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Als die Kunst ganz Nürnberg empörte

Vom Ärgernis zum Stadtmobiliar – 40 Jahre nach dem "Symposion Urbanum" - 18.05.2011 07:00 Uhr


Vor 40 Jahren ging der Münchner Kabarettist Dieter Hildebrandt durch die Straßen der Stadt Nürnberg. Hier zelebrierte man gerade den 500. Geburtstag von Albrecht Dürer, und Hildebrandt war eingeladen, im Studio des Bayerischen Rundfunks eine Art satirische Schlussbilanz der Feierlichkeiten zu ziehen. Bei seinen Spaziergängen beobachtete der Kabarettist mitten in der Stadt Künstler beim Bearbeiten von Steinen, Stämmen, Metallgebilden. Neue, ungewohnt wirkende Skulpturen veränderten das Stadtbild. Und die Menschen stritten darüber.

Dieter Hildebrandt wurde Zeuge, wie das „Symposion Urbanum“ die Gemüter der Nürnberger Bürger erhitzte. Auch diese Veranstaltung war ein Teil der Dürer-Feiern. Der österreichische Bildhauer Karl Prantl hatte sie angestoßen. Der Galerist und Pinselfabrikant Hansfried Defet hatte die Idee begeistert aufgenommen. Der amtierende Baureferent Otto Peter Görl konnte gewonnen werden. Und nun waren 29 Künstler aus der ganzen Welt (ausgewählt aus rund 700 Bewerbern) dabei, mit ästhetischen Objekten einzugreifen in das träge urbane Gefüge mit seiner halbherzigen Haltung zwischen Wiederaufbau à la Moderne und seufzender Sehnsucht nach dem Mittelalter.

Die Stadt bekam das Symposion der Skulpteure, das ihr schnell überregionale Aufmerksamkeit in den Medien bescherte, beinahe geschenkt. Der größte Teil der anfallenden Kosten (Honorare, Materialien, Aufenthalt der Künstler) wurde durch Mäzene gedeckt. Dem Baureferat blieben etwas mehr als 100000 Mark abzugelten. Und dafür standen ohnehin Mittel für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum bereit. Aber die meisten Nürnberger schauten dem geschenkten Gaul nicht nur skeptisch, sondern ablehnend und aufgebracht ins Maul.

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40 Jahre Symposion Urbanum

Vor 40 Jahren wurde anlässlich des 500. Geburtstags Albrecht Dürers in Nürnberg und Erlangen das Symposion Urbanum veranstaltet. Die Ausstellung der Skulpturen im öffentlichen Raum sorgte für Furore: Die Öffentlichkeit war empört. Manches Objekt wurde beschädigt, andere sogar zerstört. Heute gehören die Kunstwerke zum Stadtbild und werden kaum mehr wahr genommen. Um das zu ändern, stellt das städtische Baureferat unter www.baureferat.nuernberg.de eine umfangreiche Dokumentation zur Verfügung. Auch die Blaue Nacht Ende Mai rückt die Kustwerke zurück ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.


Als sich dann auch noch Joseph E. Drexel, der Herausgeber der „Nürnberger Nachrichten“, mit einem Artikel zum Sprecher dieser Mehrheit aufwarf, war der Kunstskandal beinahe programmiert. Einige Kunstwerke wurden mit Steinen beworfen, eines wurde beschossen und eines der charmantesten, der „Wegweiser“ oder „Nürnberger Finger“, wurde wenige Wochen nach der Aufstellung nahe beim Flughafen gänzlich zerstört.

Dieter Hildebrandt war von einem Freund, dem Schriftsteller Horst Krüger, vor den Nürnbergern gewarnt worden. Die seien un- bis amusisch, hatte der gesagt. Als der Kabarettist im Februar 1972 beim Bayerischen Rundfunk „das vorläufig letzte Wort zum Dürerjahr“ sprach, beschrieb er die Vorkommnisse folgendermaßen: „Schön, der Verein Symposion Urbanum glaubte nicht an die Feststellung Horst Krügers, dass die Nürnberger Bürger unmusisch bis amusisch seien, sammelte eifrig Geld und bat 32 Künstler aus aller Welt, in die Stadt zu kommen, um ... Moment, das kann ich gar nicht so treffend formulieren, wie es im Programm steht ... mit ihren Werken ,eine lebendige Verbindung zwischen den Umweltanliegen der Stadtbewohner und den Wirkungsmöglichkeiten bewusster, moderner, künstlerischer Gestaltung‘ herzustellen. Viele Bürger schienen diese Art der Gestaltung für einen vorsätzlichen Akt der Umweltverschmutzung zu halten. Sie heulten förmlich auf. Ich zitiere einen der größten Heuler: ‚Rohre aus Stahl stecken wie Pfähle im Fleisch des historischen Stadtkörpers.‘ – Auaa!“

