Dienstag, 20.11.2018

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Einst herrschte hier die «schöne Susi» aus Sachsen

Die Geschichte des Schlosses Oberbürg - 23.12.2008

So hat das Schloss Oberbürg einst ausgesehen. Dies ist die älteste erhaltene Fotografie. Guido von Volckamer hat die Vorderfront im Jahre 1895 aufgenommen.


Im Ersten Markgrafenkrieg 1449 wurde der Hof zerstört und lag lange Zeit in Trümmern. Erst im Lehensbrief von Kaiser Friedrich III. aus dem Jahr 1465 an die Familie Groland ist die Rede von einer öden Hofstatt, in einem öden Weiher gelegen. Wäre hier vorher schon eine Burg gestanden, hätte man nicht von einer öden Hofstatt, sondern von einem öden Burgstall gesprochen, das heißt von einer Stelle, an der früher eine Burg gestanden hat. In militärischen Angelegenheiten pflegte nämlich der Rat der Stadt - angesichts der ständigen Bedrohung durch die hohenzollerschen Markgrafen - genau zu sein.

Blütezeit unter einem Adeligen aus Kärnten

1487 taucht dann erstmals die Bezeichnung zum obern pürgleins auf. Nun ist eindeutig von einer kleinen Burg die Rede, die immer noch den Groland gehörte. Über verschiedene Zwischenbesitzer kam Oberbürg an die Familie Kanler, welche die «kleine Burg» fast ein Menschenleben lang besaß. Es ist ihr Verdienst, die Burg zu einem prächtigen Schloss ausgebaut zu haben. Als 1637 dann Hans von Blansdorf aus Kärnten Oberbürg erwarb, begann die große Blütezeit des Schlosses, das zu einem Domizil für adelige österreichische Glaubensflüchtlinge (Exulanten) wurde.

1693 erwarb die Gräfin Margaretha Susanna von Zinzendorf, später verheiratete von Polheim, Schloss Oberbürg. Die «schöne Susi», wie sie genannt wurde, war vorher die Geliebte des inzwischen verstorbenen sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. gewesen. Unter der sehr kunstsinnigen und tatkräftigen Gräfin von Polheim entwickelte sich nun Oberbürg zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt des aus Österreich ausgewiesenen hohen protestantischen Adels, der im politischen, militärischen und diplomatischen Dienst an den europäischen Fürstenhöfen eine herausragende Rolle spielte. 1721 starb die Gräfin; sie war gerade 61 Jahre alt. Ihr Leichnam wurde nachts bei Fackeln nach Wöhrd gebracht und in der Familiengruft beigesetzt. Abrupt endete so die Blütezeit.

Nach einer wechselvollen weiteren Entwicklung kaufte 1880 der aus altem thüringischem Adel stammende Baron Wilhelm von Leuckart auf Weißdorf, Oberbürg und Dürrenmungenau das Schloss. Eine letzte große Glanzzeit der Oberbürg begann. Zu Gast waren Kronprinzgemahl Rupprecht von Bayern, Herzog Heinrich von Mecklenburg, der Prinzgemahl der Niederlande, oder Prinzregent Luitpold von Bayern. Nach dem Tod Wilhelm von Leuckarts folgte 1927 sein Bruder Dr. jur. Friedrich von Leuckart als Schlossherr.

Das Innere des Schlosses war seinerzeit stilvoll eingerichtet: Ein glasüberdachter Lichthof verband beide Schlosstrakte. Im Erdgeschoss lag der Zinzendorf-Saal mit Ahnenbildern und Wappen. Bei festlichen Anlässen wurden die Räume mit Kerzen beleuchtet. Zum ersten Stock, wo eine stattliche Bibliothek untergebracht war, führten zwei Freitreppen. Die meisten Kunstschätze stammten noch aus der Zeit, als die Zinzendorf Schlossherren waren. Beeindruckt berichtete August Sieghardt von einem Besuch im Schloss: «Reizendes Mobiliar aus der Empire- und Biedermeierzeit belebt die Gemächer, durch deren schmale Fenster sich entzückende Ausblicke auf den Park und zum Pegnitztal eröffnen. Überall, wohin man in diesem Schloss blickt und geht, weht einem der Hauch einer jahrhunderte alten Tradition entgegen, deren Strahlungen wir noch seltsam spüren, wenn wir längst aus diesem Märchenschloss gegangen sind.»

Nie ging der Baron in einen Stall

Unter den Leuckarts war Oberbürg zu einem Mustergut, spezialisiert auf Milch- und Eierproduktion, ausgebaut worden. Der Baron, der unverheiratet war, galt bei seinen Untergebenen als ein immer freundlicher und stets korrekter Mann. Er war niemals launisch. Schon die Kinder bewunderten ihn in seinem Gesellschaftskragen mit umgebogenen Ecken, seidener Krawatte, Brillantnadel und seidener Weste. Freilich rüttelte er, obwohl er bekennender Christ war, nicht an den Standesunterschieden: So hat der Baron grundsätzlich nur mit seinem Diener und Verwalter gesprochen. Bei allen anderen Beschäftigten bedankte er sich durch Abnehmen seines Hutes sehr höflich für den Gruß; führte aber mit ihnen kein persönliches Gespräch. Im Kuhstall oder in den Hühnerställen ließ sich der Baron nie blicken.

In der Nacht vom 28. auf den 29. August 1943 verwüstete ein Luftangriff der Alliierten alles. Am frühen Morgen gegen fünf Uhr stand das Schloss in hellen Flammen und brannte aus. Obwohl der Feuerlöschzug oben an der Straße bei Laufamholz stand, erfolgte aus bisher nicht eindeutig geklärten Gründen kein Befehl zum Löschen.

Es blieben nur die Umfassungsmauern stehen. Die Wirtschaftsgebäude ließen sich notdürftig instandsetzen, so dass ein Verwalter die Bewirtschaftung noch einige Jahre fortführen konnte. Der Baron zog nach Wassermungenau, wo er 1951 starb. Da ein Wiederaufbau des im Wasserschutzgebiet gelegenen Schlosses unmöglich war, verkauften die Erben der Familie von Leuckart 1955 das Anwesen an die Ewag.

Nach Vorgaben des Landesamtes für Denkmalpflege erfolgte im Februar 1966 der Abbruch des Gebäudes bis auf die Grundrissformen und das Portal. Die äußeren Umfassungsmauern wurden weitgehend abgetragen, die Ecktürmchen zugemauert. Absicht war eine Erhaltung in würdigem Zustand. Doch es entstand nicht etwa - wie beabsichtigt - eine gepflegte Grünanlage (NZ vom 8. 2. 66), vielmehr ist das heute von der Aqua Opta, einem Tochterunternehmen der N-Ergie verwaltete Areal inzwischen völlig verwildert - eine Schande für die Aqua Opta, aber auch für Nürnberg. Vandalismus hat überall deutliche Spuren hinterlassen.

Oberbürg war nach den Worten von Erich Mulzer einst das größte und repräsentativste Barockschloss der Stadt. Wer heute durch das heruntergekommene Ruinengelände schweift, dem kommen die Worte in den Sinn: Sic transit gloria mundi - so vergeht der Ruhm der Welt. 

Hermann Rusam

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