Sonntag, 15.12.2019

|

Warum Plätze misslingen

Landschaftsarchitekt Franz Hirschmann diskutiert beim NN-Forum über die Mutlosigkeit der Politik und den Vorrang des Autoverkehrs. - 25.10.2019 19:00 Uhr

Ein Platz, der garantiert keinen Schönheitspreis bekommt: Auf dem Johann-Adam-Reitenspieß-Platz mitten in Zerzabelshof findet hin und wieder ein Markt statt. Ansonsten ist er quadratisch, praktisch, leer. Für den Landschaftsarchitekten Franz Hirschmann ist er einer der misslungensten Plätze der Stadt. © Foto: Michael Matejka


Herr Hirschmann, haben Sie einen Lieblingsplatz in Nürnberg?

Ich bin gerne auf dem Tiergärtnertorplatz – nicht nur, weil man dort ein gutes Bier bekommt. Er hat die richtige Dimension, Platzwände, die okay sind, und außer dem Hasen mit den blutunterlaufenen Augen steht dort nicht viel herum. Ich mag es, wie die Leute den Platz nutzen, wie sie auf Stühlen vor den Kneipen oder am Boden sitzen.

Die Frage muss kommen: Welcher Platz ist keine Augenweide?

Das ist für mich die Insel Schütt, auch wenn sie bald 40 Jahre alt ist. Dieser trapezförmige Platz wurde in lauter kleine Inseln zerlegt, was es nicht nur den Wirten beim Altstadtfest sehr schwer macht. Das ist ein einziges Durcheinander voller Hindernisse, die Menschen werden in irgendwelche Nischen geführt. Da hilft nur eines: diesen Irrgarten abräumen. Fast hätte ich es vergessen: Noch schlimmer ist nur der kleine Johann-Adam-Reitenspieß-Platz in Zabo. Diese blauen Drahtgestelle zum Sitzen, einfach trostlos.

Einer der letzten großen Aufreger war der umgestaltete Friedrich-Ebert-Platz. Ihre Meinung?

Hier ist eine leidige Nürnberger Tradition zu erkennen, nach der der Fahrverkehr immer Vorfahrt hat. Ich habe die Entstehung dieses Platzes verfolgt, bei der die U-Bahn-Bauer ihre Planungen eisern verteidigt haben. Es hat sich leider der Zwang der Technik gegen die Gestaltung durchgesetzt. In anderen Städten geht es zuerst mit der Gestaltung los, und dann fügt sich die Technik ein. Wir planen gerade in Stuttgart-Esslingen. Die haben das weitgehend erkannt und handeln danach.

Womit beginnt ein Landschaftsarchitekt, wenn ein Platz entstehen soll?

Am Anfang steht die Analyse des Raumes und seine Einbindung in den städtebaulichen Kontext. Dann die Frage: Welche Erwartungen haben die Nutzer an diesen Platz? Bürgerbeteiligung ist heute unverzichtbar. Die Leute sind viel mündiger geworden.

Franz Hirschmann, 68, lebt in Gleißhammer. Mit Ehefrau Heidi Lehner-Hirschmann arbeitet er im Büro für Landschaftsarchitektur wgf zusammen. Hirschmann fährt gerne und viel Fahrrad, zuletzt hat er die Strecke Paris–Nürnberg bewältigt. In Nürnberg nimmt er ebenfalls das Rad, auch wenn er der Stadt kein gutes Radwege-Zeugnis ausstellt. © Foto: Privat


Aber nach der Bürgerbeteiligung geht oft jahrelang nichts voran — am Hauptmarkt, am Obstmarkt oder auch am kleinen Heinickeplatz in Muggenhof.

Da sind wir beim Kernproblem dieser Stadt. Ich führe das auf die fränkische Mentalität zurück, auf eine gewisse Mutlosigkeit, auf wenig Entschlusskraft und natürlich den jahrzehntelangen Vorrang des Autoverkehrs vor anderen Bedürfnissen.

Es heißt aber, es liege am Geld, an fehlenden Zuschüssen . . .

Das ist doch eine Frage der Prioritäten. Nehmen wir Barcelona, die Vorzeigestadt, was den öffentlichen Raum angeht. Diese Kommune lag in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wirtschaftlich am Boden. Und trotzdem wurde der Entschluss gefasst, die Qualität des öffentlichen Raumes mit viel Einsatz zu steigern und der Stadt dadurch neue Impulse zu geben. Das ist zu 150 Prozent gelungen, mittlerweile müssen die Touristenströme schon gebremst werden, damit Barcelona nicht völlig überlastet wird.

Bräuchte Nürnberg ein eigenes Platz-Konzept?

Es bräuchte vor allem politischen Willen. Wollen wir die Stadt lebenswerter machen oder weiter die alte Ideologie von der Vorfahrt fürs Auto predigen? Andere Städte setzen da völlig neue Schwerpunkte und machen Zukunftspolitik. Auch an Radverkehrskonzepten ist das ablesbar. Auch damit könnte man Städte wirklich weiterbringen. Nürnberg ist hier eher kleinmütig.

Plätze sollen Alleskönner sein. Freizeitspaß ermöglichen, Ruhe bieten, Versammlungen tragen. Eine Überforderung?

Kommt drauf an. Natürlich muss man klare Schwerpunkte setzen, je nach Lage und Funktion, und auch manches ausschließen. Nicht alle Plätze können Feierzonen sein oder Touristenmagneten. Die Menschen, die dort wohnen, haben ein Recht auf Lebensqualität.

 

"Kann Nürnberg keine Plätze?" ist das Thema eines NN-Forums am Mittwoch, 13. November, bei dem Nürnbergs Baureferent Daniel Ulrich, die Architektin Susanne Klug vom Verein BauLust und Landschaftsarchitekt Franz Hirschmann diskutieren. Den Abend im Orpheum Nürnberg, Johannisstraße 32 a, moderieren Ute Möller und Claudine Stauber; der Eintritt beträgt 12 Euro; mit ZAC-Karte 8 Euro. Beginn ist um 19 Uhr, Einlass ab 18.30 Uhr.

INTERVIEW: CLAUDINE STAUBER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de