Damit das Geld auch im Alter noch reicht

19.4.2021, 20:34 Uhr
Die Hürde überwinden: Anfangs ist das Thema Geldanlage für die ein oder andere unübersichtlich. Mit einer bestenfalls unabhängigen Finanzberatung kann man sich einen Überblick verschaffen.

Die Hürde überwinden: Anfangs ist das Thema Geldanlage für die ein oder andere unübersichtlich. Mit einer bestenfalls unabhängigen Finanzberatung kann man sich einen Überblick verschaffen. © Foto: Patrick Pleul/dpa

Frau Radl, wie oft haben Sie schon den Satz gehört: Das mit dem Geld regelt mein Mann?

Relativ oft. Deshalb kommen Frauen zu uns und lassen sich beraten lassen. Gerade bei älteren Frauen ist das so. Noch immer werden die Geldangelegenheiten vom Ehemann geregelt. Erst wenn die Frauen in eine Situation kommen, in der sie über Geld entscheiden müssen – sei es nach einer Scheidung oder dem Tod des Partners – dann wachen sie auf und beschäftigen sich mit dem Thema.

Warum überlassen Frauen so oft Geldangelegenheiten ihren Partnern?

Das liegt wohl immer noch an einem alten, traditionellen Rollenverständnis. Die Frau sorgt sich um die Familie, insbesondere um die Kinder. Der Mann verdient das Geld und ist der Versorger. Mein Eindruck ist, dass durch die Corona-Krise wieder mehr Frauen in dieses alte Rollenmuster zurückfallen. Unser Verein versucht, vor allem jüngere Frauen zu motivieren, sich selbst um Finanzfragen zu kümmern und die Hemmschwelle herabzusetzen.

 

Wie liest man sich am besten in das Thema Geldanlage ein?

Finanzblogs sind gut geeignet. Auf der Homepage der FinanzFachFrauen haben wir auch ein Video hochgeladen, in dem kurz erklärt wird, wie Frau am besten in das Thema Geldanlage einsteigt. Ich rate dazu, sich eine unabhängige Finanzberaterin zu suchen und sich umfassend aufklären zu lassen.

Wäre die Bank meines Vertrauens dafür auch geeignet?

Ja und nein. Die Banken wollen natürlich ihre Produktpalette verkaufen. Wenn man zu VW geht, bekommt man einen Golf oder Polo angeboten, aber keinen BMW. Ich empfehle immer, sich eine unabhängige Beraterin zu suchen, die neutral ist und auf die Lebens- und Berufssituation eingeht und auf die finanziellen Wünsche im Alter und auch in naher Zukunft.

Gabriele Radl ist Diplom-Kauffrau und hat seit über 30 Jahren Erfahrungen im Finanzbereich. Seit 2006 berät sie in allen Fragen der Altersvorsorge und Geldanlage und gründete 2009 ihre eigene Firma. Radl ist Mitglied im Vorstand der FinanzFachFrauen e.V, einem bundesweiten Zusammenschluss von Finanz- und Versicherungsexpertinnen, die Frauen in Sachen Geldanlage beraten und ihnen Wege aufzeigen, um Altersarmut zu vermeiden.

Gabriele Radl ist Diplom-Kauffrau und hat seit über 30 Jahren Erfahrungen im Finanzbereich. Seit 2006 berät sie in allen Fragen der Altersvorsorge und Geldanlage und gründete 2009 ihre eigene Firma. Radl ist Mitglied im Vorstand der FinanzFachFrauen e.V, einem bundesweiten Zusammenschluss von Finanz- und Versicherungsexpertinnen, die Frauen in Sachen Geldanlage beraten und ihnen Wege aufzeigen, um Altersarmut zu vermeiden. © Foto: Sarah Kastner Fotografie/privat

Wie sehen die ersten Schritte zur finanziellen Unabhängigkeit aus?

Ich empfehle, so früh wie möglich zu starten. Man kann, sobald man das erste eigene Geld verdient, mit einem Fondssparplan starten. Man sollte sich fragen: Welche Summe kann ich monatlich gut verkraften? Das Geld ist dann weg vom Girokonto und kann schon nicht mehr ausgegeben werden.

Für junge Frauen ist die Rente noch sehr weit weg. Ab welchen Alter sollten sie finanziell vorsorgen?

Man sollte so früh wie möglich anfangen. Sobald eine junge Frau die Ausbildung startet und das eigene Geld verdient, sollte sie etwas weglegen. Nur so lernt man das Sparen. Über einen längeren Zeitraum macht man dann die Erfahrung, dass sich kleinere Beträge summieren.

Und wenn man auf die Rente zugeht: Ist es dann zu spät, etwas anzusparen?

Nein, es gibt immer eine Lösung. Ein Beispiel: Man zahlt ab dem 60. Lebensjahr monatlich 100 Euro in einen Fondssparplan ein, dann sind das über eine Laufzeit von fünf Jahren 6000 Euro. Bei einer Rendite von knapp neun Prozent kommen nach fünf Jahren rund 7000 Euro zusammen. Das klingt erst mal nicht viel. Aber: Es ist immerhin etwas. Geld, das man womöglich ansonsten nicht gehabt hätte.

