Zehn Jahre nach der Pleite: Wie Quelle unterging

Markus Hack
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Politik- und Wirtschaftsredaktion

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19.10.2019, 06:00 Uhr
Tristes Ende einer großen Tradition: Der Ausverkauf in den Quelle-Kaufhäusern wie hier in Nürnberg besiegelte das Schicksal dieses geschichtsträchtigen Unternehmens und bedeutete für zahllose Mitarbeiter Arbeitslosigkeit.

Tristes Ende einer großen Tradition: Der Ausverkauf in den Quelle-Kaufhäusern wie hier in Nürnberg besiegelte das Schicksal dieses geschichtsträchtigen Unternehmens und bedeutete für zahllose Mitarbeiter Arbeitslosigkeit. © Foto: Roland Fengler

Für das fränkische Versandhaus gibt es im Herbst 2009 keine Hoffnung mehr, nach 82 Jahren geht die Geschichte des Traditionsunternehmens abrupt zu Ende. Es ist ein Schock für die ganze Region. Mit Quelle, das mittlerweile mit Karstadt zum Arcandor-Konzern gehört, bricht einer der größten Arbeitgeber weg.

Die Beschäftigten blicken zu diesem Zeitpunkt auf Monate des Hoffens und Bangens zurück. Noch im Februar hatte Arcandor-Chef Thomas Middelhoff den Konzern an seinen Nachfolger Karl-Gerhard Eick "nicht besenrein, aber wohlgeordnet und aufgeräumt" übergeben, wie der Manager damals sagte.

Dreiste Lüge oder pure Verblendung? Fest steht: Was Eick vorfindet, ist alles andere als ein gut bestelltes Unternehmen. Im Gegenteil. Und so spricht der neue Chef bei seinem ersten Auftritt im März von beunruhigenden Verlusten und einer schwierigen Gesamtverfassung.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Im April braucht Arcandor dringend zusätzliche Kredite in dreistelliger Millionenhöhe. Im Mai fordern Beschäftigte bei Demonstrationen in Berlin und Nürnberg, dass der Staat einspringt. Kanzlerin Angela Merkel spricht sich gegen Staatshilfe aus. Am 9. Juni versagt der Bund endgültig Bürgschaften und finanzielle Hilfen, Arcandor – und damit auch die Quelle – muss Antrag auf Insolvenz stellen. Es ist die größte Firmenpleite nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Folge stellt die Hausbank der Quelle, die Valovis Bank, die Vorfinanzierungen ein.

Der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg steht vor einer Mammutaufgabe: Zusammen mit seinem zehnköpfigen Kernteam muss er sich Überblick verschaffen über ein kompliziertes Firmengeflecht – und sucht nach Investoren. Der Erfolg wird am Ende überschaubar bleiben: Für zwei Call-Center, die Küchen-Quelle, die Foto-Tochter, den Einkaufssender HSE 24, die IT-Tochter Itellium und den Dienstleister Profectis findet Insolvenzverwalter Görg letztendlich Käufer. Eine magere Bilanz.

Zunächst aber bastelt Görg am Sanierungsplan – und präsentiert ihn Mitte August. Er hat dramatische Folgen für Tausende Mitarbeiter, deren Stellen wegfallen sollen. Aber immerhin: Das Konzept lässt das Unternehmen fortbestehen.


Quelle-Areal: Bauantrag für "The Q" soll noch 2019 kommen


Ende Juni verunsichern dann erste Spekulationen, über eine komplette Abwicklung ist zu hören. Mitte September keimt noch einmal Hoffnung auf: Gespräche mit Quelle-Interessenten seien weit fortgeschritten, hieß es damals.

Einen Monat später dann die bittere Nachricht: Es ist vorbei. "Nach intensiven Verhandlungen mit einer Vielzahl von Investoren sehen der Insolvenzverwalter wie Gläubigerausschuss jetzt keine Alternative zur Abwicklung von Quelle Deutschland mehr", heißt es in der Mitteilung, die Görg am 19. Oktober vor zehn Jahren um kurz nach halb zehn abends verschickt.

Die Nachricht reißt den Beschäftigten die wirtschaftliche Existenz unter den Füßen weg. Viele arbeiten seit Jahrzehnten für Quelle, oft sind mehrere Familienmitglieder beim Versandhaus beschäftigt. Tausende in der Region sind von der Abwicklung betroffen und verlieren ihren Arbeitsplatz. Um den Ansturm zu bewältigen, richtet die Arbeitsagentur eine Außenstelle auf dem Quelle-Areal an der Fürther Straße ein.

Einer ist weich gefallen: Konzernchef Karl-Gerhard Eick geht mit einem goldenen Handschlag. 15 Millionen Euro hatte er sich vor seinem Amtsantritt garantieren lassen, abgesichert über eine Bank. Auch Kanzlerin Angela Merkel kritisiert ihn dafür.

Die Wut der verzweifelten Mitarbeiter fokussiert sich aber auf einen anderen: Für die meisten gilt Thomas Middelhoff als Totengräber. Gerufen wurde der Manager, der später wegen Veruntreuung verurteilt wurde, als Retter. Im Gedächtnis geblieben ist er aber vor allem damit: Er verpasste KarstadtQuelle den Kunstnamen Arcandor und verkaufte Konzern-Immobilien unter zweifelhaften Umständen. Was er nicht geschafft hat: Das Unternehmen zukunftsfit machen.

Dabei war Quelle für viele Bundesbürger lange Zeit das Synonym für den Versandhandel. 1927 von Gustav Schickedanz in Fürth gegründet steht Quelle nach dem Zweiten Weltkrieg für den wirtschaftlichen Aufschwung, das Unternehmen steigt zur Nummer eins der Branche auf. Die Melodie des Werbeslogans "Meine Quelle" haben Generationen im Ohr.

Nach dem Tod des Konzerngründers führt seine Frau Grete die Geschäfte weiter bis 1993. Fünf Jahre später schließen sich die Kaufhauskette Karstadt und deren Tochter Neckermann mit Quelle zur KarstadtQuelle AG zusammen. Später halten einige Beobachter diesen Zusammenschluss für den Anfang vom Ende.

Am 19. Dezember 2009 – zwei Monate nach dem Abwicklungsbeschluss also – bleiben die Türen zum Quelle-Kaufhaus an der Fürther Straße endgültig zu. Es ist 17.10 Uhr. Kurz vorher hatte der letzte Kunde das Warenhaus verlassen – mit blauer Bettwäsche in der Tüte.

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