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Vor 150 Jahren starb "Adler"-Lokführer Wilson

Kohlen schaufeln in Frack und Zylinder - 10.04.2012 22:00 Uhr

Im Jahr 2005 wurde im DB-Museum ein Film über William Wilson und andere historische Persönlichkeiten gedreht. Die Schauspieler auf dem Führerstand verkörpern Georg Zacharias Platner, Johannes Scharrer und Wilson. © Wilhelm Bauer


Doch der Mensch gewöhnt sich an alles, und auch die Eisenbahn hatte irgendwann ihren Sensationscharakter abgeschliffen. Die eigentliche Attraktion war bald nicht mehr die fauchende Maschine, sondern der Herr, der sie bediente. Deutschlands erster Lokführer, ein worthy Gentleman from England, stets tadellos in Frack und Zylinder gekleidet: William Wilson.

Am 18. Mai 1809 in Walbottle geboren, versuchte Wilson sein Glück in den tieferen Gegenden: er lernte beim Eisenbahnpionier George Stephenson im englischen Newcastle und brachte es dort zum Maschineningenieur und Lokführer. Damit gehörte William Wilson zur technologischen Avantgarde seiner Zeit.

Die Empfehlung kam direkt von Stephenson

Als Nürnberg in der High-Tech-Schmiede Newcastle um ein Exemplar der Dampflokomotive vorsprach, empfahl Stephenson höchstselbst seinen Ingenieur Wilson. Denn der sollte nicht nur den Transport des „Adler“ nach Nürnberg begleiten und die ersten Fahrten unternehmen, sondern obendrein die Deutschen in Bedienung, Wartung und Reparatur der Maschine anlernen.

Wilson überwachte in Newcastle höchstpersönlich die Zerlegung der Lokomotive in ihre Einzelteile, die ordnungsgemäße Verpackung bis zum letzten Schräubchen, und ging zusammen mit der Maschine per Schiff auf Reise: von England nach Rotterdam und dann den Rhein hinauf bis nach Köln. Beinahe wäre der Adler auf Grund gelaufen. Weil die Kisten so schwer waren (Gesamtgewicht 14 Tonnen) und der Rhein im Sommer wenig Wasser führte, ging es mit dem Transport nicht so recht voran. Bereits in Köln stieg Wilson auf Karren um und gelangte über Offenbach endlich am 26. Oktober 1835 nach Nürnberg. Dort baute Wilson in der Werkstatt von Johann Wilhelm Späth den „Adler“ wieder zusammen; aber erst zeichneten Schüler des Polytechnikums alle Einzelteile ab. Nach einigen Probefahrten war es dann im Dezember 1835 endlich soweit.

Eigentlich sollte William Wilson nach acht Monaten wieder zurück nach Newcastle reisen. Doch er blieb. Die Nürnberger wollten ihn einfach nicht gehen lassen. William Wilson war für die Nürnberger das, was man heute eine „Kultfigur“ nennt. Hochgewachsen, perfekt gekleidet, ein Muster an Souveränität, Selbstsicherheit und Pflichterfüllung, dazu mit einem starken Akzent gesegnet (denn Deutsch lernte der Ingenieur erst in Nürnberg), strahlte er die Meisterschaft dessen aus, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Das kam gut an in einer Stadt, die sehnsüchtig ihrer vergangenen Glorie hinterhertrauerte und gleichzeitig wieder auf dem Sprung nach ganz vorne war.

Stets wollten die Passagiere nur mit ihm fahren; standen einmal die Kollegen Rech und Bockmüller auf der Plattform, war der Zug merklich schwächer besetzt. War es das Gefühl absoluter Sicherheit, das auf die Fahrgäste ausstrahlte? Wilson war sozusagen Kapitän und zugleich Gallionsfigur des Adlers, der Garant dafür, dass nichts passieren konnte und zugleich der Garant einer gewissen Noblesse der Fortbewegung. „Jede Schaufel Steinkohlen, die er nachlegt, brachte er mit Erwägung des rechten Maßes, des rechten Zeitpunktes, der gehörigen Verteilung auf den Herd“, beobachtete ein Reporter des „Stuttgarter Morgenblatts“.

Diese unvergleichliche Souveränität registrierte die Eisenbahndirektion sehr schnell und ließ sich deshalb ihren Lokführer einiges kosten. Stets verlängerte sie den Vertrag – und Wilson blieb, obwohl ihn auch lukrative Angebote von auswärts lockten. Wilson verdiente 1500 Gulden, 300 Gulden mehr als der Direktor der Eisenbahngesellschaft. Das sollte eigentlich reichen für einen dicken Wintermantel und festes Wetterzeug. Aber nein, ein Mann, der den Hochlandwinden standhält, muss auch der Zugluft auf der Plattform trotzen. 1842 fing sich Wilson eine schwere Erkrankung ein, von der er sich nicht mehr vollständig erholen sollte. Dennoch hielt Wilson noch zwanzig Jahre aus, bis er am 17. April 1862 auf das endgültige Abstellgleis rangierte. Endstation Johannisfriedhof. Dort kann man noch heute seinen Grabstein besichtigen: „Hier ruhet Herr William Wilson, Maschineningenieur u. Führer d. ersten Locomotive in Deutschland.“Von Deutschlands erstem Lokführer gibt es wenigstens noch ein Grab. Nicht aber von der Lokomotive: Den Adler hatte die Stadt bereits fünf Jahre zuvor nach Augsburg verkauft. Dort verliert sich seine Spur. 

Reinhard Kalb

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