75 Jahre NN

Vom traditionellen Verlagshaus zum modernen Medienhaus

Nuernberg , 20.06.2016..Ressort: Politik Fotografie: Stefan Hippel..Chefredakteuere der Nürnberger Nachrichten , Michael Husarek , Portrait
Michael Husarek

Chefredakteur Nürnberger Nachrichten

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6.10.2020, 05:36 Uhr
Ein Lieferwagen wird in den 1950er Jahren mit frisch gedruckten Exemplaren der „Nürnberger Nachrichten“ beladen.

Ein Lieferwagen wird in den 1950er Jahren mit frisch gedruckten Exemplaren der „Nürnberger Nachrichten“ beladen. © Foto: NN

Eigentlich erstaunlich: In einer Zeit, in der es fast nichts gab, in der die Menschen in der weitgehend zerbombten Nürnberger Altstadt, auch Sebalder Steppe genannt, mehr vor sich hin vegetierten denn lebten, war der Hunger nach Nachrichten genauso groß wie der Appetit auf ein Stück Brot.

Die Nürnberger Nachrichten stillten diesen Informations-Wissendurst so weit es damals eben ging. Am Anfang, die erste Ausgabe der NN erschien am 11. Oktober 1945, kam die neue Zeitung zwei Mal pro Woche auf den Markt. Binnen kurzer Zeit mit einer Auflage von unglaublichen 100.000 Exemplaren. Abonnenten gab es nicht, alle Exemplare wurden einzeln verkauft.

Ein logistischer Kraftakt, der umso erstaunlicher war als das Blatt unter abenteuerlichen Bedingungen produziert werden musste. In Nürnberg gab es keine Druckerei, die auch nur annähernd funktionsfähig gewesen wäre. Also wurde in Zirndorf bei der Firma Bollman-Verlag gedruckt. Der Nachrichtenaustausch erfolgte über einen Bustransfer, die Redakteure waren zu Fuß in Nürnberg unterwegs. Weil es in der Nachkriegszeit auch an Papier mangelte, gab es die NN erst nur zwei Mal mit einem Umfang von vier bis acht Seiten, ab 1949 erschien die Zeitung mit vier Ausgabe und dann erst ab dem 16. November 1952 sechs Mal pro Woche.

Offizielle Zeremonie: Dieses Foto zeigt die feierliche Überreichung der Lizenzurkunde Nr. 3 an die „Nürnberger Nachrichten“ und ihren Gründungsherausgeber Joseph E. Drexel durch die US-Alliierten.

Offizielle Zeremonie: Dieses Foto zeigt die feierliche Überreichung der Lizenzurkunde Nr. 3 an die „Nürnberger Nachrichten“ und ihren Gründungsherausgeber Joseph E. Drexel durch die US-Alliierten. © Foto: NN-Archiv

Verantwortlich für die Ausrichtung und den Inhalt der NN war Joseph E. Drexel. Der vom unsäglichen NS-Gauleiter Julius Streicher verfolgte und von den Nazis ins KZ nach Mauthausen verschleppte Angehörige des Widerstandskreises um Ernst Niekisch war ein aufrechter Demokrat und Publizist. Er erhielt deshalb nach eingehender Prüfung von den US-Besatzern die Lizenz für die Herausgabe einer Tageszeitung. Drexel setzte sich gegen etliche Mitbewerber durch.

Ganz bewusst wurde der Name Nürnberger Nachrichten gewählt — dieser Titel stand für einen Neuanfang. Die NN waren in Bayern erst die dritte Lizenzzeitung, nur die SZ in München und ein Blatt in Garmisch-Partenkirchen erhielten noch früher die Genehmigung zum Erscheinen.

Drexel war sich der besonderen Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, von Anfang an bewusst. "Es bleibt unsere journalistische Pflicht, über die Handlungen der Mächtigen zu wachen, ihren Übermut zu kritisieren, die Löwen mit der Pfauenfeder zu kitzeln und dabei auch den Leser wohldosiert zu provozieren", gab er seiner Redaktion mit auf den Weg. Leitmotive, die auch 75 Jahre später noch ihre Berechtigung haben.

