Das sollten Sie lesen

Unsere Buchtipps im Juli

28.7.2021, 13:49 Uhr
Da soll er über den Maler Johannes Grützke schreiben - es eilt, denn der alte Kauz liegt schon im Berliner Hospiz -, aber als Ingo Schulze dort ankommt, ist das Zimmer schon voll: Wie die Jünger beim letzten Abendmahl umringen sie ihren Kunstjesus, nicht ohne absurde Komik und Krakeelen. In den drei Kurzgeschichten von Schulzes neuem Buch 
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Da soll er über den Maler Johannes Grützke schreiben - es eilt, denn der alte Kauz liegt schon im Berliner Hospiz -, aber als Ingo Schulze dort ankommt, ist das Zimmer schon voll: Wie die Jünger beim letzten Abendmahl umringen sie ihren Kunstjesus, nicht ohne absurde Komik und Krakeelen. In den drei Kurzgeschichten von Schulzes neuem Buch "Tasso im Irrenhaus" (dtv, 20 Euro) geht es immer um durchkreuzte Absichten, fremde Störenfriede und ungeahnte Hintergründe, die der Autor in der Begegnung mit Künstlern und ihren Werken erlebt. Ist ja auch ärgerlich, wenn einem ein anderer Museumsbesucher die eigenen Gedanken vorwegnimmt und ungefragt losquatscht...  aber dem Leser gefällt's! Wolf Ebersberger © dtv/Montage: Sabine Schmid

Es gibt ein Liebesleben nach dem Liebesleben in Patricio Prons Roman
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Es gibt ein Liebesleben nach dem Liebesleben in Patricio Prons Roman "Morgen haben wir andere Namen" (Rowohlt, 22 Euro). Eine Architektin und ein Schriftsteller, ein vorzeigbares Paar. Aber auch zwei, die sich aus den Augen verlieren. Der virtuelle Alltag bestimmte zusehends ihr Leben. Wer sich nicht mehr wahrnimmt, schlittert in die Krise. "Er" und "Sie" trennen sich und beginnen neue Leben. Wer ein neues Leben beginnt, wirft alles Beiläufige über Bord. Beide beginnen Affären und probieren Alternativen aus. Mit einem ernüchternden wie romantischen Ergebnis. Pron ist ein Roman über die Häutung durch Liebe geglückt – in Zeiten virtueller Sterblichkeit. Christian Mückl © Rowohlt Verlag/Montage: Sabine Schmid

Der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben ist eine Herausforderung. Umso schlimmer, wenn es an Menschen fehlt, die Halt bieten. Gwens Eltern umgeben sich mit Reichtum und oberflächlichen Angebern, die sie für Freunde halten. Charles Eltern sind auf der Suche nach sich selbst. In einer Hippie-WG im Hinterland von Hildesheim wollen sie zu sich finden und verpflanzen ihre Kinder aus Berlin in die Provinz. Charles muss alles hinter sich lassen, was ihr wichtig ist. 
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Der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben ist eine Herausforderung. Umso schlimmer, wenn es an Menschen fehlt, die Halt bieten. Gwens Eltern umgeben sich mit Reichtum und oberflächlichen Angebern, die sie für Freunde halten. Charles Eltern sind auf der Suche nach sich selbst. In einer Hippie-WG im Hinterland von Hildesheim wollen sie zu sich finden und verpflanzen ihre Kinder aus Berlin in die Provinz. Charles muss alles hinter sich lassen, was ihr wichtig ist. "Unsere anarchistischen Herzen" (S. Fischer, 23 Euro) heißt das Romandebüt von Lisa Krusche, 1990 in Hildesheim geboren. Was das Buch so faszinierend macht, sind die beiden Mädchen: Sie sind eigenwillig und mutig, mal selbstbewusst und dann wieder voller Selbstzweifel. Die Erwachsenen könnten eine Menge von ihnen lernen. Gabi Eisenack © S. Fischer/Montage: Sabine Schmid


Ein Buch aus und über Israel, aber beileibe kein optimistisches:
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Ein Buch aus und über Israel, aber beileibe kein optimistisches: "Siegerin" von Yishai Sarid blickt auf die Verfasstheit dieses Staates, der für seine Selbstverteidigung einen hohen Preis zahlt. Und zwar mit dem Pflichtwehrdienst – manche Israelis kehren fürs Leben traumatisiert aus der Armee heim. Der Roman erzählt davon aus der Innensicht einer Militärpsychologin und Militaristin, eine einnehmende, aber problematische Figur. Für Sarid ist nicht der Nahost-Konflikt die zentrale Frage, sondern die Abgründe seiner Heldin. Hart und klar im Stil und streitbar in der Aussage. (Kein & Aber, 22 Euro) Isabel Lauer
© Kein & Aber Verlag/Montage: Sabine Schmid