Welchen Mindestbetrag muss ich beim Fondssparen monatlich einzahlen?

Man kann bereits mit 25 Euro starten.

Ein Tipp von den Großeltern ist oft: stets ein Monatsgehalt als Notgroschen auf dem Girokonto lassen. Ist das heute noch realistisch?

Ja, das ist absolut realistisch. Ich empfehle sogar mehr. Wenn es finanziell möglich ist, wären zwischen zwei und drei Nettogehälter besser. Oder man schreibt auf, wie hoch die monatlichen Ausgaben sind. Diese Ausgaben mal drei – das wäre ein guter Spar-Betrag, an den man in Notfällen schnell herankommt. Es kann ja immer wieder mal zu einer ungeplanten Ausgabe kommen wie eine kaputte Waschmaschine oder ein defektes Auto. Es ist nicht empfehlenswert, das Girokonto zu überziehen. Man zahlt hohe Überziehungszinsen, die selbst in der aktuell nahezu zinslosen Welt noch sehr hoch sind.

Wenn man genug Geld auf der Seite hat, investiert man dann besser in Aktien oder in Fonds?

Ich empfehle Fonds, weil Fonds die bestmögliche Risikostreuung im Vergleich zu Aktien haben. Bei Aktien ist man immer in einem Einzelrisiko. Beispiel Wirecard: Alle dachten, dass Aktien des Unternehmens eine gute Option wären. Dann kam das Desaster. Das hätte wohl kein Laie, kein Privatanleger vorhersehen können. Eine gute Expertise haben Fondsmanager und können entsprechende Recherchen durchführen.

Investieren Männer anders als Frauen?

Männer haben eine ausgeprägtere Zockermentalität. Frauen werden aber auch immer mutiger. Das erkennt man daran, dass in den Fondsdepots die Aktienquote steigt. Frauen denken im Vergleich zu Männern nachhaltiger und streuen mehr – und sind damit oft erfolgreicher.

Gibt es typisch "weibliche" Geldanlagen?

Nein, eigentlich nicht. Es gab immer wieder Banken, die versucht haben, weibliche Produkte zu konzipieren. Wirklich erfolgreich war damit keine.

Wie sinnvoll sind heute noch die guten alten Bausparverträge?

Davon halte ich nichts. Am Bausparvertrag verdienen in der derzeitigen Situation nur die Bausparkassen. Wir bewegen uns seit Jahren in einem sehr niedrigen Zinsumfeld. Wenn man heute ein Darlehen bei einer Bank aufnimmt, dann bekommt man meist sehr gute Konditionen. Konditionen, die man mit einem Bausparvertrag eher nicht erhält. Früher erzielte man damit noch Guthabenzinsen von vier oder fünf Prozent. Bei einem Fondssparplan, selbst wenn er konservativ ist, hat man immerhin rund sieben Prozent Rendite.

Sollte man sich, trotz Corona, jetzt eine Immobilie als Wertanlage zulegen?

Ich rate momentan davon ab, eine Immobilie als Kapitalanlage zu kaufen, die man dann vermietet. Die Preise in den Ballungszentren sind exorbitant hoch. Unterm Strich – nach Inflation, Steuern und unter Umständen Ärger mit den Mietern – bleibt wenig übrig. Anders sieht es bei Immobilien aus, die man selbst nutzen möchte. Ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung sind empfehlenswert, weil man später, wenn man in Rente ist, hoffentlich mietfrei und ohne Schulden dort wohnen kann.

Könnte man darauf spekulieren, dass die Immobilienpreise wieder fallen und dann zuschlagen?

Das hängt davon ab, wie wirtschaftsstark eine Region ist. Es gibt Fachleute, die prognostizieren, dass wir uns momentan in einer Immobilienblase befinden, die irgendwann platzt. Andere sagen, es gehe noch weiter nach oben. Meine persönliche Einschätzung ist, dass es sehr viel höher nicht mehr gehen kann.

Wie sieht es mit einer Riester-Rente als Altersvorsorge aus?

Auch hier muss man die persönliche Situation prüfen. Eine Angestellte hat andere Möglichkeiten zur Altersvorsorge als eine Selbstständige. Einer Angestellten würde ich empfehlen, betriebliche Altersvorsorge zu nutzen. Für Selbstständige, die in der Regel nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, wäre eine Rürup-Rente interessant. Für Frauen mit Kindern ist die Riester-Rente interessant. Denn die Frauen können von Zulagen profitieren, die der Staat zahlt.

Ist Gold eine sinnvolle Wertanlage?

Davon rate ich ab. Gold hat hohe Transaktionskosten. Man zahlt Mehrwertsteuer und muss das Gold entsprechend aufbewahren. Langfristige Renditeanalysen haben gezeigt, dass Gold das Schlusslicht ist. Gold löst bei vielen ein Sicherheitsgefühl aus. Viele Deutsche haben Angst vor Aktien, vor allem Frauen. Aber: Aktien sind ja auch Sachwerte. Man investiert in eine Firma. Das kann langfristig im Hinblick auf den Inflationsausgleich die bessere Investition sein.

Keine Kommentare