Raster-Künstler Reinhard Voigt im Neuen Museum

Verpixeltes Vergnügen

18.10.2023, 14:50 Uhr
Reinhard Voigt, Verstand ist wichtiger als Busen, 1971

© 2022 Reinhard Voigt Reinhard Voigt, Verstand ist wichtiger als Busen, 1971

Reinhard Voigt (*1940) gilt als „Pionier der Pixelkunst“. Allerdings ist diese Bezeichnung irreführend, da er bereits 1968, als es noch keine Pixel gab, mit kleinteiligen Bildrasterungen gearbeitet hat. Anregung für das Raster war die Stickerei seiner Mutter, was sich bis heute auch in seinem Interesse für Mode und die Handwerkskunst zeigt. Seine Malerei nimmt eine einzigartige Position in der zeitgenössischen deutschen Kunst ein. Mit enormer Konsequenz ist er seinem einmal entwickelten Prinzip der Rasterung treu geblieben.

„Durch das Raster“, so der Künstler, „bin ich vom Motiv befreit. Was zählt ist die Farbe und deren Schönheit.“ Bilder können so auf eine strukturierte Weise zerlegt werden und geben den Blick auf das Wesentliche frei.

Sein Interesse am Menschen führt dazu, dass dem Porträt in seinem Werk ein großer Stellenwert zukommt. Während seiner Studienzeit an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg entstanden die ersten schwarzweißen Porträts von Kommilitonen, die er nach Fotografien anfertigte. Genauso nutzte er aber auch gefundene Bilder aus den Medien. Die Darstellung der Schauspielerin Senta Berger, die er 1971 als Kunststudent im Auftrag der Zeitschrift Hör zu anfertigte, entstand nach Vorlage eines Titelbilds.

Mit den „Wortgemälden“, wie beispielsweise dem titelgebenden Werk Pure Pleasure, die in den 1990er-Jahren entstanden, untersucht der Künstler, wie weit er mit der Auflösung von Schrift ins Raster gehen kann. Er lotet damit die Lesbarkeit von Typografien aus, wie dies zur gleichen Zeit für Designer und Designerinnen von Personal Computern notwendig wurde. Allerdings orientierte er sich nicht an den neuen digitalen Standards, sondern mehr an traditionellen Stickmustern. Inhaltlich bediente er sich prägnanter Slogans aus der amerikanischen Werbewelt.

Bei seinen Blumenstillleben, mit denen er die Schönheit und Farbigkeit der Natur feiert, dienten ihm wiederum Werbeanzeigen aus Illustrierten oder Produktverpackungen als Vorlage. Über das Motiv legte er sein Raster und übertrug es dann in verschiedenen Schritten vom Papier auf die Leinwand. Tulpen zu malen galt in den 1970er-Jahren, als die Kunst vor allem gesellschaftskritisch sein wollte, als Provokation. Doch Reinhard Voigt folgte allein seinen Interessen und öffnete sich immer neuen Motiven. Das beginnende Digitalzeitalter mit seiner frühen Pixelästhetik bot ihm dafür viele neue Anregungen.

Die Ausstellung im großen Saal des Neuen Museums zeigt erstmals das umfangreiche Werk von Reinhard Voigt in seiner ganzen Vielfalt.

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