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Der ewige Lotse

Eine Karikatur findet immer neue Varianten: Horst Haitzinger und der Klassiker von John Tenniel - 20.06.2009

Haitzinger 2007: Beckstein und Huber tragen den Lotsen Stoiber von Bord.


Dabei hatte der Künstler dem Ereignis mit leichtem Unbehagen entgegengeblickt. Als seine ersten Karikaturen gedruckt wurden, hieß der amerikanische Regierungschef Dwight D. Eisenhower – seitdem hat Haitzinger einige Präsidenten kommen und gehen sehen. Es wird immer mühsamer, gesteht er, immer wieder ein neues Bild für einen Präsidenten-Antritt oder -Abschied zu finden.

Manchmal spielt einem Karikaturisten in so einer Situation der Zufall in die Hände, und so kam es im Januar: Wenige Tage vor der Vereidigung des neuen amerikanischen Präsidenten gingen die Bilder eines im Hudson River notgewasserten Airbus um die Welt – eine Steilvorlage für Haitzinger: Prompt ließ er Obama am 21. Januar in den Nürnberger Nachrichten und anderen Zeitungen an Bord eines im Wasser schwimmenden Flugzeugs spazieren. «Der Lotse geht an Bord» stand unter der Karikatur. Damit spielte Haitzinger zugleich auf eine der bekanntesten Karikaturen der Welt an.

Die berühmte Vorlage stammt aus der Feder des Briten John Tenniel und ist unter dem Titel «Der Lotse geht von Bord» fast so bekannt geworden wie der, den Tenniel damals karikierte: Otto von Bismarck. Dessen Rücktritt als Reichskanzler bewegte 1890 die Welt. Und Tenniel, Chefzeichner der Londoner Zeitschrift Punch, stand vor einer ähnlichen Herausforderung wie Haitzinger: Ein Weltereignis wollte zeichnerisch kommentiert werden.

Das Bild, das Tenniel dafür fand, ging – im wahrsten Sinne des Wortes – in die Geschichtsbücher ein. Kaum eine Schüler-Generation, die sich im Geschichtsunterricht nicht an der Interpretation der Karikatur versuchen durfte. Wir sehen Bismarck, der in Seemannskleidung steckt und mit ernster Miene von Bord eines Schiffes geht. Der junge Kaiser Wilhelm II. schaut ihm gelassen hinterher.

Wir aber kommen nicht umhin, uns zu fragen, was aus diesem Schiff - einem Kriegsschiff zumal - werden wird, das seinen Steuermann verloren hat und einem jungen Monarchen überlassen bleibt, der statt wetterfester Kleidung Krone und einen eitel aufwärts gezwirbelten Bart trägt.

Es ist kein Zufall, dass ein Brite hinter der Zeichnung steckt: In Deutschland weinte man dem Reichskanzler keine Träne nach – der Bismarck-Kult sollte erst später beginnen. In England dagegen löste Bismarcks Abgang große Besorgnis aus. Hier ging einer, mit dem Frieden in Europa möglich geworden war.

Haitzinger machte 119 Jahre später aus dem Lotsen, der von Bord geht, kurzerhand einen Lotsen, der an Bord geht. Aus Bismarck wurde Obama, aus dem Schiff ein schwimmendes Flugzeug. «Das ging aber nur, weil die Notwasserung wenige Tage zuvor glimpflich ausging. Andernfalls hätte ich die Finger davon gelassen.»

Es war nicht das erste Mal, dass sich Haitzinger eine neue Pointe ausdachte für das berühmte Motiv. Bestimmt zehn Mal, schätzt er, hat er schon darauf angespielt. Erstmals 1973, «als die Welt auf Nixons Rücktritt wartete.» Aber Nixon blieb. Breitbeinig steht der US-Präsident in Haitzingers Karikatur aus dem Jahr 1973 auf dem Schiff, während Uncle Sam hinter ihm zum Fußtritt ansetzt.