Der Schlachtenlärm um die Kunst war also laut vor 40 Jahren in Nürnberg. Er ist längst verhallt. Aber was ist geblieben von dem einstigen Aufreger? Hat sich die Aufregung gelohnt? In der „Nürnberger Zeitung“ hatte der damalige Oberkonservator des Germanischen Nationalmuseums, Wulf Schadendorf, zum Abschluss des Symposions diesen Ausblick gewagt: „Wahrscheinlich zehn bis zwölf Werke werden in 20 Jahren Zeichen des Dürerjahres sein, die unsere Kinder kennen.“

Schadendorf meinte damals, dass sich nur ungefähr bei einem Drittel der Beiträge zum „Symposion Urbanum“ überzeitliche Qualität erweisen würde. Damit dürfte er richtig gelegen haben. Manche Steinarbeit (die Granitblöcke von Arthur Trantenroth), manche Metallarbeit (Barna von Sartorys Röhrenplastik) entsprach einem sehr erratischen und sehr industrieverliebten Zeitgeschmack. Einige Werke standen tatsächlich einfach so rum, öffneten sich nicht in die Stadtlandschaft, akzentuierten sie nicht, irritierten mehr, als dass sie Denkanstöße gaben. Andere aber haben ihren haptischen (Karl Prantls Schwarzer Stein am Hauptmarkt),

formalen (Raffael Benazzis Holzfigur im Schmuckhof) oder spielerischen (Hein Sinkens Windspiel am Wöhrder See) Reiz auch nach 40 Jahren bewahrt.

Und Hans Jürgen Breustes Installation „Overkill“ als bedrohliche Anhäufung von Kriegsschrott ist 2011 in ihrer antimilitaristischen Kraft genauso aktuell, wie sie es 1971 war. Warfen die Bürger den meisten Produkten des Symposions abstrakte Inhaltsarmut vor, scheint hier die Deutlichkeit der Aussage Ärgernis erregt zu haben. Sogar die Stadt selbst zeigte Tendenzen, die Plastik von ihrem Standort vor der Schule am Maffeiplatz zu entfernen. Inzwischen hat sie ihren Platz vor dem Eingang zur Zeppelintribüne gefunden: ein großes Zeichen gegen den Missbrauch von Macht – und Architektur.

Doch kennen Wulf Schadendorfs spekulative Kinder und Enkel diese Objekte wirklich als Produkte einer Aufsehen erregenden Kunstaktion in Nürnberg? Kaum. Die Artefakte gehören inzwischen ganz selbstverständlich zum Mobiliar der Stadt. Niemand stößt sich mehr an ihnen, aber keiner beachtet sie auch. Einige sind, wie erwähnt, zerstört worden. Einige sind verschwunden oder privatisiert. Die meisten sind einfach noch da, wirken wie natürlich verwachsen mit ihrem urbanen Umfeld. Aber nicht einmal die zuständigen kommunalen Stellen wissen noch genau darüber Bescheid. Das „Symposion Urbanum“ ist heute fast eine Aufgabe für Stadtarchäologen.

Zum 40. Jubiläum gibt es zwar eine Diskussion zum Phänomen. In der Blauen Nacht am 28. Mai werden die Symposions-Relikte in der Innenstadt speziell ausgeleuchtet. Und das städtische Baureferat hat gerade eine Bild-Broschüre zum Thema veröffentlicht – im Internet. Was aber damals fehlte und immer noch fehlt, ist eine sowohl informative wie analytische Auseinandersetzung mit dieser Kunst in dieser Stadt, eine kunsttheoretische und durchaus auch kunstpädagogische Handreichung für Bürger und Gäste.

Vielleicht wären Horst Krügers amusische Nürnberger dann lernfähiger gewesen. So aber haben sie im Jahr 2006 wieder aufgeheult, als Olaf Metzel den Schönen Brunnen mit Stadionstühlen umgab. In dieser Hinsicht war das „Symposion Urbanum“ von 1971 ganz sicher kein nachhaltiger Bildungserfolg.

Die aktuelle Dokumentation über das „Symposion Urbanum“ ist auf www.baureferat.nuernberg.de herunterzuladen. Kontakt: Tel. 2314800

  

Herbert Heinzelmann E-Mail

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