Dienstag, 20.11.2018

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Gespräch mit dem «Einzelkämpfer»im Stadtrat

Stephan Grosse-Grollmann sitzt seit mehr als zehn Jahren im Nürnberger Rathaus - 14.08.2008

Für «Die Guten» im Stadtrat: Stephan Grosse-Grollmann. © Benesch


Sie sind mittlerweile der einzige Stadtrat, der keiner Gruppe, Ausschussgemeinschaft oder Fraktion angehört. Dabei sind Sie reichlich umworben worden. Warum haben Sie dem Werben nicht nachgegeben?

Grosse-Grollmann:
Es stimmt, dass ich mehrfach angesprochen worden bin. Utz Ulrich von der FDP wollte zusammen mit den Grünen und mir zunächst eine Fraktionsgemeinschaft bilden. Als das nicht zusammenkam, versuchte er es mit einer Ausschussgemeinschaft mit den Freien und der ÖDP. Aber mir war die Ausprägung zu konservativ. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Zusammenarbeit aussehen sollte. Ich war auch nicht erpicht, noch einmal eine Gemeinschaft im Rat einzugehen. Der Effekt ist meiner Erfahrung nach zu gering. Die Wahrnehmung meines Profils hat in der Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen in der vergangenen Legislaturperiode eher gelitten. Oft sind Aussagen den Grünen zugeschrieben worden, obwohl sie von mir stammten. Ich wollte auch nicht mehr unbedingt in einen Ausschuss. Ich bin nun in zwei Ausschüssen Stellvertreter, das reicht mir.

Aber jetzt sind Sie einer allein von 71.

Grosse-Grollmann:
In meiner ersten Stadtratsperiode war ich auch allein, und da konnte ich mehr bewegen mit meinen eigenen Anträgen als in der zweite Periode. Klar: Man bekommt etwas weniger mit, wenn man nicht in den Gremien sitzt, aber das nehme ich in Kauf.

Sind Sie jetzt freier?

Grosse-Grollmann:
Ich war immer frei! Ich habe immer meine eigenen Anträge gestellt.

Jetzt regieren SPD und CSU zusammen, wenn auch in «lockerer» Form, wie es heißt. Wäre Ihnen eine rot-grüne Stadtregierung lieber gewesen?

Grosse-Grollmann:
Mein Lieblingsmodell ist eine völlig offene Regierung - ohne Vereinbarung. Jeder kann frei entscheiden, ohne Fraktionszwang. Aber das ist in Nürnberg illusorisch. Ja, da dies nicht möglich ist, hätte ich rot-grün lieber gesehen.

Ist die «lockere» Zusammenarbeit denn besser als die Dreier-Koalition in der vergangenen Ratsperiode?

Grosse-Grollmann:
Zwischen 2002 und 2008 hat die SPD viele Positionen der Konservativen übernommen, etwa beim Frankenschnellweg oder der Nordanbindung des Flughafens. Das ist Konsens geworden zwischen den Großen. Jetzt könnte die SPD im Konfliktfall auch sagen: Das setzen wir gegen die CSU durch. Ich habe nur das Bedürfnis, dass sich etwas bewegt.

Was soll sich bewegen?

Grosse-Grollmann:
Ich betrachte mal einen meiner Schwerpunkte, die Kultur. Hier ist es wichtig, dass der Z-Bau sich weiterentwickelt. Bis heute fehlt es ja noch an den baulichen Grundvoraussetzungen, dabei hat das Gebäude ein großes Entwicklungspotenzial. Das K4 ist im Wandel. Wie wird der dritte Bauabschnitt aussehen? Wie wird das Konzept inhaltlich und räumlich umgesetzt? Da gibt es widerstreitende Interessen. Nürnberg muss auch wegkommen von der Kultur als Event.

Aber die Massen laufen zum Klassik Open Air oder Bardentreffen.

Grosse-Grollmann:
In Nürnberg wird doch ständig gefeiert, ein Höhepunkt jagt den nächsten. Es vergeht doch kein Wochenende mehr ohne Großereignis. Ich finde, durch die vielen großen Veranstaltungen stellt sich auch eine Erschöpfung ein und das kontinuierliche Kulturschaffen wird weniger wahrgenommen. Wir schleppen seit acht Jahren nach dem Stadtjubiläum - siehe Klassik Open Air oder Blaue Nacht - noch immer Dauerangebote mit. Darauf darf man sich nicht ausruhen! Eine Frage: Muss das Kulturreferat immer mehr als Veranstalter auftreten? Nein, es muss sich wieder stärker zurücknehmen. Es muss auch mal wieder mehr experimentiert werden dürfen. Die, die nachkommen, müssen auch eine Chance bekommen, sich zu realisieren. Viele Plätze und Fördertöpfe sind seit langem besetzt. Das nimmt die Kreativität. Hier kann sich das Referat wieder stärker engagieren und fördern. Es ist viel an musealer Fläche geschaffen worden. Das ist aber nicht mehr Kultur, wie ich sie verstehe. In der Fotografie zum Beispiel sollte in Nürnberg viel mehr passieren.

Ein weiteres Lieblingsthema von Ihnen ist der Verkehr. Sie gelten als der Erfinder des Nightliners, der Nachtbuslinie am Wochenende. Das ist Ihnen aber noch nicht genug öffentlicher Nahverkehr.

Grosse-Grollmann:
Der Nachtbus wird auch deshalb so gut angenommen, weil er über die Stadtgrenzen hinweg die Außenbezirke ohne Umsteigen bedient. Das ist genau das Prinzip. Auch der übrige öffentliche Nahverkehr muss weit über die Stadtgrenze hinaus gedacht werden. Aber nicht mit der U-Bahn, wie es derzeit in der Stadtregierung geschieht. Oberirdisch wäre das Angebot viel billiger. Warum nicht Hybridfahrzeuge nutzen, die beides können: unten und oben fahren. Ideal ist eine Stadt-Umland-Bahn, die sich weit in der Peripherie verzweigt und die Menschen vor Ort aufnimmt. Wichtig ist, dass die Fahrgäste wenig umsteigen müssen. Natürlich gehört auch der Ausbau des Radwegenetzes zu einem umweltfreundlichen Verkehrskonzept.

Sie sind kein Freund der Straßenprojekte, die in der Diskussion sind.

Grosse-Grollmann:
Die Straßenprojekte wie Frankenschnellweg und Nordanbindung sind doch sinnlos und viel zu teuer. Aber die Sturheit beider großen Parteien führt dazu, dass wohl gebaut wird.

Dafür geschieht am Platz vor dem Hauptbahnhof nichts.

Grosse-Grollmann:
Leider! Wir brauchen zumindest eine oberirdische Überquerung des großen, stark befahrenen Platzes für Fußgänger. Versetzen Sie sich mal in die Lage eines Touristen, der aus dem Hauptbahnhof kommt und auf die andere Seite will. Der Empfang ist alles andere als freundlich. Für die Gäste müssen wir hier eine viel offenere Situation schaffen. Nürnberg hat seine Plätze nicht im Griff. Belegt sind sie doch nur bei Großereignissen. Die Plätze brauchen ein Gesicht und eine Funktion. Nehmen Sie den Klarissenplatz. Verschenkt! Er ist in der Regel menschenleer, obwohl er ganz nahe an der touristischen Laufroute liegt. Man kann den Platz ja auch für Kunst nutzen. Die Defet-Skulpturen stehen nicht weit entfernt davon, aber kaum jemand nimmt sie wahr. Das ist eine vertane Chance. 

Andreas Franke

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