Donnerstag, 15.11.2018

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Architektur als Mischung von Formen

Historisches Bauen in der Stadt - 13.08.2010 12:49 Uhr

Das Eckhaus in der Reichstraße 21 ist ein besonders schönes Beispiel für den Nürnberger Stil. Es ist eine Melange von Elementen der Neorenaissance und Neugotik. Spitzgiebelige Dacherker und Fabelwesen dienen als Schmuck. © Harald Sippel


Die vielgestaltige Tradition lässt sich gar nicht so leicht gegen eine Moderne, die auch höchst unterschiedliche Weg geht, ausspielen. Und: Es gibt keinen starren, über alle Epochen hinweg unveränderten Nürnberger Stil, Architektur war auch in der Vergangenheit immer umstritten.

Herbert May, stellvertretender wissenschaftlicher Leiter der Heimatmuseums in Bad Windsheim und früherer Stadtheimatpfleger, hat für die NZ-Leser eine Stilkunde des historistischen Bauens versucht. Es scheint eine Art Naturgesetz zu sein, dass kulturelle Schöpfungen bestimmter Epochen von den unmittelbar nachfolgenden Generationen meist gering geschätzt werden. So findet heute die rohe, unkaschierte, betongraue Architektur der späten 1960er und frühen 1970er Jahre wie die Noris-Halle, die auch unter dem Stilbegriff des "Brutalismus" firmiert, vor unseren Augen immer noch keine Gnade. Ganz ähnlich erging es noch vor Jahrzehnten den Schöpfungen, die der Historismus hervorgebracht hat. Der Historismus hat zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem frühen 20. Jahrhundert vor allem in Architektur, aber auch ganz allgemein in der Sachkultur auf ältere Kunststile zurückgriffen.

Ein Beispiel für den Nürnberger Stil. Das Haus steht in der Rieterstraße und stammt aus dem Jahr 1903. Es ist deutlich zu erkennen, wie Elemente alter Baustile zu einem neuen vermischt wurden. Eine Postmoderne, bevor es den Begriff gab. © Harald Sippel


Er ahmte diese nach und ging mit ihnen schöpferisch und frei um. Stilpluralismus nannte man diesen Rückgriff auf die historischen Stile der Gotik, der Renaissance oder des Barock. Der "deutsche Styl" Die Stilentwicklung in den wenigen Jahrzehnten, in denen der Historismus prägend war, stand vor allem unter dem Einfluss der Suche nach dem "deutschen Styl", der zwischen der Gotik und der Renaissance entschieden werden sollte. Stand zwischen 1840 und 1860 die Neugotik als Baustil im Vordergrund, so entwickelte sich danach, vor allem in den 1870er Jahren, die Neorenaissance zum dominierenden Baustil.

Dieses schöne Beispiel für den Jugendstil steht in der Friedrichstraße. Schräg gegenüber wurde im Jahr 1923 die Oberfinanzdirektion gebaut. Dort wurden Stilformen des Neo-Barock benutzt. © Harald Sippel


Die Dominanz der Neorenaissance steht in engem Zusammenhang mit der 1871 erfolgten Gründung des Deutschen Reiches. Vor allem für das Bürgertum des frisch gegründeten Nationalstaates galt die deutsche Renaissance als eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit, und deshalb taugte sie in hohem Maße als vorbildhafter Stil in der neuen Zeit - für Häuser wie auch für Möbel.

"Gründerzeitmöbel" werden die Möbel im Neorenaissancestil vor allem im Antiquitätenhandel auch gerne genannt, wobei mit der Gründerzeit in der geschichtswissenschaftlichen Terminologie eigentlich nur die ersten Jahre nach der Reichsgründung bezeichnet werden, der Stilbegriff aber die gesamte Zeitspanne von der Reichsgründung bis ins frühe 20. Jahrhundert umfasst, in der die Neorenaissance eine entscheidende Rolle spielte. In der Spätphase des Historismus standen die verschiedenen Stile mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander, die Neorenaissance hatte ihre eindeutige Dominanz verloren.

