Pyrotechnik-Branche vor dem Ruin

Wie gefährlich ist Feuerwerk wirklich? Das sagen regionale Kliniken und Experten zum Böllerverbot

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 31.08.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt: Martin Müller..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Müller

Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern

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8.12.2021, 13:44 Uhr
Durch ein Böllerverbot könnten mehr illegale Kracher eingeschmuggelt werden, die deutlich mehr Sprengkraft besitzen und sehr viel gefährlicher sind als die in Deutschland erhältlichen.

© Marc Gruber/imago images Durch ein Böllerverbot könnten mehr illegale Kracher eingeschmuggelt werden, die deutlich mehr Sprengkraft besitzen und sehr viel gefährlicher sind als die in Deutschland erhältlichen.

Markus Strasser ist kurz vorm Explodieren. Lang ist seine Zündschnur nicht mehr, nachdem schon das Böllerverbot für Silvester 2020 viele in der Feuerwerks-Branche in den Ruin getrieben hatte und nun auch für diese Silvesternacht beschlossen wurde, dass weder Kracher noch Raketen erlaubt sein sollen.

"Das Verbot ist widerrechtlich"

Begründet wird das von der Politik durch die zusätzliche Belastung der Krankenhäuser durch Feuerwerksverletzungen. "Dafür gibt es aber keinerlei Datenbasis und Evidenz. Wir sind überzeugt, dass das Verbot widerrechtlich ist und werden auf jeden Fall alle juristischen Schritte ausschöpfen", kündigt Strasser an, der bei Röder Feuerwerk in Schlüsselfeld (Landkreis Bamberg) arbeitet, einem der größten deutschen Online-Händler für Privatfeuerwerk.

Tatsächlich gibt es nur wenige Daten. Laut Bayerischem Innenministerium kam es in der Silvesternacht 2019 bayernweit zu 201 Bränden durch Feuerwerk, der Schaden lag bei knapp vier Millionen Euro, neun Menschen wurden dabei verletzt.

Direkt durch das Abbrennen von Feuerwerk gab es laut Innenministerium bayernweit 25 Verletzte, zumindest so weit polizeilich bekannt. "Da passieren mit Adventskränzen und Weihnachtsbäumen mit echten Kerzen mehr Unfälle. Aber da kommt keiner drauf, das zu verbieten", empört sich Strasser.

Augapfelzerreißungen und abgerissene Tränenwege

In der Statistik des Innenministeriums sind allerdings nicht alle Verletzten enthalten. So verzeichnet allein das Klinikum Nürnberg an Silvester üblicherweise rund 20 Verletzte mit Verbrennungen, die stationär oder ambulant behandelt werden müssen. Zum Jahresende 2019, dem letzten Jahr vor dem Böllerverbot, waren mit 15 Verletzten etwas weniger Patienten zu versorgen.

"In der Augenklinik werden rund um Silvester jedes Jahr Patienten und Patientinnen ambulant mit Lidverletzungen, Hornhaut- und Bindehautverletzungen durch Feuerwerkskörper behandelt. Es werden aber auch Patienten stationär mit schwersten Bulbusverletzungen, Augapfelzerreißungen, schweren Blutungen, Lidverletzungen und Verletzungen der Augenhöhle sowie Abrissverletzungen der Tränenwege versorgt", verdeutlicht Klinikumssprecherin Sabine Stoll.

Oft ist eine interdisziplinäre Versorgung nötig. Die Hautklinik muss Verbrennungen oder Pulvereinsprengungen der Haut behandeln, die HNO-Ärzte müssen sich zusätzlich um Trommelfellverletzungen kümmern. "Diese Patienten erfordern einen hohen Aufwand, sie binden Narkoseärzte, manchmal müssen die Patienten intensivmedizinisch betreut werden", betont Stoll. Dazu kämen noch die Patienten, die mit einer Alkoholvergiftung vom Rettungsdienst gebracht werden oder eine Überdosis Drogen konsumiert haben.

Physikalisch gar nicht möglich?

Am Uniklinikum Erlangen ist die Situation von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich. Mal wird die Notaufnahme erheblich belastet, mal ist es ruhiger. Doch allein die Augenklinik hat an Silvester üblicherweise circa drei Patienten nach Feuerwerks-Unfällen zu versorgen.

