafel organisiert und dadurch weiterhin Kontakt zu den jungen Menschen gehabt. Dann gab es die Einkaufshilfe für die Risikogruppen im ersten Lockdown. Das war ein intensiver Kontakt, niemand konnte ahnen, dass das passiert. Aus unserer Warte muss man diese Zeit sogar positiv sehen. Bereits vor einem Jahr haben wir ein Graffiti-Projekt in Kooperation mit dem Jugendhaus Catch Up geplant, das am ersten Oktoberwochenende damit endete, dass junge Fans den Durchgang zur Julius-Hirsch-Halle bemalt haben. Das hatte einen politischen Hintergrund und wurde mit Mitteln der Bundesregierung gefördert, da wir uns mit der Vita von Julius Hirsch befasst haben: Der jüdische Meisterspieler der Spielvereinigung wurde in Auschwitz ermordet.

Antisemitismus war in diesem Sommer auch bei der Spielvereinigung ein Thema, als Mergim Mavraj eine Landkarte im Internet verbreitete, auf dem der Staat Israel nicht vorkommt. Wie geht das Fanprojekt mit politisch heiklen Diskussionen um?

Gemeinsam mit dem Jugendmedienzentrum Connect und dem Kinder- und Jugendhaus Catch Up haben wir fünf Aufklärungsvideos zu Verschwörungsmythen produziert. Diese Clips werden heftig geteilt in der Fanszene, obwohl es gar kein Fußballthema ist. Da haben wir viel Feedback bekommen, auch negatives. Auch in Verschwörungstheorien taucht immer wieder Antisemitismus auf. Nicht zuletzt mit unserer Bildungsfahrt im nächsten Juni möchten wir dem entgegenwirken.

Sie organisieren eine Fahrt nach Auschwitz – was hat das mit Fußball und Fürth zu tun?

Da stecken mehrere Ideen dahinter, wir machen das mit der Spielvereinigung zusammen. Es ist ein politisches Bildungsangebot für junge Menschen und wir wollen die Aufmerksamkeit auf unsere Geschichte lenken, denn die Verbindung zu Fürth ist da: Auch hier haben viele Juden gelebt, die in Auschwitz umkamen. Auf der Fahrt soll sich eine Gruppendynamik entwickeln, ein bunt zusammengewürfelter Haufen soll dort seine Gedanken austauschen.

Nachdem diese Zeitung den Kleeblatt-Podcast "Fürther Flachpass" ins Leben gerufen hat, kam kurz darauf das "Kleeblattecho" aus der Fanszene. Was ist das Konzept dahinter?

Dahinter stecken zwei Kleeblattfans und mein Kollege Matthias Kosubek. Die Idee dazu kam aus der Fanszene, es soll in erster Linie um Themen der hiesigen Szene gehen. Bisher wurden Gesprächspartner eingeladen, die die Geschichte der Fußballfans in dieser Stadt erklären. Es waren auch Rachid Azzouzi und Archivar Jürgen Schmidt da, doch es wird praktisch nicht über das Spiel an sich gesprochen.

Wie ist die Rückmeldung?

Die Clicks zu ultraspezifischen Themen sind höher. Um die Leute den Sommer über bei der Stange zu halten, war es ein gutes Medium.

Vielen Ultras dürfte der Titel Ihrer Podiumsdiskussion mit Christoph Ruf gefallen haben. "All Cops Are . . ." war sie angekündigt. In der Szene gibt es den Schlachtruf "All Cops Are Bastards". Muss man provozieren, um relevant zu sein?

Das haben wir bewusst im Titel offen gelassen. Das Thema ist für junge Fußballfans die ganze Zeit präsent. Es geht vielmehr um die Beziehung zwischen Bürger und Staat. Was dürfen Bürger und Staatsvertreter und was nicht und wie geht man damit um? Wir haben nicht auf alle Fragen Antworten. Aber das Fanprojekt ist eine Institution, die da dazwischen steht. Wir gehören nirgendwo hundertprozentig hin. Im Fall von Christoph Ruf ist es so, dass er mehrere wichtige Bücher geschrieben hat und er hat daher seine Expertise. Normalerweise laden wir pro Jahr mehrere Buchautoren ein, in der Vergangenheit zum Beispiel zu Themen wie Fußball in Syrien, der politische Nutzen von Fußball und Feminismus in der Kurve. Das hat heuer gefehlt.

Am 23. November endet die Anmeldefrist zur Fahrt ins polnische Oswiecim (Auschwitz) vom 3. bis 7. Juni. Informationen und Anmeldungsformular unter
fanprojektfuerth/wordpress.com

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