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"Schwarm" zahlt: Internetnutzer finanzieren Nürnberger Film-Team

Für eine Dokumentation zum Thema "Crowdfunding" streckt nicht die Bank die Mittel vor, sondern die Netzgemeinde - 04.05.2012 12:00 Uhr

Ein Filmteam, das auf den Schwarm setzt: Am Schreibtisch Timon Birkhofer, dahinter v.l. Thomas Sali, Jörg Kundinger, Jan Hagemann und Matthias Bäuerle. © oh


Was sie mit ihrer Themenwahl lostreten würden, war Timon Birkhofer und Jörg Kundinger noch längst nicht klar, als sie gemeinsam mit ihren Mitstreitern Martina Nöth, Jan Hagemann, Matthias Bäuerle und Thomas Sali den Trailer zu ihrem Filmprojekt „Capital C — How the crowd liberates itself“ („Das große C — Ein Befreiungsschlag für die Massen“) drehten. Kaum hatten sie den Werbeclip, mit dem sie derzeit rund 80.000 Dollar für ihren Film sammeln wollen, veröffentlicht, meldete sich ein Unterstützer nach dem anderen.

Interview nach drei Stunden

Allerdings ganz anders, als es die beiden zunächst erwartet hatten: „Nur drei Stunden nachdem wir online waren, führten wir schon das erste Interview mit ,The Next Web‘, einem der größten Online-Blogs der Welt“, berichtet Filmemacher Jörg Kundinger (33). Dem ersten Feedback folgten Experten aus den Bereichen Internet, Musik und Wirtschaft, etwa der berühmte Spiele-Programmierer Brian Fargo, Musikexperte und Entdecker der Rockband Rammstein Tim Renner und der deutsche Unternehmer Bernd Kolb. Sie alle wollten Teil der Dokumentation werden, erzählt Timon Birkhofer (27), Absolvent der Mannheimer Popakademie.

Damit hatten die ehrgeizigen Filmemacher zwar von Anfang an Partner an Bord, die aus beruflicher Sicht bereits die Tragweite von Crowdfunding erkannt hatten, doch ihr Ziel-Publikum, die „Crowd“, die Masse also, galt es noch zu überzeugen. Ein wichtiger Schritt war und ist natürlich, dass die Menschen überhaupt verstehen, worum es geht: „Eigentlich ist es die Verwirklichung des Grundprinzips ,der Kunde ist König‘. Denn letztendlich entscheidet nur er, was umgesetzt wird“, sagt Timon.

„Crowdfunding löst den klassischen Vermittler zwischen einem Erfinder, der ein neues Produkt entwickelt, und dem Endkunden ab. Das heißt, du brauchst weder ein großes Unternehmen noch eine Bank, die deine Idee vorfinanzieren, sondern stellst dein Produkt über das Internet direkt beim Kunden vor. Und wenn sich genügend Leute finden, die an diese Idee glauben und sich im Vorfeld zur Abnahme verpflichten, dann hast du den Betrag X zusammen, um in Produktion gehen zu können“, verdeutlicht Jörg.

Unterstützung aus Europa

In Deutschland allerdings ist der Markt für „Schwarm-Finanzierung“ noch recht überschaubar: Da Timon und Jörg mit ihrem Film aber ohnehin ein weltweites Publikum ansprechen wollen, entschieden sie sich dafür, ihre Dreh-Idee auf „Kickstarter.com“, der weltgrößten Online-Plattform für Crowdfunding, zu präsentieren. „Vielleicht kann man sich die Reichweite dieses Portals mit einem Beispiel besser vorstellen: Allein mit der Anzahl der dort realisierten Comic-Publikationen wäre Kickstarter der viertgrößte Comic-Verlag der Welt, wenn es denn ein Verlag wäre“, macht  Timon deutlich.


Inzwischen haben die beiden nicht nur Unterstützer aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, Schweiz, Polen, England, Spanien, Dänemark, Norwegen, Schweden, USA, Australien und Canada. Die Höhe des Geldbetrags spielt übrigens keine Rolle. Ab einem Dollar werden die Unterstützer regelmäßig über den Stand der Dinge informiert.

Wer 25 Dollar und mehr gibt, erhält bei Fertigstellung eine exklusive DVD und wird namentlich im Abspann genannt. Spenden kann jeder, der sich auf Kickstarter anmeldet oder ein Facebook-Profil hat.

Wikipedia und Obama

Doch zunächst wird das eingesetzte Geld virtuell geblockt. Denn der Film wird nur gedreht, wenn sich bis zum Stichtag, dem 1. Juni, genug Unterstützer finden, um 80.000 Dollar zu sammeln. Wird der Betrag nicht erreicht, gibt es keinen Film und niemand muss zahlen.

Jörg und Timon sind trotzdem zuversichtlich, dass es klappen wird: „Zuletzt konnten wir für Capital C noch eine ganze Reihe prominenter Interview-Partner gewinnen. Darunter Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Scott Thomas, den Chef-Designer von Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf. Sie waren sofort dabei, als sie von unserem Projekt hörten. Hochkarätiger könnte man sich die Besetzung einer Dokumentation über die Crowd nicht wünschen“, freut sich Timon.

Wer genauer wissen will, wie die Crowdfunding-Revolution die Zukunft verändern kann, und vielleicht auch selber etwas dazu beitragen will, findet mehr Infos im Internet unter www.capitalc-movie.com oder unter www.kck.st/CapitalC

 

 VON ANNA SCHNEIDER

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