Attraktiv war das (Staats-)Schiff auch 1980: Gleich zwei Lotsen, Ernst Albrecht und Franz Josef Strauß, wollten damals an Bord. Haitzinger verlegte das Gerangel im unionsinternen Rennen um die Kanzlerkandidatur auf die Zugangsleiter zum Schiff. Lachender Sieger war Helmut Schmidt, dem der Posten des Steuermanns am Ende nicht streitig gemacht werden konnte.

Noch fester im Sattel als Schmidt saß bekanntlich Edmund Stoiber. 14 lange Ministerpräsidentenjahre dauerte es denn auch, bis Haitzinger ihn zum Lotsen machte, der dann prompt von Erwin Huber und Günter Beckstein von Bord getragen wurde!

Der Lotse und das Schiff – bis heute fällt es nicht schwer, die Metapher zu verstehen; darin wurzelt vermutlich der einzigartige Erfolg des Motivs. Mühelos ziehen wir die Parallele zwischen Schiff und Staat, zwischen Steuer- und Staatsmann. Der Titel «Der Lotse geht von Bord» avancierte zur Redewendung, und das Bild wanderte in den Fundus, aus dem sich Künstler bedienen. Nicht nur Haitzinger hat Tenniels Original immer wieder herbeizitiert. Weltweit wurde das Motiv in ungezählten Variationen neu aufgelegt. «Ich kann nur staunen, welche Varianten so ein vermeintlich schlichtes Motiv abwirft», sagt Haitzinger fasziniert.

So beeindruckend ist das, was seit 1890 mit der Karikatur passiert ist, dass das Karikaturenmuseum in Hamburg ihren 100. Jahrestag mit einer Ausstellung würdigte. Die Reihe der Lotsen, die Seite an Seite an den Museumswänden hingen, reichte von Winston Churchill über Bruno Kreisky bis hin zu Mao Tse-tung und Erich Honecker.

Dass Künstler nun ausgerechnet Tenniels Zeichnung zum Karikaturenklassiker erhoben haben, ist dabei eine Pointe, die sich niemand besser hätte ausdenken können. Schließlich lässt die Zeichnung all das vermissen, was wir schlechterdings von einer Karikatur erwarten: Satirische Verzerrung? Fehlanzeige. Nicht einmal eine Spur von Ironie finden wir in Tenniels Werk.

Die vielleicht berühmteste Karikatur der Welt ist «ganz brav gezeichnet» und «eigentlich keine Karikatur», sagt denn auch Haitzinger und weist darauf hin, dass Tenniels Realismus wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass das Zeitungspublikum um 1890 nicht in dem Maße mit Bildern von Personen der Zeitgeschichte vertraut war wie wir heute. «Es hätte viel größere Mühe gehabt, einen gnadenlos überzeichneten Bismarck zu erkennen.»

Warum zog nun aber gerade diese «brav gezeichnete» Karikatur die Menschen von Anfang an in ihren Bann? «Das Bild hat wohl absolut den Nerv der Zeit getroffen», vermutet Haitzinger. «Das wurde so empfunden, dass das Staatsschiff hilflos umherschlingert.» Was Tenniel mit «Der Lotse geht von Bord» gelungen ist, sieht Haitzinger als das Grundprinzip seiner Arbeit an: «Ich will aus der politischen Situation ein kleines Bühnenbild machen.» Dass einige «Requisiten» manchmal vom Betrachter überinterpretiert werden, lässt ihn schmunzeln. Das Bullauge hier oder der Schuhlöffel in einer anderen Karikatur seien nur im Bild, versichert er, weil sonst eine kahle weiße Stelle die Bildkomposition gestört hätte. «Was Schüler oder Lehrer aber schon in so einen Schuhlöffel hineininterpretiert haben, das geht auf keine Kuhhaut!»

Eine kleine Diashow mit weiteren Karrikaturen finden Sie hier 

Claudia Ziob

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