Wettbewerbszentrale verklagt Firmen

Grüne Augenwischerei? Was von den Klima-Versprechen der Unternehmen zu halten ist

Manuel Kugler

Redaktion Politik und Wirtschaft

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29.8.2021, 05:55 Uhr
Umstrittene Praxis: Auch klimaneutrale Unternehmen stoßen weiter CO2 aus, kompensieren dieses aber durch Projekte in Entwicklungsländern.

© Julian Stratenschulte, NN Umstrittene Praxis: Auch klimaneutrale Unternehmen stoßen weiter CO2 aus, kompensieren dieses aber durch Projekte in Entwicklungsländern.

Das gute Gewissen liefern die wöchentlichen Werbeprospekte von Aldi Süd gleich mit: "Erster klimaneutraler Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland seit 2017" nennt sich das Unternehmen - und hat deswegen eine Klage der Wettbewerbszentrale am Hals.

Wettbewerbszentrale klagt gegen vier Firmen

Der Verein gegen unlauteren Wettbewerb führt derzeit Gerichtsverfahren gegen vier Firmen, die mit "klimaneutralen" Produkten werben - die Wettbewerbszentrale hält das für irreführend. Grund: Die beklagten Unternehmen erreichen die Klimaneutralität nur deswegen, weil sie Teile ihres CO2-Ausstoßes kompensieren - indem sie zum Beispiel Geld für Baumpflanz-Projekte in Entwicklungsländern geben. Theoretisch lässt sich auf diese Weise für ein Unternehmen selbst ohne jede eigene CO2-Einsparung Klimaneutralität erreichen.

Aldi Süd selbst hat nach eigenen Angaben den Ausstoß klimaschädlicher Gase seit 2012 um drei Viertel reduziert - etwa durch den Betrieb von Photovoltaikanlagen auf den Filialdächern und die Umstellung auf Ökostrom. Der Ansatz, das verbliebene CO2 über Projekte zu kompensieren, sei marktüblich und auch den Kunden geläufig, argumentiert der Handelsriese.

Greenpeace kritisiert Kompensationsprojekte

"Was von den Klima-Versprechen der Unternehmen zu halten ist, das ist von außen schwer zu durchschauen", sagt Greenpeace-Experte Benjamin Stephan. Zu betrachten seien nicht nur die direkten Emissionen, die etwa bei der Produktion anfallen, sondern auch zwei weitere Bereiche: Zum einen, welche Emissionen bei der Gewinnung des Stroms, den das Unternehmen nutzt, entweichen, zum anderen die klimaschädlichen Gase, die bei Zulieferbetrieben und später bei der Nutzung der Produkte durch die Kunden entstehen.

So werbe mancher Autokonzern mit einer klimaneutralen Fabrik, "gleichzeitig fallen bei Pkw mit Verbrennungsmotor aber etwa drei Viertel der Emissionen erst während der Nutzungsphase an", erläutert Stephan.

Die Praxis, Emissionen über Projekte in Entwicklungsländern zu kompensieren, sieht Greenpeace kritisch. Stephan berichtet über ein Projekt in Indonesien, in dem die Zahlungen der westlichen Unternehmen dem Erhalt eines Waldes zukommen. Ohne diese Gelder, sei der Wald in seiner Existenz bedroht, hieß es von den Initiatoren. Doch dafür fand Greenpeace keine Belege. In anderen Fällen gibt es Zweifel, ob die Klimaschutzmaßnahmen nicht auch ohne die Projektmittel aus der Wirtschaft stattgefunden hätten.

IHK: "Niemand in der Wirtschaft ignoriert das Thema mehr"

Fragen, die auch in fränkischen Unternehmen immer wichtiger werden. "Niemand in der Wirtschaft ignoriert das Thema mehr - es ist im betrieblichen Alltag angekommen", sagt Robert Schmidt, Leiter des Geschäftsbereichs Innovation und Umwelt bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nürnberg für Mittelfranken. Allein gestiegene Energiepreise hätten Firmen zum Umdenken gezwungen. Schon 1999 entwarf die IHK deshalb einen Zertifikatslehrgang "Europäischer Energiemanager".

"Die Grundidee ist, in den Unternehmen einen zentralen Kümmerer zu haben", sagt Schmidt. Inzwischen haben auch die anderen deutschen Handelskammern den Nürnberger Lehrgang in ihr Programm aufgenommen, dank Pilotprojekten gibt es inzwischen sogar weltweit Teilnehmer.

Ein Selbstläufer ist Klimaschutz für die Unternehmen aber nicht, mahnt Schmidt: "Für einen Dienstleister ist es einfacher als für eine Kupferhütte oder einen Kunststoffverarbeiter." Zumal gerade Firmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, auch andere Aspekte bedenken müssten: Werden die eigenen Produkte teurer, weil sie klimaschonend produziert sind, ist das ein Nachtteil gegenüber Anbietern aus dem Ausland.

Auch die Großen der Region haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Allen voran will Siemens bis 2030 Klimaneutralität erreichen. Erreicht werden soll das unter anderem über die Umstellung der Fahrzeugflotte auf Elektroantrieb sowie Gebäude, die kein CO2 mehr ausstoßen. So entsteht auf dem neuen Siemens-Campus in Erlangen gerade das größte Holzhybrid-Bauwerk Deutschlands.

Siemens erhöht Druck auf Zulieferer

Auch auf seine Zulieferer erhöht der Konzern den Druck - sie sollen ihre Emissionen bis 2030 um 20 Prozent reduzieren. Dazu errechnet Siemens anhand von Modellen den ökologischen Fußabdruck der Zulieferbetriebe. Wer besonders schlecht abschnitt, sei "kontaktiert und befragt" worden, teilt eine Siemens-Sprecherin mit, die über eine "erhöhte Sensibilität für Klimaschutz" entlang der Lieferkette berichtet. Auf Kompensationsprojekte verzichtet der Konzern bislang, behält sich den Schritt aber vor.

Auch die Datev peilt Klimaneutralität bis 2030 an. "Für die Datev ist Nachhaltigkeit keine Modeerscheinung, sondern seit jeher ein wesentlicher Teil unser Unternehmensphilosophie", sagt Finanzvorständin Diana Windmeißer. "Das, was neuerdings postuliert wird - nämlich ,Nachhaltig ist das neue Profitabel' -, gilt für uns schon lange. Und zwar nicht nur in Hinblick auf Umwelt- und Klimaschutz."

Job-Tickets und E-Ladestationen für die Datev-Mitarbeiter

Bereits 2014 stellte das Softwareunternehmen komplett auf Ökostrom um und setzt seitdem auf mehr Energieeffizienz - etwa, indem die Abwärme des Rechenzentrums zum Beheizen von Bürogebäuden genutzt wird. Um die Emissionen zu senken, die die Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit verursachen, bietet die Datev ihren Beschäftigten verbilligte Nahverkehrstickets und Ladestationen für E-Bikes und E-Autos an.

Ganz ausschließen will die Genossenschaft zwar nicht, zum Erreichen der Klimaneutralität bis 2030 doch noch auf Kompensationsprojekte setzen zu müssen. Bislang gehe man aber einen anderen Weg. "Wir halten es für ehrlicher, die Energie- und Ressourcenverbräuche zunächst zu reduzieren - und erst in einem späteren Schritt über eine Kompensation nachzudenken", sagt eine Sprecherin.

Damit liegt die Datev auf einer Linie mit dem, was Wettbewerbszentrale und Greenpeace von Unternehmen fordern: nämlich mehr Ehrlichkeit über das, was tatsächlich eingespart wird - und weniger grüne Augenwischerei.

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