Mittwoch, 19.12.2018

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Nürnberger Kaufhäuser in der Nachkriegszeit

Protest gegen Betonarchitektur - 11.08.2009

Ende einer Epoche: Im August 1997 wird das Hertie-Kaufhaus von verkleideten Mitarbeitern symbolisch zu Grabe getragen. Archivbild: Guttenberger


Es ist kein Zufall, dass sich die Altstadtfreunde 1950 gründen, just in dem Jahr, als die Kaufhof-Filiale in der Königstraße als erstes neues Warenhaus der Stadt seit Kriegsende gebaut wird. Die monatelange Diskussion um die moderne Fassade, die das vom Nürnberger Architekten Franz Reichel entworfene Gebäude bekommen soll, bringen viele engagierte Bürger dazu, sich dem neuen Verein anzuschließen. «So nicht!» ist auch damals ihre Position – mit bescheidenem Erfolg: Es entsteht ein modernes Warenhaus im Stil der 50er Jahre.

Bei der Eröffnung am 10. November 1950 staunen viele Nürnberger dann nicht schlecht, als sie zum ersten Mal Rolltreppen bestiegen, die die Kunden zwischen den Verkaufsetagen hinauf und hinunter befördern. So viel «High Tech» ist vielen noch unbekannt. Nicht nur deshalb wird das neue Kaufhaus zum Erfolg und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer wieder erweitert und umgebaut. Der heutige Kaufhof in der Königstraße hat deshalb nur noch wenig mit dem umstrittenen Bau von 1950 zu tun.

Auch beim Bau von Hertie sechs Jahre später ziehen die Kritiker moderner Architektur den Kürzeren: In nur 200 Tagen wächst ein weiteres Betonkaufhaus aus dem Boden der Innenstadt. 7300 Quadratmeter Verkaufsfläche, 500 Quadratmeter Ladenfläche – und der Konkurrent Kaufhof auf der anderen Straßenseite.

Als der Nürnberger Hertie 1997 dicht gemacht wird, ziehen die 233 Mitarbeiter auf die Straße: «Karstadt lacht, hat Hertie platt gemacht» steht auf ihren Transparenten. Hintergrund dafür ist, dass Marktführer Karstadt erst drei Jahre vorher die kleinere Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH übernommen hat – und seitdem in ganz Deutschland eine Hertie-Filiale nach der anderen schließt.

Die übrig gebliebenen Häuser werden später in Karstadt umbenannt. In Nürnberg ist kein Platz für beide Ketten: Die große Karstadt-Filiale steht nur wenige Hundert Meter entfernt. Seit 1999 steht an der Stelle von Hertie das Einkaufszentrum «City Point».

Karstadt dagegen beherrscht nach wie vor das Bild der Innenstadt: Mit 26 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 100 Abteilungen und 200 000 Produkten gehört die Nürnberger Filiale seit 1978 zu den großen Warenhäusern in Deutschland. Allerdings war dafür jahrelange Vorarbeit notwendig.

Schon kurz nach Eröffnung der ersten Karstadt-Filiale in Nürnberg am 23. Oktober 1969 – im am gleichen Tag eröffneten Franken-Einkaufszentrum – verkündet der Konzern sein Vorhaben, in der Innenstadt ein neues Warenhaus bauen zu wollen. Eine Baulücke zwischen Karolinen- und Adlerstraße, in unmittelbarer Nähe zum Lorenzer Platz ist der dafür vorgesehene Platz. Dort will Karstadt einen direkten Zugang zur geplanten U-Bahn bekommen – ein möglicher Kundenmagnet.

Streit um die Fassade eskaliert im Oktober 1976

1975 heben schwere Baufahrzeuge dann die gewaltige Gruppe in der Innenstadt aus, in der im September des selben Jahres auch die Tunnelarbeiten für die U 1 beginnen. Nicht geklärt ist bis dahin immer noch die Frage, wie das künftige Kaufhaus überhaupt aussehen soll: Karstadt will einheitliche Warenhausarchitektur, die Stadt pocht auf ein Konzept, das sich in die Altstadt einpasst. Ein ums andere Mal lehnt der Baukunstbeirat deshalb die Entwürfe des Architektenteams Winkler-Kappler ab. Im Oktober 1976 droht der Streit zu eskalieren.

Karstadt hat zu diesem Zeitpunkt eines neues Druckmittel in der Hand, von dem die Firma auch Gebrauch macht: Werde nicht schnell der Bau genehmigt, so könnten die Bauarbeiten auch nicht los gehen – und wenn die Bauarbeiten am Kaufhaus nicht starteten, dann kann die U-Bahn nicht weiter gebaut werden. Der für das nächste Jahr geplante Start der U 1 sei dadurch gefährdet.

Die Altstadtfreunde toben ob dieser Politik: «Nötigung» werfen sie dem Konzern vor. Die geplante «bizarre Betonrippen-Fassade» lehnen sie ab – und diesmal hat ihr «So nicht!» Erfolg.

Nachdem Baureferent Otto Peter Görl selbst Skizzen für ein neues Fassadenkonzept vorlegt, einigen sich die Streitparteien. «Endlich Ja zu Karstadt-Plänen» titelt die «NZ» am 16. Januar 1977. Eindreiviertel Jahre später eröffnet Nürnbergs größtes Kaufhaus endlich seine Pforten. 

Wolfgang Kerler

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