Sonntag, 09.12.2018

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Porträt eines Straßenmusikers: Akkordeonspieler Ivan Hajek

19.01.2010

Auch bei Schneetreiben spielt Ivan Hajek mit vollem Körpereinsatz, gleichzeitig wirkt er in sich versunken – das fasziniert die Passanten. © Joswig


Im Osten seien angeblich alle Musiker talentiert, die Musik sei immer traurig, und wenn er erzähle, dass er aus Kladno bei Prag stamme, erwarteten alle Blasmusik von ihm: «Völliger Quatsch, meine Musik hat überhaupt nichts Östliches!» Vielleicht ist die Frage nach dem Alter ja unverfänglicher? Wieder vergeigt! «Alles Schubladendenken! Was hat das mit meiner Musik zu tun?» Vierzig plus müsse reichen!

Ich mustere den Mittvierziger unauffällig: dunkelbrauner Bürstenhaarschnitt, durch den sich ein rot-blond gestreifter Irokesenschopf zieht. Auch die verwaschenen Jeans und der schlicht bedruckte dunkelblaue Thermo-Sweater sind nicht das Outfit, das man von einem Musiker erwartet, der mit dem Akkordeon am 24. Januar drei Stunden lang – unterstützt von dem Schlagzeuger Rolf Berger sowie dem Percussionisten und Magier Daniel Burley – den Kleinen Saal der Meistersingerhalle unterhalten wird.

«Wer mit fünf Jahren Geige und seit dem achten Lebensjahr Akkordeon spielt, ist ausgebildeter Musiker», erklärt er. Vor allem, wenn er eine berühmte Lehrerin gehabt habe, deren Bestreben es gewesen sei, Talente zu fördern. «Die nahm nicht jeden. Man musste gut sein und üben, üben, üben!»

Warum er nach dem Abitur an einer Sportschule («Ringen war mein Lieblingsfach») Fachabitur an einer Wirtschaftsschule mit kombinierter Ausbildung zum Verkäufer und Verkaufsleiter gemacht hat und dann in den Westen kam? «Ich wollte Paris, Rom und London sehen». Gut, dass er eine Großtante in München hatte: Anlaufstelle und Ausgangspunkt zugleich. Dort traf er berühmte Akkordeonspieler, auch seinen neuen Lehrer Georg Schwenk. Der riet ihm vom Besuch des Konservatoriums ab.

Besser sei es, Privatunterricht zu nehmen: «Gottseidank, sonst würde ich den gleichen Schmarrn spielen wie alle andern», tönt Hajek und zerteilt den Palatschinken vor sich. Ein anderer Lehrer habe ihm gezeigt, wie er ein neues Stück, wofür er sonst drei Monate hätte üben müssen, in zehn Minuten durchspielen könne. «Solche Leute geben einem Geheimnisse mit auf den Weg, die man an einer Musikhochschule nicht kriegt.» Der Erfolg dürfte ihm Recht geben.

Schließlich hat Hajek schon Hallen gefüllt. Seine Konzerte brachten ihn quer durch Europa, und TV-Auftritte sogar bis ins japanische Fernsehen. Der Mann komponiert Musik für Tanztheaterstücke und war in 52 Filmen vom «Tatort» bis zum Hollywood-Schinken «Julia Walking Home» an der Musik beteiligt. Erst vor kurzem holte ihn die Regisseurin Doris Dörrie ins Boot, für ihren Film «Die Friseuse», der am 18. Februar anläuft. Auf Festivals ist er genauso zuhause wie in Tonstudios oder Fußgängerzonen. Und Letzteres ist keine Schande: Wolfgang Ambros, Marc Bolan, Rod Stewart, Paul Simon und Lemmy Kilmister haben schließlich auch mal klein auf der Straße angefangen.

Auf die Straße sollten wir auch langsam raus! Zumindest wenn die Fotos, die ich von ihm machen will, noch bei Tageslicht etwas werden sollen. Aber Ivan Hajek muss noch dringend in einen Copyshop. «Bestellzettel für CDs und Veranstaltungshinweise», entschuldigt er sich. Ob ich kurz warten könne? In 15 Minuten sei er wieder da. Gut, trinke ich halt einen Veltliner Heurigen und betrachte die rustikale Dekoration. Hätte ich doch Hackbraten mit Sauerkraut und Böhmischen Knödeln bestellt! Ich wäre längst fertig, weil Hajek erst nach 50 Minuten wiederkommt («Sorry, es schneit!»).

Rasch kramt er seine Ausrüstung zusammen: zwei Alukoffer mit CDs für den Straßenverkauf, Akkordeonkoffer, Hocker und die Handzettel aus dem Copyshop. Und eine Sackkarre, auf der er seine Ausrüstung durch die Fußgängerzone schiebt. Was hatte ich erwartet? Einen Tourbus? So überraschen mich seine Ankündigungen nicht weiter: «Die Straßenmusikzeit war ganz gut. Aber irgendwann muss man auch etwas Gescheites machen. Ich werde dieses Jahr berühmt, richtig berühmt, das weiß ich ganz sicher. Nicht nur, weil es mir vor langer Zeit eine Wahrsagerin gesagt hat», ist er überzeugt.

