Wie Kissinger bei der Wiedervereinigung half

29.9.2010, 16:00 Uhr
Der Mauerfall - auch die drei in der Sendung gewürdigten Männer hatten ihren Anteil daran.

Der Mauerfall - auch die drei in der Sendung gewürdigten Männer hatten ihren Anteil daran. © dpa

Es sei „überraschend, in welch hohem Maße sie Deutschland vergeben haben“, sagt der britische Historiker Niall Ferguson, einer von vielen prominenten Stimmen, die in Evi Kurz’ 45-Minuten-Film zu Wort kommen. In der Tat: Das Schicksal der drei höchst vitalen Männer ähnelt sich vor allem in zentralen (Leidens)-Punkten. Henry Kissinger, 1923 in Fürth geboren; George Weidenfeld, 1919 in Wien geboren, und Fritz Stern, 1926 in Breslau geboren, als Söhne jüdischer Familien — sie alle erlebten die Zäsur von 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Und alle drei mussten sie Hitlers Zug um Zug erweitertes „Reich“ verlassen, weil nach den Nürnberger Rasse- Gesetzen von 1935 der Druck auf die Juden immer größer und lebensbedrohlicher wurde.

Alle drei emigrierten 1938

Alle drei gehen 1938 weg aus dem Deutschen Reich. Kissinger und Stern emigrieren mit ihren Familien in die USA, Weidenfeld reist zunächst allein nach Großbritannien, seine Familie kommt nach. Und alle drei machen in den Staaten, die ihnen zu einer neuen Heimat werden, Karrieren — derart außergewöhnliche Karrieren, wie sie ihnen, das vermuten sie selbst gut gelaunt, in Deutschland wohl kaum gelungen wären.

— Kissinger, der vom Wissenschaftler zum Diplomaten und US-Außenminister aufsteigt (mit zwiespältiger Bilanz, was der Film nicht erwähnt, weil diese trüben Kapitel im Handeln Kissingers nicht sein Thema sind).

— Weidenfeld, der zunächst journalistisch tätig ist und dann als einflussreicher Verleger zu einem der wichtigsten „Netzwerker“ des Westens wird und unermüdlich am Austausch zwischen angelsächsischen Staaten, Deutschland und auch Israel arbeitet.

— Stern, der sich als zusehends renommierter Historiker intensiv auch mit deutscher Geschichte befasst und 1987 als erster Nicht-Bundesbürger die Festrede zur Erinnerung an den Arbeiteraufstand in der DDR am 17.Juni 1953 halten darf (und Kissinger vorher fragt, ob er das denn auch tun soll — wozu Kissinger Stern eindringlich dazu ermuntert).

Heikles Werben bei Thatcher

Brückenbauer sind alle drei schon lange vor 1989/90. Kissinger tritt bereits 1959 für eine Wiedervereinigung Deutschlands ein. „Voll und ganz mit Freude“ erlebt dann drei Jahrzehnte später nicht nur Stern den rasant beschrittenen Weg hin zu diesem Schritt — und wirbt ganz massiv für ihn: Stern gehört zu einer Runde prominenter Historiker, die 1989 versuchen, Margaret Thatcher von ihren massiven Bedenken gegen ein geeintes Deutschland abzubringen. Kissinger wurde von George Bush senior zu Gorbatschow entsandt, um früh das Terrain zu sondieren. Und auch Lord Weidenfeld wirbt für die Einheit jenes Landes, das doch seiner Familie und vielen anderen den Kampf angesagt hatte. Es sei „sein Prinzip, nicht kollektiv zu beurteilen“, sagt der Weltmann mit österreichisch-deutschen Wurzeln in dem sehenswerten Film von Evi Kurz. Dass die ARD solchen Stoff erst kurz vor Mitternacht sendet, überrascht längst nicht mehr. Ein Ärgernis bleibt es dennoch.

Die Brückenbauer“ ist diesen Mittwoch um 23.30 Uhr in der ARD zu sehen. Am 15.November wird der Film um 22.30 Uhr im dritten Programm (Bayerisches Fernsehen) wiederholt.