Donnerstag, 09.04.2020

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Wenn Kinder ihr Herz besuchen

Angehende Kindheitspädagogin hat Methode entwickelt, wie Schulkinder ausgeglichener werden können. - 28.05.2019 18:19 Uhr

Im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen horchen die Kinder in sich hinein, um ihre Stimmung zu erkunden und sich zu entspannen. © Foto: Stefanie Goebel


Alle Kinder sitzen auf kleinen Kissen am Boden und bilden einen Kreis. In der Mitte steht eine LED-Lampe, die ihre Farben wechselt. Die Schüler haben ihre Beine verschränkt, die Hände liegen locker auf den Knien, die Augen sind geschlossen. Alle sind bereit für den Besuch ihres Herzens.

So heißt die Unterrichtsstunde, die Brigitta Müllner einmal pro Woche mit den Drittklässlern durchführt. Die 38-Jährige hat für ihre Bachelorarbeit im Fach Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule "Ein achtsamkeitsbasiertes Konzept zur Stärkung der emotionalen Kompetenzen bei Grundschulkindern" geschrieben. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich Meditation mit Kindern, damit diese "ausgeglichener werden, den Schulstress besser abbauen und mit den Herausforderungen des Lebens besser umgehen können", sagt Müllner. "Ich spreche vor den Kindern nicht von Meditation, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. Der Begriff stammt ja aus dem Buddhismus."

Seit einem Jahr erprobt die zweifache Mutter dieses Konzept bereits in allen Klassen der Michael-Ende-Schule. Ihr Ziel ist, dass die Lehrer die Inhalte übernehmen und dass der "Besuch bei meinem Herzen" auch in weiteren Schulen, in Horten und Familien im Alltag integriert wird.

"Die Kinder sollen ein Werkzeug an die Hand kriegen, mit schwierigen Situationen wie Todesfällen, Streit und anderen familiären Problemen umgehen zu können", sagt die 38-Jährige und freut sich, dass schon ein paar Lehrer ihr Konzept übernommen haben, das sie auch in einem Buch festgehalten hat.

"Wie geht es mir heute?"

In der Schulstunde "Besuch bei meinem Herzen" hören die Kinder in sich hinein und stellen sich die Frage: Wie geht es mir heute? Gut, mittel oder schlecht? Dabei sind alle Stimmungen in Ordnung, betont Müllner.

Die Kinder wissen, dass sie in ihrem Herzen viele Gefühle haben, aber auch im Bauch und im Gehirn. "Wichtig ist, dass alle drei zusammenarbeiten", erklärt Müllner. Danach kommen alle im Sitzkreis zusammen, in dem die angehende Kindheitspädagogin den Schülern eine Geschichte aus ihrem Buch vorliest. Es geht darum, mit seinem inneren Fahrstuhl zu seinem Herzen zu fahren und zu seinem Bauch – und nachzuspüren. Am Ende der Reise fühlen sich alle Kinder ruhiger und freier. Einige Schüler haben sogar festgestellt, dass sie doch von Sorgen geplagt werden, obwohl sie vorher dachten, dass alles in Ordnung ist. Einem Mädchen geht es zum Beispiel schlecht, weil sie vielleicht umzieht, und ein Junge berichtet, dass er sich gut fühlt, weil er auf einer Übernachtungsparty eingeladen ist. "Einige Kinder schaffen es im Unterricht nicht, sich richtig zu entspannen", berichtet Müllner. Deshalb freut sie sich umso mehr, dass viele ihrer Schüler ihr Buch zu Hause haben und mit ihren Eltern ihr Herz besuchen.

"Achtsamkeit und Selbst-Bewusstsein ist der Schlüssel für ein erfüllendes Miteinander auf der Welt", bestätigt auch Professor Markus Schaer von der Evangelischen Hochschule, der das Vorwort in dem Buch seiner Studentin verfasst hat. "Sich Zeit nehmen für den Moment und dabei die kindlichen Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen wahrzunehmen, auszuhalten und zu begleiten, ist das größte Geschenk, das wir Kindern für ihr Leben machen können."

Infos zu Workshops für Eltern, Kinder und Lehrer stehen auf der Webseite www.besuch-bei-meinem-herzen.online

VON STEFANIE GOEBEL

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