Staat "heillos" überfordert

Top-Ökonom warnt: Schwere Jahre für Deutschland - "Sorgt selber für euch"

24.4.2022, 18:44 Uhr

Der Krieg gegen die Ukraine hat Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft, die Inflation steigt. Viele Menschen in Deutschland sorgen sich um ihre Zukunft.

Auch Hans-Werner Sinn sieht auf Deutschland schwere Zeiten zukommen. Das Land müsse mit einem schwindenden Wohlstand rechnen. Sowohl die immer weiter ansteigenden Energiepreise als auch die ungelösten demografischen Probleme sowie die enorme Staatsverschuldung der letzten Jahre nennt er in einem Interview mit dem Merkur als mögliche Gründe dafür.

"Sorgt selber für euch. Glaubt nicht daran, dass der Staat das schafft."

"Wir haben nun mal die Baby-Boomer, die heute 56- bis 60-Jährigen, die bald in Rente gehen wollen. Hinter dieser Bevölkerungskohorte kommen nicht mehr allzu viele neue Menschen nach. Wir haben ein riesiges Versorgungsproblem, weil die Arbeitsbevölkerung wegbricht", sagte der Ökonom dem Merkur im Interview. Weiter betont er, dass die sozialen Sicherungssysteme nicht in der Lage wären, "die Entwicklung des Lebensstandards so fortzuführen, wie wir es gewohnt sind". An die Bürger appelliert er, frühzeitig für das Rentenalter zu sparen: "Sorgt selber für euch. Glaubt nicht daran, dass der Staat das schafft".

Gute Zeiten für längere Periode vorbei

Die guten Zeiten seien vorbei, prophezeit Sinn. Und das nicht nur für die nächsten zehn, 15 Jahre, sondern "für eine längere Periode". Sinn wirft dem Staat vor, es versäumt zu haben, Lösungen zu finden. Die Riester-Rente sei "viel zu mickrig und mit viel zu viel Fehlern behaftet“. Der Bund habe mit Riester auf festverzinsliche Anlagen gesetzt, welche enorm inflationsanfällig seien.

Lösung der demografischen Probleme

Um den demografischen Problemen entgegenzuwirken, schlägt Sinn vor, Kinder besser auszubilden, vor allem die vielen Migrantenkinder. "Wir brauchen eine verpflichtende Vorschulerziehung, um diese Kinder besser an die deutsche Sprache heranzuführen".

Weiter betont er, dass die Schulen besser funktionieren müssen, da die letzten beiden Jahre "die reinste Katastrophe" waren. Schuld waren seiner Meinung nach die vielen Lockdowns und der "miserable" Ersatzunterricht am Computer. Laut dem Ökonomen wurden den Kindern "ihre Zukunftschancen genommen".

Rat an junge Menschen

Den jungen Menschen rät Sinn nur eines: "Besinnt euch auf traditionelle Familienbilder, seht zu, dass ihr Kinder habt, damit ihr mit diesen Kindern alt werden könnt. Der Zusammenhalt in der Familie wird angesichts der Schwierigkeiten des Staates immer wichtiger werden."

Kritik an Staatsverschuldung

Der langjährige Ifo-Chef ist außerdem der Meinung, der Bund müsse aufhören, Schulden zu machen und wieder eine langfristige Strukturpolitik betreiben. „Die Regierungen haben in der Pandemie das Geld wie Manna vom Himmel regnen lassen – und gleichzeitig wurden überall Lockdowns verkündet. Das war das Streichholz, mit dem die Inflation entzündet wurde.“

EZB müsse Zinsen erhöhen

Neben dem Bund müsse auch die Europäische Zentralbank ihren Beitrag leisten und die Zinsen erhöhen, um die staatliche und private Kreditnachfrage zu bremsen. „Das Mandat ist ganz eindeutig im Maastrichter Vertrag geregelt: Die EZB muss die Preise stabil halten und darf keine Abwägung mit anderen Zielen wie zum Beispiel Wachstum oder Vollbeschäftigung vornehmen. Hier gibt es überhaupt nichts zu debattieren“, teilte Sinn dem Münchner Merkur mit.

Der ehemalige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn prophezeit schwere Jahre für Deutschland.

Der ehemalige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn prophezeit schwere Jahre für Deutschland. © imago stock&people

Neue Schulden dürfe die Bundesregierung laut Sinn nicht mit Themen wie Bildung, Klimarettung oder Infrastruktur begründen. „Schulden sind unmittelbar inflationär. Man kann diese wichtigen Dinge über Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen in anderen Bereichen finanzieren.“ Der 74-Jährige ist zudem der Meinung, die EZB habe die Preissteigerungen mit verursacht. "Mit frisch geschaffenem Zentralbankgeld wurden Staatspapiere für über 4000 Milliarden Euro gekauft. Dadurch hat die EZB die Zinsen für Staatspapiere runtergedrückt und die Staaten ermuntert, sich zu verschulden".

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