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Schweinebauern in der Krise: "Wenn es so weitergeht, lass ich die Tiere auf die Straße"

Debatte um Tierwohlabgabe: Landwirte brauchen eine Perspektive - 03.03.2021 11:00 Uhr

„Wenn es so weitergeht, dann mache ich den Stall auf und lass die Tiere laufen“, sagt Edwin Serby, Ferkelzüchter und Schweinemäster aus Adelshofen bei Rothenburg.

04.12.2020 © Christine Roth via www.imago-images.de, NN


Wegen Corona wird weniger geschlachtet, in den Ställen stauen sich die Tiere, die Preise fallen in den Keller: „Wenn es so weitergeht, dann mache ich den Stall auf und lass die Tiere laufen“, sagt Edwin Serby, Ferkelzüchter und Schweinemäster aus Adelshofen bei Rothenburg. Er hält Muttersauen sowie Ferkel und Mastschweine. Die Hälfte seiner Ferkel mästet er selbst, die andere Hälfte der Tiere verkauft er. 60 Euro hat er vor Corona-Zeiten für ein elf Wochen altes Tier bekommen, jetzt sind es noch 32 Euro. Für die Masttiere liegt der Preis offiziell bei 1,19 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht, Anfang des Jahres waren es noch rund 1,80 Euro.



Im Gespräch ist nun eine Tierwohlabgabe von 40 Cent und mehr pro Kilogramm Fleisch. Doch insgesamt sollen Milliarden her, um deutlich mehr Tierschutz in deutschen Ställen durchzusetzen und die Bauern nicht auf ihren Kosten sitzen zu lassen. Die komplizierte Frage ist nur: Wie kann die Finanzierung dafür aussehen? Laut einer am Dienstag vorgelegten Studie für das Bundesagrarministerium sind Preisaufschläge für Verbraucher prinzipiell rechtlich möglich. Doch eine strikte Zweckbindung von Einnahmen nur zugunsten deutscher Tierhalter wäre problematisch, wie die beauftragte Kanzlei deutlich machte. Und bis zur Bundestagswahl im Herbst wird die Zeit knapp.


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Im Moment haben die Bauern das Problem, dass die schlachtreifen Tiere nicht abgenommen werden. 200 Mastschweine im Stall von Edwin Serby haben bereits Übergewicht. „Da bekomme ich sowieso weniger“, sagt der Landwirt. Doch die Tiere will niemand haben, weil wegen Corona weniger geschlachtet wird. 200 Ferkel können deshalb nicht in den Maststall. „Das meine ich ernst, wenn es so weitergeht, lass ich die Tiere auf die Straße laufen, auch wenn ich das nicht darf“, sagt Serby, der mit den Einnahmen nicht einmal seine laufenden Kosten decken kann. „Mal sehen, wie lange die Banken noch mitspielen.“

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Verzweifelt sind auch viele seiner Kollegen. „650.000 Schweine stehen aktuell in den Ställen, die weg müssen“, sagt Hubertus Beringmeier, Präsident des Bauernverbandes Westfalen-Lippe. Er ist selbst Schweinebauer und beim Verband deutschlandweit für Schweine zuständig. Beringmeier kann die Verzweiflung der Bauern verstehen. „Dass die Tiere frei gelassen werden, das unterstützen wir aber nicht.“ Wer solche massiven Probleme habe, solle den Verband kontaktieren. „Wir versuchen dann zu helfen, vielleicht gibt es Kollegen in der Region, die noch einen Stall leer haben“, sagt Beringmeier. Die Bauern seien alle solidarisch und hilfsbereit.

Unter Marktpreis verkauft

Beringmeier weiß jedoch auch, dass die Not sehr groß ist. Er hofft aber, dass es bald besser wird. Dass Lidl nun die Preise für Schweinefleisch erhöht, wie der Discounter diese Woche mitteilte, findet er gut. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Die Preiszuschläge seien enorm. „Wenn ein Bauer 130 Euro für ein Schwein bekommt, dann werden die Teile am Ende für 600 bis 700 Euro im Laden verkauft, das kann nicht sein“, erklärt der Experte. Das Preisproblem gebe es auch bei anderen Lebensmitteln. „Mich hat diese Woche ein Bauer angerufen, der hat neun Euro für den Doppelzentner Kartoffeln bekommen, bei Lidl ist die Ware dann für 69 Euro verkauft worden“, erzählt Beringmeier. Wenn der Landwirt unter 20 Prozent des Verkaufspreises bekomme, dann sei dies ein Unding.

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Beringmeier rechnet jedoch damit, dass sich die Situation in diesem Jahr entspannen wird, weil die Menge sinkt. Die Bauern hätten bereits reagiert und weniger Ferkel gezüchtet, manche haben die Ställe auch schon zusperren müssen. Die Situation der Schweinehalter sei schwierig, weil neben den Preisen immer mehr Auflagen wie ein Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration, das bald greift, die Betriebe belasten.

Auch Jürgen Dierauff, Schweinemäster in der Region Markt Nordheim (Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim), ärgert sich über die vielen Auflagen. Doch aktuell macht auch ihn der „Schweinestau“ zu schaffen. Weil er eine Teilmenge für einen Euro pro Kilogramm, also unter dem aktuellen Marktpreis, an einen Schlachthof verkaufen konnte, ist sein Stall aktuell nicht überfüllt.

Beringmeier kann zwar verstehen, dass manche Bauern aus Verzweiflung so handeln, dass Schlachthöfe die Situation ausnutzen und die Preise drücken, findet er aber nicht in Ordnung. "Wir werden als Verband dagegen vorgehen“, kündigt er an. "Wir werden den Schlachthöfen ordentlich auf die Füße treten. Wir merken uns solche Betriebe und wenn die Schweine knapp werden, sollten sich unsere Mitglieder überlegen, ob sie solche Schlachthöfe noch beliefern.“

Gespräche mit der Politik laufen

Der Bauernverband sei zudem im Gespräch mit der Politik. Damit sich der Rückstau, der aktuell in Deutschland bei vier bis fünf Tagen liegt, nicht weiter aufbaut, müsse wieder mehr geschlachtet werden. Derzeit laufen mit der Politik Gespräche über flexible Arbeitszeiten in den Schlachthöfen.

Beringmeier geht davon aus, dass die Fleischmenge 2021 im Vergleich zu 2020 um zehn Prozent sinkt. Im Supermarkt würden die Verbraucher das aber nicht merken, weil der Versorgungsgrad in Deutschland bei 120 Prozent liegt.

Im 1. Halbjahr 2020 wurden in Deutschland laut Statistischen Bundesamt 2,6 Millionen Tonnen Schweinefleisch produziert, davon wurden 870.700 Tonnen Schweinefleisch im Wert von 2,4 Milliarden Euro exportiert, 233.300 Tonnen gingen nach China. Neben Corona trifft nun ein Exportstopp nach China, der wegen der Afrikanischen Schweinepest verhängt wurde, die Bauern zusätzlich.


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Obwohl die Landwirte immer weniger für das Fleisch bekommen, sind dagegen die Fleischpreise in den Märkten gestiegen. Laut Statistischen Bundesamt mussten Verbraucher für Schweinefleisch im August 2020 im Durchschnitt 8,6 Prozent mehr bezahlen als im August 2019.

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