Samstag, 04.04.2020

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Gemeinwohl-Bilanzen: Wenn Unternehmen aufs Soziale setzen

Junge Bewegung ist in Oberbayern stärker als in der Metropolregion Nürnberg - 20.01.2018 08:40 Uhr

Geld nicht als Selbstzweck: Für Fans der Gemeinwohl-Ökonomie sollen Soziales und Ökologie in Bilanzen einfließen. © Romolo Tavani - Fotolia


Seit einigen Jahren können Unternehmen freiwillig eine "Gemeinwohl-Bilanz" erstellen. Dabei sammeln sie für soziales, transparentes und umweltschonendes Verhalten Punkte. Wer gut abschneidet, sollte – so zumindest die Idee – bei Steuern, Krediten oder öffentlichen Aufträgen begünstigt werden.

Noch ist es nicht so weit, laut Webseite des Vereins Gemeinwohl-Ökonomie Bayern gibt es in Franken bislang erst wenige Mitglieder. Allerdings wurde die Regionalgruppe Metropolregion Nürnberg auch erst vor rund einem Jahr ins Leben gerufen.

Vier fränkische Unternehmen bereiten laut Irma Roth von der Regionalgruppe gerade eine Bilanz vor: ein Naturkostladen, ein Seminarhaus, eine Unternehmensberatung und ihr eigenes Institut, das Firmentrainings anbietet.

Bisher wenig Resonanz in Franken

Oberbayern ist beim Thema Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) schon etwas weiter, allein in der Landeshauptstadt sind laut der Vereinsauflistung im Netz 18 Unternehmen an Bord, unter anderem aus den Branchen Gastronomie, Lebensmittel, Energie, Finanzen und Versicherungen. Insgesamt umfasst die bayerische Datenbank 75 Firmen- und Vereinseinträge.

Auch die Spardabank München hat eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt – nach eigenen Angaben als erste Bank Deutschlands. Und in Nürnberg? Hier beabsichtige die Spardabank derzeit nicht, Mitglied des GWÖ-Vereins zu werden, erklärt Pressesprecher Frank Büttner. Man begrüße jedoch die Initiative der Münchner Kollegen und verfolge das Thema aufmerksam. Konzentrieren wolle man sich vorerst aber auf den Ausbau des Engagements in den Bereichen Bildung, Kultur und Umweltschutz.

Wirtschaftliche Vorteile?

Doch sprechen womöglich auch wirtschaftliche Gründe dafür, eine Gemeinwohl-Bilanz aufzustellen? Kann ein Unternehmen davon profitieren? Indirekt schon, sagt Matthias Fifka, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Man könne Vertrauen erhöhen und das eigene Image verbessern – und so womöglich neue Kunden gewinnen. Oder Risiken früher erkennen.

Um neue Mitarbeiter anzuwerben, könne eine Gemeinwohl-Bilanz ebenfalls hilfreich sein. Gerade junge Berufstätige wollten nicht länger "nur ein Rädchen im System sein", so der Wissenschaftler.

Gemeinwohl-Bilanz sollte nicht nur Werbemaßnahme sein

Von der reinen Ausrichtung auf Profit möchte auch der Businesscoach Christoph Schlachte aus Burgthann, ebenfalls Vereinsmitglied, wegkommen. Da könne eine Gemeinwohl-Bilanz helfen. Ihm ist wichtig, dass diese Analyse veröffentlicht wird, damit Mitarbeiter, Kunden oder Journalisten nachhaken können, ob denn wirklich alles so grün und sozial ist wie angegeben. Die Bilanz dürfe nicht nur als Werbemaßnahme dienen.

Kritisch sieht er, dass die Auditoren, die die selbstverfassten Berichte der Unternehmen auf Firmenkosten prüfen, Mitglied in einem der GWÖ-Vereine sind. Hier wünsche er sich mehr Unabhängigkeit, sagt Schlachte. Er sehe beim Verein aber die Bereitschaft, daran zu arbeiten. Die Koordinatorin der GWÖ-Prüfer, Gitta Walchner, kann sich durchaus vorstellen, dass künftig auch Nicht-Vereinsmitglieder die Bilanzen unter die Lupe nehmen können. Probleme mit der Unabhängigkeit hat es ihrer Ansicht nach bislang aber nicht gegeben.

Noch weit entfernt von harten Kriterien

Aus Sicht der "klassischen Betriebswirtschaftslehre" gebe es an dem Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie einiges zu kritisieren, sagt FAU-Professor Fifka. Viele Begriffe seien "schwammig", beispielsweise die Frage, ob ein Produkt einen "Sinn" erfülle. Von "harten Kriterien" seien die Bilanzen weit entfernt, gibt Fifka zu bedenken.

Doch für Anhänger macht vielleicht genau das den Reiz aus. So ist Unternehmensberater Hans Neumann aus Hilpoltstein, ebenfalls Mitglied im GWÖ-Verein, überzeugt: "Es muss was geschehen." Die Wirtschaft sei einfach zu stark auf das "Materielle" ausgerichtet.

Daniel Hertwig E-Mail

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