"Gerade die Kombination von Alkoholkonsum und Feuerwerkskörpern kann zu schweren Verletzungen führen, welche dann auch erhebliche Ressourcen in der Notaufnahme binden. Gerade auch die späte Uhrzeit und das zeitliche Zusammentreffen mehrerer Unfälle trifft dann die Dienstmannschaften empfindlich", erläutert Prof. Dr. Mario Perl, Direktor der Unfallchirurgischen und Orthopädischen Klinik.

"Es wird immer von abgerissenen Händen gesprochen. Bei uns zugelassenes Silvesterfeuerwerk ist physikalisch gar nicht dazu in der Lage. Natürlich tut es ordentlich weh und kann eine Platzwunde geben, wenn ein Böller in der Hand explodiert, aber die richtig schlimmen Verletzungen gibt es nur mit Selbstgebasteltem und illegalen Böllern", sagt Strasser, der aber empfiehlt, beim Zünden immer eine Schutzbrille zu tragen. Durch das Verbot befürchten viele, dass nun deutlich mehr Feuerwerkskörper aus Tschechien oder Polen eingeführt werden, die eine deutlich größere Sprengkraft haben.

Mehr Probleme durch Alkohol?

In einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, jüngst, dass an Silvester vor allem diejenigen im Krankenhaus landen, die zu viel Alkohol trinken, in Streit geraten oder sich durch die Trunkenheit anderweitig verletzen. Böllerverletzungen machten nicht die hohen Zahlen in den Notaufnahmen aus.

"Ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum, das Verbot großer Ansammlungen und ein Feuerwerksverbot in weitreichenden Zonen, nicht aber auf Privatgrundstücken, würde völlig ausreichen", ist Strasser deshalb überzeugt.

Im vergangenen Jahr hatten die Mitarbeiter von Röder Feuerwerk die Feuerwerkskörper zunächst drei Monate lang für den Versand am Jahresende einpacken und anschließend wieder zwei Monate lang auspacken und einlagern müssen. Jetzt droht wieder dasselbe Szenario.

Vernichtung würde 100 Millionen Euro kosten

Die Ware hat sich seit dem vergangenen Jahr gewaltig aufgestaut. Mittlerweile stehen in Deutschland laut dem Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) rund 200.000 Paletten Feuerwerk in den Lagern. "Bundesweit bedeutete das Vernichtungskosten von etwa 100 Millionen Euro", sagt VPI-Geschäftsführer Klaus Gotzen.

Feuerwerks-Marktführer Weco muss seinen Produktionsstandort im sächsischen Freiberg mit noch 100 Mitarbeitern nun schließen. Auch die Jobs der übrigen 350 Mitarbeiter an den anderen Standorten sind gefährdet. Trotz Überbrückungshilfen, Kosteneinsparungen und Kurzarbeit musste das Unternehmen zum Geschäftsjahresende einen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe verzeichnen.

"2020 hatte ich praktisch null Einnahmen. Auch in der ersten Jahreshälfte 2021. In der zweiten Jahreshälfte waren dann ein paar kleine Feuerwerke für private Anlässe und Firmenfeiern möglich. Das waren aber nicht mal zehn Prozent des normalen Umsatzes", erzählt Dieter Koller, Neumarkter Unternehmer für Groß- und Kunstfeuerwerke und Fachhändler.

Ware wird in Bunkern eingelagert

Ende November begann er noch einen Vorverkauf für Gewerbetreibende, etliche Inhaber von Haushaltswarenläden, Tankstellen und andere Einzelhändler deckten sich ein. Doch nun ist der Verkauf gestoppt, die Käufer dürfen die Ware wohl nicht mehr weitergeben.

Wie im vergangenen Jahr muss Koller die verbliebene Ware wieder einlagern. Dafür hat Koller in der Oberpfalz ein ehemaliges Munitionsdepot der Bundeswehr mit mehreren Bunkern übernommen. "Die sind zum Glück sehr trocken. Da hält die Ware schon drei, vier Jahre", meint Koller.

Solche Lagermöglichkeiten haben beileibe nicht alle seine Kollegen. Falls das Feuerwerk feucht wird, wird die Zündung unberechenbar. Normalerweise sollte es nach etwa fünf Sekunden knallen. "Wenn die Böller nicht richtig gelagert wurden, kann das aber auch mal 15 bis 20 Sekunden dauern - oder auch nur eine Sekunde", verdeutlicht Koller.