Dienstag, 12.11.2019

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Zusammen statt allein: Wohnprojekte als Trend

Wenn mehrere Generationen gemeinsam leben, hat das Vorteile für eine Gesellschaft, in der viele unter Vereinzelung leiden. In Nürnberg gibt es gute Beispiele. - 11.10.2019 18:26 Uhr

„Ich bin froh, dass ich immer um Hilfe bitten kann“: Angela Meyer (li.) lebt gern im Wohnprojekt in der Marthastraße. Anja von Marschall (Zweite v. li.) hat hier Freunde gefunden, Gabi Lüdenbach (Dritte v. li.) schätzt den Zusammenhalt. Ingegerd Ljungström (Zweite v. re.) arbeitet im Café und Heinrich Haußmann mag das Organisieren. © Foto: Michael Matejka


Die Hornistin engagierte sich ab 2012 für das Mehrgenerationen-Wohnprojekt in der Marthastraße, 2014 zog sie dort ein. "Das war die richtige Entscheidung", freut sich die 43-Jährige.

Wohnprojekte werden immer beliebter. Während es in den 90er Jahren vor allem Ältere waren, die sich ein gemeinschaftliches Wohnen wünschten, suchen aktuell immer mehr Jüngere um die 30 nach alternativen Wohnformen. Nach der Ausbildung, kurz vor der Familienphase, träumen sie nicht vom klassischen Reihenhaus, sondern von der Gemeinschaft der Generationen.

"Natürlich kennt man in einem so großen Projekt nicht jeden", sagt Gabi Lüdenbach. In der Marthastraße wohnen 80 Erwachsenen und 20 Kinder in 62 Mietwohnungen. Gebaut hat den Komplex, zu dem ein Gemeinschaftsgarten, das Martha-Café, eine Kita und Gewerbeflächen gehören, der Verein Wohnen und Integration im Quartier. Um den Kontakt zu erleichtern, haben sich die Bewohner in sechs Gruppen aufgeteilt. Man kocht zusammen, quatscht, es geht aber auch viel um Organisatorisches. Jeder zahlt im Monat drei Euro in die Gemeinschaftskasse ein. Und alle zusammen entscheiden, ob davon eine Kaffeemaschine für den Gemeinschaftsraum oder neue Pflanzen für den Garten gekauft werden. Gerade wird hitzig diskutiert, ob die Terrasse vor dem zu kleinen Gemeinschaftsraum überdacht werden soll.

Margarete Weidinger leitet den Hof e. V., der Wohnprojekte berät und unterstützt. © Foto: Claudine Stauber


"Es gibt durchaus Konflikte", sagt Ulrich Leistner, der viel Verwaltungskram erledigt und auch alle Rauchmelder im Haus wartet. So soll sich zwar jeder in die Gemeinschaft einbringen. Aber Berufstätige oder Alleinerziehende haben nicht immer die Zeit, um im Garten zu buddeln oder mit den Kindern der Nachbarn zu basteln. Nicht jeder verstehe das.

"Ich habe immer freundliche Menschen um mich herum"

"Wir brauchen den Dialog, damit sich Fronten nicht verhärten", sagt Ingegerd Ljungström. Auch ein Wohnprojekt sei keine Insel der Seligen, auch wenn es für die 77-Jährige dem sehr nahe kommt. "Ich habe freundliche Menschen um mich, es ist familiär und vertraut. Brauche ich Hilfe, finde ich sie."

Ljungström ist die treibende Kraft im Martha-Café, in dem sich Menschen aus dem ganzen Stadtteil treffen. Sie stemmt es zusammen mit anderen, ehrenamtlich und mit viel Elan. Zehn Frauen aus dem Wohnprojekt backen die Kuchen. Unentgeltlich.

Mitte der 90er Jahre ging es in Nürnberg und in der Region mit den Wohnprojekten los. "Das erste bestand aus sechs älteren Paaren, die sich in Heroldsberg ein Haus mit Gemeinschaftsküche bauten", erzählt Margarete Weidinger, die Vorsitzende des Hof e. V., der vor 25 Jahren als Koordinations- und Beratungsstelle für Wohnprojekte gegründet wurde.

Es folgten private Initiativen, etwa in der Kernstraße in Gostenhof. Dann stieg auch die städtische Wohnungsbaugesellschaft (wbg) in das Thema ein. 2003 zogen elf Seniorinnen in der Chemnitzer Straße in die Hausgemeinschaft Olga ein, zwei weitere wbg-Projekte folgten.

Sie wohnen zur Miete, kaufen sich gemeinsam Eigentum oder gründen eine Genossenschaft – Wohnprojekte organisieren sich ganz unterschiedlich. Gemeinsam ist fast allen ein langer Findungsprozess, der schon mal zehn Jahre dauern kann. Veronika Spreng, die beim Seniorenamt Gruppen schon lange auf ihrem Weg zum gemeinschaftlichen Wohnen berät, hält diese Phase für sehr wichtig. "Die Gruppe muss gucken, wie sie harmoniert." Schließlich begegneten sich dort "ausgeprägte Individuen, denn sonst würden sie diese Wohnform nicht wählen".

"Wohnprojekte sind keine Hängematte, in der man sich ausruhen kann"

Aus Sprengs Sicht bleibt gemeinschaftliches Wohnen vor allem eine Sache der Älteren. "Viele fangen mit Beginn der Rente an zu grübeln." Die Kinder sind aus dem Haus, es gibt viel ungenutzten Platz und eine Leere, die es zu füllen gilt. Wer jedoch erst im hohen Alter über gemeinschaftliche Wohnprojekte nachdenke, sei zu spät dran. "Sie sind keine Hängematte, in der man sich ausruhen und versorgen lassen kann, jeder muss seinen Beitrag leisten."

Auf der Liste mit Interessenten für Wohnprojekte des Hof e. V. stehen rund 100 Namen, auch von Jüngeren. "Sie profitieren genauso", sagt Weidinger. Sie könnten sich quasi "Wahl-Großeltern" aussuchen, die sie auch mal bei der Kinderbetreuung unterstützen. Und die Senioren bleiben an den Themen der Jüngeren dran. "Man lernt voneinander."

Der Wohnungsmangel in den Städten trage ebenso zu der Verjüngung der Szene bei wie der Trend zur Nachhaltigkeit. Wie viel Wohnraum brauche ich und welche Flächen kann ich mir mit anderen teilen? Auch diese Fragen spielen beim gemeinschaftlichen Wohnen eine Rolle.

Ohne Sozialkompetenz gehe es nicht, sagt Weidinger. Gruppen professionalisieren deshalb ihre Kommunikation immer mehr und holen sich Coaches. Aber weil man immer auch "ein Stück Autonomie und Eigenständigkeit" abgeben müsse, setzten 80 Prozent derjenigen, die sich für die Idee interessieren, sie doch nicht um. Weidinger hat den Einzug ins "Schokoschloss" in der Südstadt nie bereut. 15 Menschen fanden sich dort zusammen. Man trifft sich zum Pilzessen oder im Garten. Kümmert sich um die Gemeinschaftskatze und betreut reihum
das Baby, das zur Hausgemeinschaft gehört. "So zu leben, empfinde ich als unglaublich bereichernd."

 

 

UTE MÖLLER

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