Produktion "früher als geplant"

Elektrischer Lkw ohne Abgase: MAN stellt den Laster der Zukunft vor

Profilbild Erik Stecher
Erik Stecher

Redaktion Politik und Wirtschaft

E-Mail zur Autorenseite

18.2.2022, 10:23 Uhr
MAN-Chef Alexander Vlaskamp stellt den Lkw der Zukunft vor, zusammen mit Ministerpräsident Markus Söder und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (v.l.).

© Stefan Hippel, NNZ MAN-Chef Alexander Vlaskamp stellt den Lkw der Zukunft vor, zusammen mit Ministerpräsident Markus Söder und Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (v.l.).

Jetzt geht der Blick also doch klar in Richtung Zukunft. Daran gab es zuletzt Zweifel. Denn im September 2021 verkündete MAN trotz des Wandels zu alternativen Antrieben noch große Investitionen in den Diesel: 170 Millionen Euro für ein neues Dieselmotoren-Werk in Nürnberg. Natürlich war das eine gute Nachricht für die Stadt und die Motoren sollen so schadstoffarm wie möglich werden - aber dennoch: Diesel führt nicht in die Klimaneutralität. Doch nun stellt MAN die Weichen neu. Am Donnerstag präsentiert Konzernchef Alexander Vlaskamp den Prototypen eines Elektro-Lkw, der Anfang 2024 in Serie produziert werden soll: "Fast ein Jahr früher als geplant."

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sind nicht nur gekommen, um die Bedeutung des technischen Wandels zu betonen, sie haben auch etwas mitgebracht: Eine Förderzusage über 8,2 Millionen Euro für die weitere Forschung am Wasserstoff-Projekt "Bayernflotte": Damit sollen Brennstoffzellen-Lkw im realen Betrieb bei MAN-Kunden in Bayern getestet werden. Auch die Technische Hochschule Nürnberg und die Universität Erlangen-Nürnberg sind an der Forschung und Entwicklung beteiligt. "Wir glauben an den Wasserstoff", betont Söder.

"Um die Klimaziele der EU zu erreichen, müssten die Fahrzeuge, die wir in Europa 2030 verkaufen, mindestens zu 20 bis 30 Prozent CO2-neutral sein", sagt der Vorstandsvorsitzende Vlaskamp im Gespräch mit unserem Medienhaus. "Die Roadmap von MAN ist klar, wir fokussieren uns zunächst auf die Elektromobilität." Die feierliche Präsentation des schweren Elektro-Lkw in Nürnberg hat allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Produziert werden soll er gar nicht hier, sondern am Münchner Hauptsitz des Unternehmens.

Was bekommt Nürnberg?

In Nürnberg werden nur die Batterie-Packs montiert. Dieser Bereich ist Vlaskamp zufolge aber ausbaufähig: "Auch für die Serienproduktion von Batterie-Packs kann Nürnberg ein wichtiger Standort für uns sein." Entschieden ist hier jedoch noch nichts, die Auswirkungen des Wandels zur Elektromobilität auf die verschiedenen Werke sind aktuell nicht genau absehbar: "Der nächste Schritt ist die Beantwortung der Frage, wo wir die Produktion von Batterie-Packs und Elektromotoren ansiedeln werden. Wir sehen, dass die Kapazitäten benötigt werden."

Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König sagt es direkt: "Wir bewerben uns als Standort für die Batteriefertigung", und der Ministerpräsident verspricht: "Wir werden alles dafür tun, dass die Batteriefertigung hier bei uns stattfindet. Die Belegschaft ist heiß darauf, wie ich gehört habe."

Im Zuge der Neuausrichtung von MAN hatten sich im März 2021 die Gewerkschaft IG Metall und die Arbeitgeberseite darauf geeinigt, in Deutschland insgesamt 3500 Stellen abzubauen, 400 davon in Nürnberg. Diesen Standort mit seinem Schwerpunkt bei Dieselmotoren sieht Vlaskamp aber grundsätzlich nicht auf dem Abstellgleis: "Es wird nicht so kommen, dass über Nacht nur noch Elektro-Lkw gebraucht werden, während ein anderer Bereich komplett stillsteht und wir diese Mitarbeiter nicht umschulen können. Wir werden die Balance halten können."