60 Konzerte will er nach dem Nürnberger Tourneestart geben. Dann soll Schluss sein mit der Straßenmusik. Warum das denn? Hat er nicht vorhin noch das hohe Lied der Straße gesungen? Dass der große Vorteil sei, dass man hier immer ganz genau wisse, für wen man spiele? Nicht, dass in Nürnberg die Bedingungen für Straßenmusiker schlecht wären. Drei Euro pro Tag kostet ihn das, und 15, wenn er eine Woche lang spielt. Will er eigenproduzierte CDs verkaufen, fallen zusätzlich zehn Euro an. Mehr als fünf Künstler oder Gruppen zur gleichen Zeit dürfen es in der Altstadt nicht sein. «Und nach 30 Minuten muss der Standort um mindestens 100 Meter verlegt werden», darauf weist auch Corinna Frank vom Liegenschaftsamt hin, die die begehrte «Sondernutzungserlaubnis» in Nürnberg vergibt.

Während wir uns durch immer dickere Schneeflocken kämpfen, fällt ihm ein, dass er noch Handschuhe braucht. «Kleinen Moment!» – und schon ist er abgetaucht in einen 1-Euro-Laden. Schauen mich nicht erste Passanten abschätzig an? Wie eine Obdachlose, mit all ihrer Habe auf einer Sackkarre? Schon klappert die erste mitleidige Münze. Leute, ich bin doch nicht der «Paganini des Akkordeons»! Ivan ist es!

Große Pläne hat er. Für einen Boxer wie Walujew oder Klitschko würde er gern eine Hymne komponieren. «Ich möchte den Sport unterstützen, so hat jeder etwas davon. Ich verlange nichts von den Sportlern und die nichts von mir. So hat es bisher immer funktioniert.» Sein Konzept steht längst.

Wir bauen uns vor Karstadt auf, wir drapieren CDs in den mit blauem Samt ausgeschlagenen Koffer. «Die Krise ist brutal», das merkt auch Ivan Hajek. Woran? «Früher trugen die Leute mehr Einkaufstüten. Jetzt haben sie kein Geld mehr». Es ist lausig kalt. Aber Hajek ist das gewohnt. Natürlich kann auch er nicht auf Knopfdruck losspielen. Ohne Konzentration geht gar nichts.

Aber heute ist Ivan Hajek in Stimmung. Fest umklammert er sein Akkordeon und spielt, als ginge es um sein Leben. Sofort bleiben Zuschauer stehen – und werfen Münzen auf den blauen Samt. Dann ziehen sie sich mit Bratwurstbrötchen oder Glühwein in den Schutz der Arkaden zurück, lauschen und träumen.

Verstimmt sich Hajeks Instrument, wird es teuer: «Eine Reparatur kostet ab 160 Euro aufwärts.» Es ist eben ein echtes «Ottavianelli» aus Castelfidardo in der Provinz Ancona, dem Mekka aller Akkordeonliebhaber in Italien.

Nicht zu fassen: Jetzt bin ich schon wieder Kindermädchen! Und allein mit dem Ottavianelli, den CDs, der Sackkarre und dem Geld. Mit einem kurzen «Muss auf die Toilette» und «Brauche nur schnell Halstropfen» entschwand der Künstler. Klar, es ist 17 Uhr. Und gegen das Glockengeläut der Lorenzkirche anzusingen, schlägt auf die Stimmbänder. CDs dagegen lassen sich mit deutlich weniger Stimmeinsatz verkaufen. Eifrig redet Hajek auf ein Ehepaar ein. Man kennt sich. Dagmar und Michael Krause kommen schließlich schon seit über zehn Jahren vorbei. «Wir finden ihn immer irgendwo. Man braucht nur den Ohren nachzugehen», meint Michael Krause. Und Gattin Dagmar ergänzt: «Der Sound ist schon von weitem zu hören – er ist verbunden mit diesem Mann!»

Stimmt! Einen Hajek gibt’s nur einmal. Und der ist in seinem Element, lässt Kalauer vom Stapel wie «Österreich hat Mozart. Deutschland hat mich!» Manchmal ist sein Humor so überdreht wie sein Selbstbewusstsein. Aber wenn er in die Tasten greift und dem Instrument Töne entlockt, die fast gar nicht von einem Akkordeon stammen können, hat er die Wirtschaftskrise, den Schnee und die Halsschmerzen vergessen. Nur nicht seine Überzeugung: Dieses Jahr wird er berühmt. Da ist er ganz sicher!

Konzert in der Meistersingerhalle

am 24. Januar, 20 Uhr,

www.hajekivan.de;

www.ivan-hajek.de
 

Kerstin Joswig

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