Drexel war es auch, der seine Journalisten stets ermahnte, eigene Emotionen niemals als treibende Kraft beim Verfassen von Texten zuzulasen. Dank solcher klarer Kriterien und dank eines überdurchschnittlich begabten Chefredakteurs (Roland Buschmann, der die Position von 1949 - 1962 besetzte ) konnten die NN auf sich aufmerksam machen.

Mehr als eine Ironie der Geschichte war der Umzug der Verlagsleitung in das ehemalige Gauhaus der Nazis. Just in dem Büro, in dem der beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilte NS-Verbrecher Streicher, der das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" herausgegeben hatte, saß, residierte ab 1949 der Verleger der NN.

Eine Entscheidung mit hohem Symbolcharakter: Das frühzeitige und vernehmbare Mahnen vor rechtsextremen Umtrieben jeglicher Art zählt noch heute zum unverrückbaren Markenkern der Nürnberger Nachrichten.

Inhaltlich war die neue Zeitung in den 50er Jahren auf dem Weg, sich in der nationalen Spitzengruppe der Medien einen Platz zu sichern. Während Drexel sein Augenmerk darauf konzentrierte und die kaufmännischen Belange einem weiteren Lizenträger (Heinrich G. Merkel) überließ, spielte beim Expansionskurs der Zeitung ein junger Mann, der 1947 als Assistent der Geschäftsleitung in den Verlag eingetreten war, eine überragende Rolle: Bruno Schnell. Seinem Weitblick und seinem Mut war es vor allem zuzuschreiben, dass es auch nach 1949 weiterhin bergauf ging.

Denn in diesem Jahr fiel die Lizenzpflicht für Tageszeitungen, fortan konnten also auch die alten Titel, die vor Kriegsende erschienen waren, auf dem weiter wachsenden Pressemarkt wieder ihr Glück versuchen. Für die NN bedeutete das vor allem Konkurrenz. 17 Neu- und Wiedergründungen mit starker lokaler Verankerung wollten im Verbreitungsgebiet der NN ihren Anteil vom Zeitungskuchen ergattern.

Am Ende wäre es wohl zu einem kräftezehrenden und verlustreichen Kampf um die mediale Vorherrschaft gekommen. Vor allem Bruno Schnell war es zu verdanken, dass es am 1. Juli 1959 zur Gründung der — bis heute bestehenden — Interessensgemeinschaft mit den Heimatzeitungen in der Region kam. Das so genannte Nürnberger Modell führte dazu, dass die NN den kooperierenden Heimatverlagen den Mantelteil liefern und die kleineren Verlage ihre lokale Eigenständigkeit behalten konnten — samt der publizistischen Verantwortung für den Lokalteil.

Durch diese Partnerschaft konnten die NN zu einer der großen deutschen Regionalzeitungen aufsteigen. Gleichzeitig wurde die publizistische Vielfalt in der Region aufrecht erhalten. Die ersten Kooperationspartner waren das Erlanger Tagblatt, die Pegnitz-Zeitung in Lauf, die Roth/Hilpoltsteiner Volkszeitung, das Schwabacher Tagblatt, der Treuchtlinger Kurier und die Windsheimer Zeitung. Weitere Partner sollten folgen.

Parallel dazu wurden auch eigene Ausgaben gegründet, zuerst in Fürth (bereits 1946), später auch in Forchheim, Herzogenaurach, Pegnitz und — als letzte Neugründung im Jahr 1969 — in Neumarkt.

Diskutieren, abwägen - und auch mal Ideen verwerfen: Im Newsroom unseres Hauses ist das gemeinsame Brainstormen ein wichtiger Teil der Arbeit.

