Mittwoch, 25.11.2020

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Wenn Kinder alles haben und dennoch arm dran sind

Wohlstandsverwahrlosung: Jede Menge Spielzeug, ein Smartphone, aber ein Leben ohne Regeln und echte Zuwendung - 09.03.2017 19:16 Uhr

Empathie und soziale Kompetenzen lernt man am besten im Elternhaus, im täglichen Miteinander. Haben Kinder zu wenig Gelegenheit dazu, laufen sie Gefahr, bei anderen aufgrund ihres Verhaltens anzuecken.

09.03.2017 © Foto: dpa


Ben hat alles. Ein eigenes Smartphone, einen Computer im Zimmer, jede Menge Spielzeug — und wenn er Lust auf Burger hat, dann kaufen ihm die Eltern natürlich einen. Ben ist zehn und heißt im wirklichen Leben anders. Eine Fiktion ist er dennoch nicht. Mit seinen Eltern lebt er in einer gediegenen Nürnberger Wohngegend, beide Eltern Akademiker – eine Vorzeigefamilie, in der es scheinbar an nichts fehlt. Arm dran ist er dennoch. Seine Mutter ist beruflich ständig unterwegs, der Vater ist komplett überfordert und setzt Ben keinerlei Grenzen mehr. Er sitzt bis in die Nacht am PC oder spielt mit einem seiner Smartphones im überladenen Kinderzimmer.

Statistisch sind diese Kinder schwer zu fassen, im Grunde gar nicht. Weil ihre Eltern nicht auf Sozialleistungen angewiesen sind, tauchen sie nicht in den Statistiken auf – höchstens wenn sie derart aus dem Rahmen fallen, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen oder Behörden eingreifen müssen. So werden in die Jugendschutzstelle von der Stadt ältere Kinder und Jugendliche aus Familien in Krisen aufgenommen – und die stammen nicht ausschließlich aus sozial schwachen Familien.

Extrem auffällig

"In der Reutersbrunnenstraße haben wir überwiegend Kinder und Jugendliche, die aus prekären Lebenslagen kommen", sagt Frank Schmidt, Leiter des Allgemeinen Sozialdienstes der Stadt. Aber auch Jugendliche, die im Sozialverhalten extrem auffällig seien, kommen dort zeitweise unter. In Einzelfällen kämen manche auch aus finanziell nicht benachteiligten Familien – Kinder, die nicht umsorgt, sondern mit Konsum abgefertigt werden. "Eltern, die Doppelverdiener, viel unterwegs und Workaholics sind und die irgendwann den Alltag nur noch notdürftig organisieren und die Kinder sich im Grunde selbst überlassen", sagt Schmidt. Auch wenn nicht jede Familie, in der Eltern viel arbeiten und gut verdienen, ihr Kind im Wohlstand verwahrlosen lässt, wie er betont. Bei vielen gelinge es, ihre Kinder gut zu versorgen. Bei Ben nicht.

"Oft stecken auch ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle dahinter, wenn etwa eine Trennung vorliegt. Ein anderer Grund ist, wenn die eigene Selbstverwirklichung zu viel Raum einnimmt", weiß auch die Nürnberger Familientherapeutin Eva- Maria Hesse. Dann gebe es noch die Eltern, die aus falsch verstandener Liebe ihren Kindern alles ermöglichen wollen, manchmal auch, um selber deswegen geliebt zu werden. "Die Problematik hat nach meiner Wahrnehmung eher zugenommen in den letzten Jahren", sagt Eva-Maria Hesse.

Ben isst abends oft alleine, weil die Eltern lieber essen, wenn er schon schläft. Er isst dann, was er mag oder was eben der Kühlschrank hergibt — süße Getränke, Trashfood und Süßigkeiten. Und er isst oft in seinem Kinderzimmer, wie die Großmutter erzählt. "Inzwischen hat er sich von einem eher mageren Kind zu einem kleinen Mops gegessen", sagt sie, die längst Rat bei Beratungsstellen gesucht hat. Doch Ben ist versorgt, auch wenn er gleich in der ersten Klasse durchgefallen war, weil er selten die Hausaufgaben hatte — auch nach den Wochenenden nicht. Dabei wurde bei ihm ein IQ von über 120 gemessen, aber ohne Futter verkümmert auch die größte überdurchschnittliche Begabung.

Ständig im Netz

Manche Kinder kommen mit den mit sich selbst beschäftigten Eltern klar, sagt Frank Schmidt. Andere zeigten zwanghafte Verhaltensweisen: Sie surfen ständig im Internet, der Fernseher läuft permanent, oder sie werden durch Drogenkonsum auffällig. Eva Weinstock-Kroczek, Leitende Psychologin der Ambulanz an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Klinikum, weiß, warum. "Empathie und soziale Kompetenzen müssen im sozialen Nahraum, im täglichen Miteinander, immer wieder am eigenen Leib erfahren und eingeübt werden. Haben Kinder zu wenig Gelegenheit dazu, laufen sie Gefahr, bei anderen aufgrund ihres Verhaltens anzuecken und von diesen abgelehnt zu werden", so die Psychologin. Das wirke sich negativ auf ihr Selbstwertgefühl aus und kann im ungünstigsten Fall psychische Auffälligkeiten zur Folge haben, wenn es sich zu depressivem oder aggressivem Verhalten hin entwickelt.

Bens Großeltern bleibt unterdessen nur, zuzusehen. "Die Fachleute waren der Meinung, unser Enkel hätte nur noch eine Chance, ein seinen Fähigkeiten gemäßes Leben führen zu können: wenn er aus der Familie genommen und ein Internat besuchen würde", sagt seine Großmutter. Dabei ist es so naheliegend, was Kinder brauchen, um starke und glückliche Persönlichkeiten zu werden: "Bedingungslose Liebe und Zuwendung! Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung, klare Strukturen und Führung, die Halt und Sicherheit geben", sagt Familientherapeutin Eva-Maria Hesse. Eltern sollten Kindern Vertrauen schenken in deren Fähigkeiten und sich einfühlen in deren Wahrnehmung. "Anerkennung und Akzeptanz sowie Interesse sind wichtig. Kinder müssen ihre Eltern als verlässlich erleben."

 

IRINI PAUL (Siehe StandPunkt links)

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