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Sportvereine gehen voran

Behinderte und Nicht-Behinderte trainieren gemeinsam - 27.11.2015 18:29 Uhr

Das „Freizeitnetzwerk Sport“ der Lebenshilfe Nürnberg hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Behinderung und nicht behinderte Sportler im Sportverein zusammenzubringen. © Foto: Lebenshilfe Nürnberg


14 Jahre kickte er in einem Team von Menschen mit Behinderung. Er wollte mehr. „Ich will auch mal um einen Aufstieg oder gegen einen Abstieg kämpfen. Und ich möchte stärker und schneller werden“, sagt der Nürnberger. Seit kurzem hat er die Möglichkeit: Bereits einige Male hat er beim SC Viktoria Nürnberg 1925 mittrainiert. Unterstützung für diesen Schritt bekam Kraft von Kristina Höhn und Solveig Meier von der Lebenshilfe Nürnberg.

Die beiden leiten dort das Projekt „Freizeitnetzwerk Sport“ und wissen, wie schwer Menschen mit Behinderung der Weg in einen regulären Sportverein fällt. „Viele trauen sich nicht. Sie müssen dafür ihren geschützten Rahmen verlassen“, sagt Kristina Höhn. „Große Hemmschwellen gibt es auf beiden Seiten“, ergänzt Solveig Meier. Hier wollen die beiden Sozialpädagoginnen mit ihrem Projekt, das zunächst auf drei Jahre angelegt ist und von der „Aktion Mensch“ gefördert wird, ansetzen.

Beratung für Vereine und interessierte Hobbysportler

Höhn und Meier beraten Sportvereine, wie sie ihre Angebote für Menschen mit Behinderungen öffnen können. Und sie weisen Hobbysportlern mit Einschränkungen Wege, auf denen ihnen der Sprung in den Breitensport gelingen kann. Der Bedarf an diesem Service ist groß, ist Höhn überzeugt: „Es gibt viele tolle Angebote in Behindertensportvereinen, aber wenig in gewöhnlichen Vereinen. Sie hatten bis jetzt wenig Berührungspunkte und wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Aber die Zustimmung ist bei allen, mit denen wir bis jetzt zu tun hatten, wahnsinnig groß.“

Die Projektleiterinnen wollen den Sportvereinen die Bedenken nehmen. „Wir können sie bei den Umbaumaßnahmen beraten“, sagt Meier. Sich für Menschen mit Behinderung zu öffnen, bedeutet für Vereine aber mehr, als nur Barrierefreiheit zu ermöglichen, erläutert Höhn: „Sie müssen umdenken. Sie müssen ihre Sportangebote umgestalten. Trainer und Übungsleiter müssen sich fortbilden.“ Im Rahmen des Projektes ist auch das möglich, betont Meier: „Wir können langfristige Fortbildungen anbieten.“

Die Sozialpädagoginnen sind davon überzeugt, dass sich die Anstrengung für Vereine lohnen würde. Neben zusätzlichen Mitgliedern könnte die Öffnung gegenüber Menschen mit Behinderung eine neue Qualität für das Miteinander in Vereinen bedeuten. „Zum Vereinsleben gehört neben Sportleistung noch so vieles mehr. Es gibt dort so viele Menschen, die bereit sind, Aufgaben und die Verantwortung zu übernehmen – Trikots zu waschen, Kuchen zu backen“, betont Meier. Warum also nicht auch, einen Vereinskollegen mit Behinderung zu unterstützen?

Bei Oliver Kraft hat es gut geklappt. „Ich wurde total freundlich empfangen und hatte ein gutes Gefühl“, sagt der 26-Jährige. Die Anweisungen des Trainers konnte er nicht so schnell erfassen, hier haben ihm die Mitspieler gut geholfen. Das Projekt hat außerdem die Möglichkeit, einem Sportler mit Einschränkungen bei Bedarf einen Assistenten zur Seite zu stellen.

Erst im Juli startete das „Freizeitnetzwerk Sport“ der Lebenshilfe und hat offensichtlich eine Lücke geschlossen. „Wir sind die Ersten, die so ein großes Projekt in Nürnberg aufziehen“, so Höhn. Sie suchen den Kontakt zu allen Akteuren im Sport- und Behindertenbereich in der Stadt.

Kristina Höhn und Solveig Meier freuen sich, dass ihnen bereits mehr gelungen ist, als einzelnen Menschen den Anschluss an Vereine zu ermöglichen. Der Post SV Nürnberg etwa will im kommenden Jahr drei seiner Kursangebote inklusiv gestalten – Fitness, Nordic Walking und Entspannungstraining.

Selbstvertrauen und Kraft nehmen zu

Ebenfalls zum Jahresbeginn startet ein Selbstverteidigungskurs in den Räumen der Lebenshilfe, der Menschen mit und ohne Behinderung offensteht. Angelaufen ist bereits eine Klettergruppe, die sich wöchentlich im Sport Centrum Nürnberg trifft. „Sie unterstützen sich gegenseitig und spornen sich an. Und am Samstag gehen sie gemeinsam in die Sauna“, freut sich Meier.

„Es ist schön zu sehen, wie ihre Kraft und ihr Selbstvertrauen wachsen und wie viel Freude sie an Bewegung haben“, sagt Susann Ritter vom Sport Center Nürnberg. „So ein Angebot ist für beide Seiten wichtig. Es soll keine Randgruppen geben.“

Nicht auf alles haben Meier und Höhn bislang eine Antwort. So merken die beiden Sozialpädagoginnen, dass für viele Menschen mit Behinderung der finanzielle Aufwand beim Weg in den Breitensport zu einer Hürde wird. „Viele arbeiten in einer Behindertenwerkstatt und verdienen nicht viel. Die Beiträge in regulären Sportvereinen sind aber höher als im Behindertensport“, erläutert Meier. „Wie wir das lösen werden, wird die Erfahrung zeigen“, sagt Höhn. Für die Sozialpädagogin ist klar: „Durch Aktivitäten werden neue Probleme und Fragen auftauchen. Wir werden sie angehen.“

Weitere Infos zum Projekt „Freizeitnetzwerk Sport“ der Lebenshilfe Nürnberg erhält man unter * 09 11/ 58 79 37 80 oder auch per E-Mail
an meiers@Lhnbg.de bzw. hoehnk@Lhnbg.de.
 

Ella Schindler

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