Diskutieren, abwägen - und auch mal Ideen verwerfen: Im Newsroom unseres Hauses ist das gemeinsame Brainstormen ein wichtiger Teil der Arbeit. © Michael Matejka, NN

Zwischenzeitlich war der Verlag so angewachsen, dass in Nürnberg eine neue Bleibe gefunden werden musste: Rund um das Verlagshaus in der Marienstraße 11 entstand Zug um Zug das Presseviertel. Ein Meilenstein war dabei sicherlich das neue Druckhaus in der Blumenstaße 16, das 1955 eröffnet werden konnte. Auch die Redaktion bezog dort neue Räume und konnte somit aus den beengten Verhältnissen im ehemaligen NS-Gauhaus herauskommen. Bis heute wird die NN im Herzen der Stadt gedruckt, auch die neue, 2003 eingeweihte Offsetdruckerei fand hier ihren Platz. Auch Redaktion (Marienstraße 9), und alle Verlagsabteilungen finden sich im unmittelbaren Umfeld des Verlagshauses.

Ab 1962 lenkte hier Bruno Schnell als Gesellschafter und Geschäftsführer auch ganz offizielle den Verlag Nürnberger Presse mit — neben Joseph E. Drexel und Heinrich G. Merkel.

Anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Bruno Schnell würdigte der damalige Nürnberger Oberbürgermeister, Ulrich Maly, Bruno Schnell als einer "herausragende deutsche Verlegerpersönlichkeit" und als einen "Mann mit Haltung". Der am 27. Januar 2018 verstorbene Schnell lenkte über sieben Jahrzehnte die Geschicke dieses Hauses und legte stets großen Wert auf die Unabhängigkeit "seiner" NN.

Unabhängig sollte auch die Nürnberger Zeitung bleiben, nachdem Schnell sie in die Unternehmensgruppe integriert hatte. 1962 fiel diese wegweisende Entscheidung: Der Verlag erwarb damals 49 Prozent der Anteile der Nürnberger Zeitung, die als "publizistische Alternative" (Bruno Schnell) erhalten werden sollte.

Das gilt nach wie vor unverändert, in den 80er Jahren ging die liberal-konservative Zeitung komplett in den Besitz des NN-Verlags über. Die rund zehn Mal sp große (auf die Auflage bezogen) NN hat seither eine kleine Schwester. In den vergangenen Jahren ist die Kooperation stets intensiviert worden, seit dem 1. Oktober 2020 entstehen die beiden Printausgaben in einer Zentralredaktion.

Von dort aus werden auch die anderen regionalen Ausgabekanäle des Medienhauses bestückt. Längst sind zu den beiden Zeitungsmarken, die neben der gedruckten Ausgabe auch in digitaler Form als E-Paper-Ausgabe bezogen werden können, etliche Online-Produkte hinzugekommen.

Die meisten davon erschienen unter dem Dach des Online-Portals nordbayern.de. Das steht seit einem Vierteljahrhundert für qualitätsvollen Onlinejournalismus. Längst sind die Grenzen zwischen den früher strikt getrennten Print- und Online-Redakteuren verschwunden, es geht um möglichst wertvollen und im besten Fall exklusiven Inhalt.

Wo dieser dann zu lesen ist, diese Frage wird im Newsroom des Medienhauses beantwortet. Dort arbeiten Themenmanager und Editoren (also für die Bestückung der gedruckten und der digitalen Angebote verantwortliche Kollegen) von sechs Uhr morgens bis kurz vor Mitternacht. Ob Podcats oder Newsletter, ob Videos oder Bildergalerien, ihrer Grundlinie der Berichterstattung sind die Nürnberger Nachrichten über 75 Jahre hinweg verbunden geblieben.

Es geht um Haltung, um gegenseitigen Respekt in einer pluralistischen Gesellschaft und es geht darum, die Demokratie vor Angriffen zu schützen. Dieser publizistischen Verantwortung sind sich die beiden Verlegerinnen, Bärbel Schnell und Sabine Schnell-Pleyer sehr bewusst. Sie wollen die Geschichte der Nürnberger Nachrichten fortschreiben. Gemeinsam mit ihren Teams legen sie den Grundstein für den Wandel eines traditionellen Verlagshauses hin zu einem modernen Medienhaus.

Denn eines gilt im Jahr 2020 ebenso wie im Gründungsjahr dieser Zeitung: Seriöser Journalismus ist gefragt, er ist unser täglich Brot. Die NN wollen diesen Appetit weiterhin stillen.

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