Neuigkeiten von Zadie Smith: Die in London geborene und in New York lebende Autorin hat mit
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Neuigkeiten von Zadie Smith: Die in London geborene und in New York lebende Autorin hat mit "Grand Union" ihren ersten Band mit Erzählungen veröffentlicht. Es ist ein wahrhaft bunter Strauß von Geschichten, keine gleicht der anderen, weder formal noch inhaltlich. Ein Gespräch zwischen Mutter und pubertierender Tochter sprüht vor Zynismus, die Beziehung eines jungen Paares endet überraschend nüchtern, das Ende einer langen Ehe stimmt dagegen melancholisch und nachdenklich. Manches ist spröde, anderes irritiert. Und fantastisch wird es, wenn Michael Jackson gemeinsam mit Liz Taylor und Marlon Brando am Tag von 9/11 aus NYC flieht.  Wirkt ein bisschen, als würde Zadie Smith ihre literarische Möglichkeiten ausprobieren. Doch immer erweist sie sich dabei als genaue Beobachterin unserer Zwischenmenschlichkeiten und Ambivalenzen, entsprechend oft sind Dialoge das Mittel der Wahl. Ihre angestammten und zeitgemäßen Themen - Rassismus, Mann und Frau, Schwarz und Weiß - tauchen ohnehin auf, diesmal auch das Alter. Wunderbar übersetzt hat wieder einmal Tanja Handels. (Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro). Birgit Nüchterlein © KiWi/Montage: Sabine Schmid

Nachrichten aus einem zerstörten Leben: Endlich liegen in
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Nachrichten aus einem zerstörten Leben: Endlich liegen in "Fern von hier" die Erzählungen der vergessenen schweizerischen Schriftstellerin Adelheid Duvanel (1936–1996) gesammelt vor. Oft nur knapp zwei Seiten lang, sind diese Geschichten kleine Kunstwerke zwischen Wirklichkeit und Wahn, schwerster Bürde und lächerlicher Banalität. Glücksgefühle wechseln mit Abstürzen in einem Alltag, der geliebt und erlitten wird von Figuren, die zu schweben scheinen. Duvanels Vorbilder mochten Robert Walser und Franz Kafka gewesen sein, doch findet sie einen ganz eigenen, unverwechselbaren Ton, der ihre 251 Komödien der Einsamkeit zu einem "der großartigsten erzählerischen Werke des 20. Jahrhunderts" machen, wie Michael Krüger sehr richtig bemerkt hat. Bernd Noack © Limmat Verlag/Montage: Sabine Schmid

Vielleicht verwendete Gertrude Stein das Wort Genie ein paarmal zu oft, natürlich stets in Bezug auf sich. Geschenkt! Es nimmt ihrem vielleicht schönsten Buch 
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Vielleicht verwendete Gertrude Stein das Wort Genie ein paarmal zu oft, natürlich stets in Bezug auf sich. Geschenkt! Es nimmt ihrem vielleicht schönsten Buch "Autobiografie von Alice B. Toklas" nicht den lakonischen Witz und den literarischen Wagemut. Stein schrieb es (mit losen Satzzeichen) aus Sicht ihrer Lebensgefährtin, was auch eine Liebesgeste ist, und konnte sich so selbst in den höchsten Tönen loben, indirekt eben. Aber mit wem sonst verkehrten Picasso und Matisse, später auch Ernest Hemingway derart bewundernd und stets auf Augenhöhe? Der launige Bericht über das Paris des frühen 20. Jahrhunderts und ihren Salon, über Künstler und das leidenschaftliche Sammeln von Kunst amüsiert auch 75 Jahre nach Steins Tod: herrlicher Klatsch sowieso (Edition Ebersbach, 24 Euro). Wolf Ebersberger  © Ebersbach/Montage: Sabine Schmid

Der eine ist Politiker und bedient sich gern der Mittel des Witzes und der Ironie - der andere ist Satiriker und ging in die Politik. Gemeinsam ist ihnen ein höchst unterhaltsames Buch gelungen. Gregor Gysi, Ikone und langjähriger Frontmann der Linkspartei, und Martin Sonneborn, Europaabgeordneter der Partei
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Der eine ist Politiker und bedient sich gern der Mittel des Witzes und der Ironie - der andere ist Satiriker und ging in die Politik. Gemeinsam ist ihnen ein höchst unterhaltsames Buch gelungen. Gregor Gysi, Ikone und langjähriger Frontmann der Linkspartei, und Martin Sonneborn, Europaabgeordneter der Partei "Die Partei", bestreiten das "Kanzlerduell der Herzen" (Aufbau, 256 S., 20 Euro). Sie reden über Parteipolitisches, über West und Ost und über die Möglichkeit, an die Regierung zu kommen...Unbedingt lesenswert! Marco Puschner © Aufbau Verlag/Montage: Sabine Schmid

Natürlich war er ein schlimmer Finger: Der polternde Antisemit Louis-Ferdinand Céline (
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Natürlich war er ein schlimmer Finger: Der polternde Antisemit Louis-Ferdinand Céline ("Reise ans Ende der Nacht") muss heute mit spitzen Fingern angefasst werden und es gibt keinen Zweifel daran, dass er gefährlichen Quatsch geschrieben hat. Aber eben auch große Literatur, die (relativ) frei ist von solch hetzerischen Ausfällen. Da geht es nur darum, dass das Leben an sich unerträglich ist. "Tod auf Reisen" in der Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel gilt als der böseste Klassiker der französischen Literatur: ein einziger Aufschrei gegen die Niedrigkeit der Existenz, poetisch und unflätig, atem-, gnaden- und geschmacklos. Ein Armenarzt im Kampf gegen die Sinnlosigkeit, die in den Pariser Passagen auf den Dingen und dem verdammten Geworfensein in diese Welt wie eine dicke, klebrige Staubschicht liegt. Bernd Noack © Rowohlt/Montage: Sabine Schmid