Die Kammzüge in der Fassade sind charakteristisch für den Jugendstil. Auch die Fratze hat Charme. © Harald Sippel


Bereits seit den 1880er Jahren gingen zarte Impulse vom Neobarock und vom sogenannten Dritten Rokoko aus. Der auch nach dem französischen Bürgerkönig Louis-Philippe benannte "Zweite Rokoko" war um die Mitte des 19. Jahrhunderts bis etwa 1870 stilprägend gewesen. In der Baukunst hielt sich der Neobarock beträchtlich lange: Noch nach dem Ersten Weltkrieg hat er in Nürnberg den Siedlungsbau geprägt.

Der "Nürnberger Stil" In Nürnberg entwickelte sich der sogenannte "Nürnberger Stil", der sich ab etwa Mitte der 1880er Jahren spezifische Baudetails der Nürnberger Altstadthäuser des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit - vor allem Chörlein, Eckerker, nachgotischer Dekor (Maßwerk) oder spitze, hohe Dächer mit Dacherker - zum realen Vorbild für neues Bauen nahm und ihn mischte mit dem klassischen Formenrepertoire der Renaissance (Säulenordnungen, Rollwerk, Beschlagwerk, Voluten, etc.). Der "Nürnberger Stil war somit gewissermaßen die Nürnberger Variante der deutschen Neorenaissance bzw. des "deutschen Styls". Die prominentesten Vertreter des "Nürnberger Stils" waren die Architekten Konradin Walther (1846-1910), Karl Hammer (1845-1897) sowie der denkmalpflegerisch orientierte Josef Schmitz (1860-1936). Von Konradin Walter stammt der 1889 erbaute "Deutsche Kaiser" in der Königstr.

Meuschelstraße: Das eine Haus (ganz links) ist ein Beispiel für den eher nüchternen Gründerzeitstil. Rechts dagegen dominieren florale Motive und bunte Farben. Jugendstil in seiner schönsten Form (Hausnummer 25).


Einen entscheidenden Fürsprecher hatte der Stil in dem Kunsthistoriker Paul Johannes Rée (1858-1918). Der namhafte Architekt Emil Hecht zählte dagegen zeitweise zu den größten Kritiker des Nürnberger Stils. Er kritisierte, dass es den Nürnberger Stil historisch in der Ende des 19. Jahrhundert aufgenommenen Art und Weise nie gegeben hat und dass die Fassaden in aller Regel im 16. und frühen 17. Jahrhundert wesentlich schlichter durchgebildet waren, was durchaus richtig ist, wenn man von den herausragenden Ausnahmen wie Pellerhaus oder Fembohaus absieht.

Nach Hecht "wimmelt es in den rasch wachsenden Vorstädten von Neubauten im Altnürnberger Stil, dessen Motive bis zur Bewusstlosigkeit ausgepeitscht werden." (E. Hecht, in: Deutsche Bauzeitung, 1899, S.99) Der Jugendstil Ein Hauptanliegen der Jugendstilbewegung war es, dem als verlogen, überladen und schwülstig empfundenen Historismus eine geistige und künstlerische Erneuerung entgegenzusetzen. Ein wesentlicher Kritikpunkt der Jugendstilarchitekten war die nachlassende Qualität des kunstgewerblichen Produktes und der bauhandwerklichen Qualität.

Kennzeichnend für den Jugendstil ist das ausgeprägte Bedürfnis nach schmückender Ausgestaltung der Bauten und Fassaden und die Mischung und Kombination unterschiedlicher Materialien (Werkstein, Mosaiken, Majolika). Wollte man sich die teuren Materialien nicht leisten, dann suchte man nach kostengünstigeren Oberflächenbehandlungen in der kreativen Gestaltung der Putzflächen (z.B. Kammzug-Dekoration). Die Dekoration kann linear, kreis- oder wellenförmig ausgeführt werden. Auch ist die Lust an der Buntheit und an grellen Farben im Jugendstil immer wieder zu verzeichnen. Die Phase des Jugendstils erreicht in Nürnberg um 1905 ihren Höhepunkt und ist um 1910 bereits wieder fast vorbei. Zu den allerersten Jugendstil-Gebäuden in Nürnberg. zählt die Friedrichstr. 50 (von 1901) mit den auch typischen floralen Elementen, die Natur in die Stadt tragen, ferner mit Delphinmasken, Vögel, Fruchtgehänge, Bäumchen mit Schlangen. Das Gebäude ist erst kürzlich aufwändig saniert worden, dabei ist auch die originale Farbigkeit wiederhergestellt worden. 

Von Herbert May, André Fischer und Harald Sippel (Fotos)

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