Zudem werde in Nürnberg auch Batterieentwicklung betrieben: "Viele Ingenieure, die zuvor am Dieselmotor geforscht haben, benötigen wir jetzt für die Batterie-Packs." Und Vlaskamp erwartet in Zukunft "große Sprünge" bei dieser Technologie: "Wir arbeiten an Batterien, die bis zum Ende des Jahrzehnts Sattelzugmaschinen mit einer Reichweite von über tausend Kilometern ermöglichen sollen." Das sind erfreuliche Aussichten für die Elektromobilität. Zugleich wirft dies jedoch die Frage auf, wozu dann noch groß am Wasserstoff-Lkw geforscht werden soll.

Vor 2030 wird es ohnehin nicht genügend grünen Wasserstoff geben, und auch danach sieht Vlaskamp ein "Fragezeichen", was die verfügbare Menge und den Preis angeht. Elektro-Antriebe sind deutlich wirtschaftlicher: "Mit einem Windrad können dreimal mehr E- als Wasserstoff-Lkw betrieben werden."

"Es stärkt den Standort Nürnberg"

Grundsätzlich ist die Wasserstoff-Technologie eine Ergänzung des Elektro-Antriebs, denn dieser bildet die Basis, auf dem die Brennstoffzelle aufsetzt. Die schweren Batterien werden dann durch leichtere Wasserstofftanks ersetzt. Das kann sich bei sehr schweren Fahrzeugen oder besonders weiten Strecken lohnen.

"MAN sieht Anwendungsmöglichkeiten nicht nur im Transport, sondern auch bei Landmaschinen und im maritimen Bereich", sagt Vlaskamp, der Söders Geldsegen für die Wasserstoff-Forschung begrüßt. "Wir freuen uns, dass die Politik uns da unterstützt. Es stärkt den Standort Nürnberg."

Auch dem neuen Nürnberger Diesel-Werk bescheinigt der Niederländer weiterhin gute Aussichten. Nicht allein deshalb, weil die modernen Motoren weniger Emissionen verursachen und rund acht Prozent Kraftstoffverbrauch einsparen: "Der Diesel-Motor wird in Ländern außerhalb Europas noch deutlich länger gebraucht. Hier sprechen wir von einem Zeitraum, der sicher die nächsten zehn oder 20 Jahre umfasst. Es gibt viele Märkte, die nicht sehr schnell über die Infrastruktur für die Elektromobilität verfügen werden."

Dreifacher Kaufpreis

In Europa fordert Vlaskamp bei der Infrastruktur Unterstützung durch die Politik. MAN will sie aber auch selbst mit aufbauen, gemeinsam mit der Schwestermarke Scania sowie mit Daimler und Volvo sollen in den kommenden fünf Jahren europaweit 1700 Ladepunkte geschaffen werden. Schließlich erwarten die Kunden ein gutes Netz von Lademöglichkeiten, wenn sie für das Fahrzeug schon den dreifachen Kaufpreis im Vergleich zu einem Verbrenner zahlen. "Noch sind es Nischenprodukte", sagt Vlaskamp, "ab dem Jahr 2024/25 sollen Elektro-Lkw bereit sein für den Massenmarkt."

Zum Auftakt der Serienproduktion Anfang 2024 ist zunächst die Fertigung von 200 Fahrzeugen geplant. Für die Kunden soll sich der hohe Anschaffungspreis durch die niedrigeren Energiekosten rechnen: "Sie liegen nur bei einem Drittel, verglichen mit dem heutigen Dieselpreis. Und die fossilen Kraftstoffe werden im Verhältnis zum Strom noch teurer werden."

Verwandte Themen


2 Kommentare