Hohe Kosten, wenige zusätzliche Fahrgäste

Studie offenbart: So teuer wird das 365-Euro-Ticket im VGN wirklich

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 31.08.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt: Martin Müller..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Müller

Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern

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22.10.2021, 15:01 Uhr
Ein 365-Euro-Ticket würde laut eines aktuelles Gutachtens nur wenige neue Fahrgäste im VGN bringen.

Ein 365-Euro-Ticket würde laut eines aktuelles Gutachtens nur wenige neue Fahrgäste im VGN bringen. © Daniel Karmann, dpa

Die Busse und Bahnen sind trotz Zusatzfahrten gerammelt voll, die Pendler steigen massenhaft vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel um, viele Privatfahrzeuge werden sogar gleich ganz abgeschafft, so wenig lohnt sich der teure Betrieb eines eigenen Wagens bei den sensationell günstigen Preisen des ÖPNV.

Höchstens 3,2 Prozent an zusätzlichen Fahrten

So oder so ähnlich stellen sich viele Befürworter eines 365-Euro-Tickets die Zukunft vor. Die Realität würde wohl anders aussehen. Denn nur 1,9 bis 3,2 Prozent an zusätzlichen Fahrten würden durch diese radikale Vergünstigung des Angebots hinzukommen. Darunter natürlich viele Mehrfahrten der bisherigen Fahrgäste.

Dies hat nun ein im Auftrag des Verkehrsverbundes Großraum Nürnberg (VGN) erstelltes Gutachten ergeben. Angefertigt hat es mit dem Hamburger Büro civity Management Consultants ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet. Das Büro begleitete bereits die Einführung des Wiener 365-Euro-Tickets, das gerne als leuchtendes Vorbild für ein solches Angebot dient.

"In Wien hat eine Jahreskarte vorher 440 Euro gekostet. Da ist man für ein 365-Euro-Ticket um 19 Prozent nach unten gegangen. Bei uns würde so ein Ticket dagegen eine Rabattierung von 50 bis 80 Prozent bedeuten, je nach gewähltem Tarifmodell", verdeutlicht VGN-Geschäftsführerin Anja Steidl die Herausforderung.

Bis zu 100 Millionen Euro Zusatzkosten

Die Gutachter haben sieben verschiedene Tarifmodelle untersucht und miteinander verglichen. Das Ergebnis: Nur wenige zusätzliche Fahrten würden generiert, dafür würden aber gewaltige Mehrkosten von 55 bis 100 Millionen Euro pro Jahr entstehen. Und nicht nur das: Die Gutachter warnen auch vor dem in Wien schon zu beobachtenden "Lock-in-Effekt".

"Von den 365 Euro kommt man nur sehr schwer wieder weg", verdeutlicht Steidl die Symbolik dieser Zahl. Dabei verlieren diese 365 Euro jedes Jahr durch die Inflation an Wert, bei ständig steigenden Kosten. Die öffentliche Hand müsste also Jahr für Jahr mehr Geld zuschießen.

Das einfachste untersuchte Tarifmodell wäre ein 365-Euro-Ticket für den VGN-Gesamtraum. Mit einem Plus von 3,2 Prozent würden dabei auch am meisten zusätzliche Fahrten entstehen. Gleichzeitig wären aber auch die Mindereinnahmen mit 99,8 Millionen Euro am größten.

Viel Unmut bei den VGN-Kunden

Außerdem würde bei diesem Angebot wohl viel Unmut bei den Kunden entstehen. Zwar fahren damit alle billiger als zuvor, doch viele würden es trotzdem als ungerecht empfinden, wenn sie den selben Preis zahlen müssten wie andere, die in ihrer Region ein sehr viel besseres Angebot sowie schnellere und häufigere Verbindungen haben.

Die Gutachter empfehlen das Modell deshalb nicht, halten es aber immer noch für besser als das ebenfalls untersuchte Ring-Modell und vier analysierte Territorialmodelle. Diese beinhalten zum Beispiel, dass man sich zwei angrenzende Landkreise oder kreisfreie Städte aussuchen könnte, in denen man für 365 Euro im Jahr unterwegs sein könnte. Jedes zusätzliche Gebiet würde weitere 365 Euro kosten, der Gesamtraum dann 1460 Euro. "Diese Modelle hätten zwar die höchste Flexibilität, wären aber sehr komplex und extrem schwer zu kommunizieren", betont Steidl.

Am billigsten wäre mit 55 Millionen Euro das zuletzt noch untersuchte Preisstufenmodell, das auf dem bisherigen Tarifsystem aufbaut. Die bisher 25 Preisstufen würden dafür auf nur noch vier zu 365, 730, 1095 und 1460 Euro reduziert werden - der Preis richtet sich nach der abgedeckten Entfernung.

Wie entscheiden Landkreise und Städte?

Zwar wäre mit 1,9 Prozent an zusätzlichen Fahrten auch der zu erwartende Zuwachs am geringsten, trotzdem empfehlen die Gutachter dieses Modell noch am ehesten. Allerdings nur im Vergleich zu den anderen Modell. Grundsätzlich würden sie derzeit nicht zu einer Umsetzung raten.

Anders kommen kann es natürlich trotzdem. Gebietskörperschaften, Verkehrsunternehmen und Freistaat sind nicht gezwungen, der Empfehlung zu folgen. Sie können sich bewusst dafür entscheiden, trotz der hohen Mehrkosten bei vergleichsweise geringem Nutzen ein 365-Euro-Ticket einzuführen. Etwa als deutlich sichtbares Signal für den Willen zur Verkehrswende. Die Stadt Nürnberg hat ohnehin schon beschlossen, ein solches Ticket bis 2023 auf ihrem Stadtgebiet einzuführen.

Wenn man aber schon so viel Geld in die Hand nehmen will, empfehlen die Gutachter, auch über Alternativen nachzudenken. Sie schlagen vor, das Geld stattdessen in den Ausbau des ÖPNV und ein flächendeckendes Sozialticket für Geringverdiener zu stecken.

Hohe Parkgebühren zur Finanzierung?

Außerdem sollte man intensiv über Drittfinanzierung nachdenken, etwa durch intensive Parkraumbewirtschaftung. Wien hat mit Einführung des 365-Euro-Tickets im Jahr 2012 auch die Parkgebühren und Bußgelder erhöht. Die Park-Einnahmen stiegen dadurch um 56 Prozent.

Außerdem muss jeder Arbeitgeber pro Woche und Arbeitnehmer zwei Euro an die Stadt zahlen, da beide ja grundsätzlich von einem guten ÖPNV profitieren. Die Stadt Wien hat dadurch zuletzt mehr als 67 Millionen Euro im Jahr eingenommen. Gute Argumente, über solche Maßnahmen nachzudenken, wie die Gutachter glauben.

Gleichzeitig hat Wien aber auch zunächst die Infrastruktur ausgebaut und das Angebot erweitert, bevor das Ticket eingeführt wurde. "Eine reine Tarifmaßnahme allein kann nie die Nachfragewirkung erzielen wie eine Ausweitung des Angebot und schnellere Verbindungen. Auch Dinge wie das Parkplatzangebot am Arbeitsplatz und an Bahnstationen oder die Staugefahr auf bestimmten Strecken spielen da eine Rolle", erklärt Steidl.